Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Donnerstag, 09.02.2012
Aminosäure verrät Hirntumore
Neues Verfahren erlaubt genauere Diagnose
Forscher im Jülicher Institut für Nuklearchemie haben eine kurzlebige radioaktive Aminosäure entwickelt, die deutlich genauere Angaben über Hirntumoren und deren Ausbreitung erlaubt als das bisher möglich war.

Forschungslandschaft Gehirn
Forschungslandschaft Gehirn
© Hemera
In Kombination mit einer weiteren Methode können die Hirnforscher in Jülich und im Universitätsklinikum Düsseldorf einen Hirntumor sogar mit einer Wahrscheinlichkeit von 97 Prozent diagnostizieren. Dazu wird das neue Verfahren mit der Magnet-Resonanz-Spektroskopie (MRS) kombiniert. Ergeben beide einen krankhaften Befund, können die untersuchenden Ärzte sicher sein, dass ein Hirntumor vorliegt. Dabei gilt: Je früher ein Tumor entdeckt wird, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine Therapie erfolgreich verläuft.

Hohe Diagnosewahrscheinlichkeit
Die Diagnose von Hirntumoren ist oft ungenau. Die als Standardverfahren eingesetzte Magnetresonanztomographie oder Kernspintomographie kann die Ausdehnung des Tumors nicht sicher erfassen. Denn eine Kernspintomographie zum Beispiel kann nicht zwischen Krebsgeschwür und anderen Veränderungen – zum Beispiel einem entzündlichen Prozess –im Kopf unterscheiden. Um endgültige Gewissheit über einen eventuell vorhandenen Krebs zu erlangen, müssen mehrere Gewebeproben vom Hirn entnommen werden. Das ist ein lebensgefährlicher Eingriff.

Mit einer neuen Methode können die Forscher am Forschungszentrum Jülich die Ausdehnung des Tumors genauer vorhersagen und unnötige Probeentnahmen aus gesundem Hirngewebe vermeiden: Die Wissenschaftler im Jülicher Institut für Medizin injizierten Patienten mit Verdacht auf einen Hirntumor eine kleine Dosis radioaktiv markierter Aminosäure (O-(2-[F-18]Fluorethyl)-L-Tyrosin) – kurz: FET. Mit der anschließenden Positronen-Emissions-Tomographie (PET) konnten sie die Aufnahme und Verteilung der Aminosäure im Gehirn messen.

Dabei nutzten sie einen besonderen Effekt: Da Tumoren Aminosäuren für ihr Wachstum brauchen, nehmen Krebsgeschwüre die Substanz etwa vier Mal stärker auf als das restliche Gehirn. Dadurch lässt sich anhand der – sehr niedrigen – radioaktiven Strahlung später der Tumor genau lokalisieren. Die Überlagerung der Bilddaten verschiedener Messverfahren kann schließlich genauere Aussagen über die tatsächliche Ausdehnung von Hirntumoren liefern.

Weniger Risiko
Der Leiter der Jülicher Forschungsgruppe, Prof. Dr. Karl-Josef Langen, verweist dabei auf das verhältnismäßig geringe Risiko der Untersuchung: "Der Körper wird einer Strahlung ausgesetzt, die nicht größer ist als bei einer Röntgenuntersuchung", so Langen. Weiterer Vorteil der Methode: Die Aminosäure kann in großen Mengen hergestellt und problemlos zu den rund 80 PET-Geräten in Deutschland transportiert werden. Die bisher verwendeten Aminosäuren sind nur mit sehr kurzlebigen Strahlern markiert worden (20 Minuten Halbwertszeit) – und damit nur in jenen Kliniken verfügbar, die die Aminosäuren selber herstellen können.

Da es unterschiedliche Arten von Tumoren gibt, richtet sich die empfohlene Therapie immer nach dem Befund einer Gewebeprobe. Durch die neue Methode können unnötige und diagnostisch nicht verwertbare Probeentnahmen aus Hirnregionen vermieden werden, die vom Tumor gar nicht befallen sind. Das ist ein substantieller Fortschritt.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Krebs, MRT, Magnetresonanztomographie, DIagnose, TUmor, Gehirn
Weitere News zum Thema
Fasten lässt Krebstumore schrumpfen (09.02.2012)
Zwei Tage nichts essen macht Chemotherapie effektiver
Jeder Vierte stirbt an Krebs (06.02.2012)
Lungen- und Bronchialkrebs häufigste Todesursache
Übergewicht ist ein Risikofaktor für Krebs (03.02.2012)
Auswirkungen ähnlich stark wie beim Rauchen
Wie Zellen ihren Müll entsorgen (24.01.2012)
Forscher entschlüsseln die Struktur der zellulären Proteinabbau-Maschinerie
Chromosomen-Explosion verursacht Hirntumore (23.01.2012)
Veränderung im Erbgut lässt Zellen besonders leicht zu Krebs entarten
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Dossiers zum Thema
Viren und Krebs
Entdeckungsgeschichte einer „unmöglichen“ Beziehung
Gehirnforschung
Dem menschlichen Denken auf der Spur
News des Tages
Gletscher und Seen beeinflussen Erdbeben
“Killer-Dinos” wurden Vegetarier
Zwischenhirn macht Welt stabil
Aminosäure verrät Hirntumore
Macht Kopieren krank?
Magnetsensor macht Gaspedal schnell
Pocken: Als Biowaffe gefährlicher denn je?
Top-Clicks der Woche
1. Wie der Maulwurf zu zwölf Fingern kommt
2. Supererde in bewohnbarer Zone entdeckt
3. Supervulkane werden schnell wieder aktiv
4. Erster Nano-Blick in das lebende Gehirn
5. Tempolimit auf dem Quanten-Highway