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Mittwoch, 24.05.2017
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Dicke werden für dumm gehalten

Neue Studie belegt Vorurteile schon bei Kindern und Jugendlichen

Studien in den USA haben ergeben, dass dicke Menschen generell negativ eingeschätzt werden. Forscher haben nun untersucht, ob schon Kinder und Jugendliche in Deutschland solche Vorurteile haben. Ergebnis: fettleibige Gleichaltrige gelten als unsympathisch, dumm und faul.
Übergewicht wird immer häufiger

Übergewicht wird immer häufiger

Kinder können gegenüber ihren Altersgenossen grausam sein. Wer zum Beispiel anders aussieht als die anderen, wird schnell ein Opfer von Hänseleien. So geht es oft auch dicken und vor allem fettleibigen Kindern und Jugendlichen, obwohl immer mehr Menschen im frühen Alter übergewichtig sind. Professor Ansgar Thiel und Manuela Alizadeh vom Institut für Sportwissenschaft der Universität Tübingen und Professor Stephan Zipfel von der Abteilung Psychosomatik der Medizinischen Universitätsklinik Tübingen haben nun in einer Studie rund 450 Schüler im Alter von zehn bis 15 Jahren zu ihrer Einstellung gegenüber adipösen Gleichaltrigen befragt. Adipös bedeutet: deutliches Übergewicht, ein Body-Mass-Index (BMI) von 30 und größer. Der BMI, das Verhältnis von Körpergröße und -gewicht, wird berechnet als das Gewicht in Kilogramm geteilt durch die Körpergröße in Metern zum Quadrat.

Sympathie-Reihenfolge ermittelt


Kinder sind jedoch nicht so einfach zu befragen wie Erwachsene. Daher haben sich die Forscher auf bestimmte Stereotype konzentriert, nämlich auf die fünf Aspekte Attraktivität, Intelligenz, Leistungsbereitschaft, Spielpartnerpräferenz und Sympathie. Befragt wurden 230 Mädchen und 224 Jungen im Alter von zehn bis 15 Jahren. Der eine Teil von ihnen besucht eine Hauptschule, der andere ein Gymnasium. „Wir haben die Untersuchung sehr einfach gehalten“, sagt Thiel. „Wir hatten Fotos von Kindern, die eine Art mittleren Durchschnittstyp darstellten: jeweils einen normalgewichtigen Jungen und ein Mädchen, jeweils einen normalgewichtigen Jungen und ein Mädchen im Rollstuhl sowie zwei adipöse Kinder, auch hier einen Jungen und ein Mädchen.“ Diese sechs Bilder sollten die Studienteilnehmer nach Sympathie in eine Reihenfolge bringen beziehungsweise danach, mit wem sie am liebsten spielen würden. Bei der Intelligenz, der Faulheit und der Attraktivität fiel vielen Kindern die Sechser-Reihenfolge schwer.

„Dort haben wir daher nur gefragt, wer von den Sechsen jeweils das intelligenteste, das am wenigsten intelligente, welches Kind am hübschesten und am wenigsten hübsch war.“ Als faul seien in früheren Studien adipöse Menschen oft tituliert worden. Daher fragten die Forscher die Schüler, die an der Studie teilnahmen, auch: Wer ist von den sechs dargestellten Kindern am ehesten das faulste, welches das am wenigsten faule?


Die Studienergebnisse fasst der Thiel so zusammen: Die adipösen Kinder wurden als am wenigsten sympathisch angesehen und am seltensten als Spielkameraden bevorzugt. Am sympathischsten war den Studienteilnehmern das normalgewichtige Mädchen. Die Werte der körperbehinderten Kinder lagen etwa in gleicher Höhe wie die des normalgewichtigen Jungen. "Bei der Spielkameradenpräferenz lehnten die weiblichen Studienteilnehmer die adipösen Kinder noch stärker ab als die Jungen", sagt Thiel. Das normalgewichtige Mädchen hielten die meisten Befragten für das hübscheste Kind. In dieser Kategorie seien die körperbehinderten nicht öfter genannt worden als die adipösen Kinder: „Als am wenigsten hübsch stuften 87,1 Prozent der Befragten die adipösen Kinder ein, allein 69,5 Prozent den Jungen.“

Dicke haben schlechte Eigenschaften - angeblich


Doch damit nicht genug. Die übergewichtigen Kinder wurden in den restlichen Kategorien am häufigsten mit schlechten Eigenschaften in Verbindung gebracht. „Die adipösen Kinder wurden nur in 2,6 Prozent der Fälle als die intelligentesten eingeordnet. Das adipöse Mädchen nannten 25 Prozent als das am wenigsten intelligente Kind, den adipösen Jungen sogar zwei Drittel“, sagt Thiel. Dick wurde sehr häufig auch mit faul gleichgesetzt: Die beiden adipösen Kinder wurden zu fast 95 Prozent als die faulsten angenommen, der Junge allein schon mit 75 Prozent. Thiel erklärt diesen Unterschied in den Befragungsergebnissen zwischen dem adipösen Jungen und dem Mädchen damit, dass in diesem Alter die Sportlichkeit und Körperlichkeit bei einem adipösen Jungen als stärker beeinträchtigt wahrgenommen werde als bei einem Mädchen.

„Ganz auszuschließen ist natürlich auch nicht, dass es an den konkreten Bildern gelegen hat“, sagt er. Bei der Intelligenz und der Faulheit urteilten die befragten Jungen und Mädchen etwa gleich, außerdem habe es kaum Unterschiede zwischen den Befragungsergebnissen der Schüler von der Hauptschule und dem Gymnasium gegeben. Nur der adipöse Junge sei von den Hauptschülern in Sachen Faulheit minimal weniger negativ gesehen worden.

"Insgesamt bestätigten die Studienergebnisse die früheren US- amerikanischen Studien in erschreckender Weise - obwohl unsere Fragen bewusst sehr einfach gehalten, sehr stereotyp waren", wie der Forscher sagt. Allerdings habe es bei den Studienteilnehmern manchmal Diskussionen gegeben über die Art der Befragung, der Zuordnung von Eigenschaften zu Kindern, die man nur auf einem Bild gesehen hat. Manche Schüler hätten sich auch geweigert mitzumachen.

Stellenwert des Aussehens steigt


Was ist Schönheit?

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Doch wie kommt es eigentlich zu einem solch negativen Bild von stark übergewichtigen Menschen? Noch in den 1950er-Jahren hat man Menschen mit großer Körperfülle oft als besonders erfolgreich angesehen. „Das Bild scheint in den 70er-Jahren gekippt zu sein mit dem Aufkommen des Massensports“, sagt der Sportsoziologe Thiel. „Das Aussehen erhielt einen höheren Stellenwert.“ Übergewicht könnte dem Wissenschaftler zufolge auch deswegen als negativ empfunden werden, weil die Gesellschaft "entkörperlicht" wurde, mangels zu verrichtender körperlicher Arbeit.

„Jetzt heißt das Schlagwort Fitness - und das ist Arbeit an sich selbst. Adipösen wird eine mangelnde Bereitschaft unterstellt, an sich zu arbeiten. In diesem Sinne gelten sie dann als faul“, sagt Thiel. Das führt zur Stigmatisierung. Er will die sportsoziologischen Untersuchungen an adipösen Kindern fortsetzen: Haben sie einen kleineren Freundeskreis als andere Kinder? Suchen sie sich häufiger virtuelle Freunde? Werden sie generell zu bewegungsfeindlichen Menschen? Antworten auf solche Fragen wären auch wichtig, um negativen Entwicklungen im späteren Leben adipöser Kinder früh entgegenwirken zu können.
(idw - Universität Tübingen, 19.09.2007 - DLO)
 
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