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Dienstag, 21.08.2018
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Tibet: Rätsel der Mega-Lawinen gelöst?

Klima und Untergrund verursachten einzigartigen Kollaps von gleich zwei Gletschern

"Unmöglicher" Kollaps: Im Sommer 2016 löste sich in Tibet plötzlich der gesamte untere Teil eines Gletschers und raste als Megalawine zu Tal. Kurz darauf geschah das gleiche bei einem Nachbargletscher. Das Rätselhafte daran: Eigentlich waren die Hänge viel zu flach um selbst kleine Lawinen auszulösen – und eine offensichtliche Ursache fehlte. Warum diese Mega-Lawinen trotzdem entstanden, haben Forscher erst jetzt herausgefunden.
Am 17. Juli 2016 kollabierte der gesamte untere Teil eines Talgletschers im Aru-Gebirge in Tibet - schon das war äußerst ungewöhnlich.

Am 17. Juli 2016 kollabierte der gesamte untere Teil eines Talgletschers im Aru-Gebirge in Tibet - schon das war äußerst ungewöhnlich.

Lawinen und Eisfälle sind in den Hochgebirgen keine Seltenheit. Typischerweise jedoch ereignen sich solche Rutschungen an Hängen, die steiler sind als 30 Grad Neigung. Umso rätselhafter war ein Ereignis, das sich am 17. Juli 2016 im Aru-Gebirgszug des westlichen Tibet-Plateaus ereignete: Aus heiterem Himmel brach der gesamte untere Teil eines Talgletschers ab und rutschte als gigantische Eislawine acht Kilometer weit ins Tal hinab – und das innerhalb weniger Minuten.

Katastrophaler Kollaps


Die Mega-Lawine umfasste 68 Millionen Kubikmeter Eis und Schnee – sie ist eine damit der größten bekannten Lawinen überhaupt. Mit einem Schlag waren rund 40 Prozent des Gletschervolumens und knapp 30 Prozent seiner Eisfläche abgerutscht. "Das ist eine ganz neue Form der Gletscher-Instabilität – der katastrophale Kollaps eines gesamten Talgletschers", konstatieren Andreas Kääb von der Universität Oslo und seine Kollegen.

Das Merkwürdige daran: Die Hangneigung in diesem Teil des Gletschers lag bei nur fünf bis sechs Grad und die gesamte Region liegt im Permafrostgebiet. Damit gab es eigentlich keinen Grund für diesen Gletscherkollaps. Auch ein Erdbeben gab es im Sommer 2016 in dieser Region nicht, wie die Forscher feststellten.


Rätselhafte Dopplung


Doch es kam noch seltsamer: "Ein benachbarter Gletscher tat das gleiche: Nur zwei Monate später rutschte auch er in einer gigantischen Eislawine ab", berichten die Forscher. Die zweite Mega-Lawine lag nur rund 2,6 Kilometer von der ersten entfernt und auch sie umfasste den gesamten unteren Teil des Gletschers. 83 Millionen Kubikmeter Eis und Schnee rasten dabei mit bis zu 90 Metern pro Sekunde den flachen Hang hinab.

Vollends rätselhaft aber wurde es, als im September 2016 direkt daneben ein weiterer Gletscher kollabierte.

Vollends rätselhaft aber wurde es, als im September 2016 direkt daneben ein weiterer Gletscher kollabierte.

Schon der erste Gletscherkollaps war mit herkömmlichen Modellen kaum zu erklären, die Dopplung dieser Ereignisse gab den Eisforschern vollends Rätsel auf. Was konnte diese Mega-Lawinen ausgelöst haben? Um das herauszufinden, haben Kääb und sein internationales Team beide Gletscher, das Klima vor und während ihres Kollapses und ihre Geschichte jetzt mithilfe von Mess- und Satellitendaten näher untersucht.

Tauwetter, Regen und weicher Grund


Das überraschende Ergebnis: "Unsere Ergebnisse zeigen, dass es nicht den einen gemeinsamen Auslöser beider Ereignisse gibt", konstatieren die Forscher. Dennoch fanden sie bei beiden Mega-Lawinen auffallende Gemeinsamkeiten: Beide Gletscher liegen nicht wie sonst üblich auf festem Fels, sondern auf ungewöhnlich weichem, feinkörnigen Untergrund. Bei beiden Gletschern war die Eisoberfläche zudem ungewöhnlich stark geneigt.


Hinzu kommt: Der Sommer 2016 war in dieser Region relativ warm und regenreich. "Meteorologische Daten zeigen signifikante Menge an Niederschlag von 2.000 Millimeter und mehr im gesamten Sommer", berichten die Forscher. Zudem taute es bis hinauf in die Berggipfel. "Der ungewöhnlich hohe Wassereinstrom durch Regen und Schmelzwasser könnte damit zu den Auslösern des Kollapses gehören."

Auch andere Gletscher gefährdet?


Nach Ansicht der Forscher könnte ein ungünstiges Zusammentreffen all dieser Faktoren letztlich zum Kollaps der beiden Gletscher geführt haben: Gemeinsam erhöhten sie die Belastung innerhalb der Gletscher und führten zu einer schnellen und starken Verringerung der Bodenhaftung des Eises – bis sich schließlich die Mega-Lawinen lösten.

"Es ist allerdings spektakulär und völlig beispiellos, dass eine solche schon für einen Gletscher äußerst unwahrscheinliche Faktorenkombination, innerhalb von zwei Monaten bei gleich zwei Gletschern zum Überschreiten der Stabilitätsgrenzen führt", sagen Kääb und seine Kollegen. Vor diesem Doppelereignis wurde ein solcher Kollaps eines Talgletschers erst ein einziges Mal überhaupt auf der Erde beobachtet, 2002 beim Kolka-Gletscher im Kaukasus.

"Unsere Ergebnisse werfen ein ganz neues Licht auf das Vorkommen solcher Gletscher-Instabilitäten", konstatieren die Forscher. Möglicherweise müsse man nun auch andere Gletscher und Regionen daraufhin untersuchen, ob die Voraussetzungen für solche katastrophalen Mega-Lawinen bestehen könnten. Durch den Klimawandel könnte die Wahrscheinlichkeit dafür steigen. (Nature Geoscience, 2018; doi: 10.1038/s41561-017-0039-7)
(Planetary Science Institute, 23.01.2018 - NPO)
 
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