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Samstag, 20.10.2018
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Unser Gedächtnis speichert mehr ab als gedacht

In unserem Langzeitgedächtnis landen erstaunlich viele detaillierte Informationen

Dauerhaft abgespeichert: Unser Gedächtnis speichert offenbar viel mehr Informationen langfristig ab als bisher angenommen. Demnach schafft es nicht nur ein kleiner ausgewählter Teil aus dem Kurzzeit- in den Langzeitspeicher – sondern fast jeder Wahrnehmungsmoment, wie ein Experiment nun nahelegt. Lassen sich diese Ergebnisse bestätigen, ergeben sich daraus weitreichende Konsequenzen für aktuelle Modellvorstellungen zum menschlichen Gedächtnis.
Wir erinnern uns an mehr als gedacht.

Wir erinnern uns an mehr als gedacht.

Erinnerung ist ein komplexer und dynamischer Prozess. Weil im Alltag ständig neue Informationen auf uns einströmen, befindet sich insbesondere unser Kurzzeitgedächtnis beständig im Wandel: Kontinuierlich passt sich der Zwischenspeicher an Veränderungen in unserer Umwelt an – und neue Inhalte drängen alte in den Hintergrund. Nur was das Gehirn als besonders wichtig erachtet, landet im Langzeitgedächtnis und kann dauerhaft abgerufen werden.

Im Vergleich zu den riesigen Datenmengen, denen wir tagtäglich ausgesetzt sind, ist der Teil, der langfristig gespeichert wird, ziemlich klein. So zumindest dachten Wissenschaftler bislang. Zahlreiche Studien schienen das zu bestätigen. Nun zeigt sich jedoch, dass diese Annahme falsch sein könnte: Womöglich legen wir viel mehr detaillierte Informationen im Langzeitgedächtnis ab als gedacht – und zwar unabhängig von unserer aktuellen Aufmerksamkeit, ohne die Absicht etwas zu speichern und ohne überhaupt davon zu wissen.

Unangekündigter Erinnerungstest


Zu diesem Schluss sind Christof Kuhbandner von der Universität Regensburg und seine Kollegen bei der Auswertung eines Experiments gelangt. Bei dem Versuch hatten sie Probanden in schneller Abfolge insgesamt 128 Bilder auf einem Bildschirm gezeigt. Jede dieser Abbildungen war nur für 500 Millisekunden zu sehen und über jeder wurde ein davon unabhängiges Wort eingeblendet. Die Versuchspersonen hatten die Aufgabe, die Bilder zu ignorieren, auf die Wörter zu achten und bei einer Wortwiederholung einen Knopf zu drücken.


Dass es bei dem Test eigentlich um das Erinnern ging, erfuhren sie erst hinterher. Dann nämlich zeigten die Wissenschaftler ihnen Bildpaare: jeweils ein zuvor gesehenes Bild und eines, das dem gezeigten Bild sehr ähnlich war. Konnten die Probanden angeben, welches der beiden Bilder sie vorher schon einmal gesehen hatten? Um die Langfristigkeit der Speicherung zu messen, wurde die Hälfte der Bilder direkt nach der Wahrnehmungsaufgabe getestet, die andere Hälfte nach 24 Stunden.

Unbewusst abgespeichert


Das Ergebnis: Ein Großteil der Versuchspersonen gab zwar an, sich nicht zu erinnern und daher die meiste Zeit raten zu müssen – das war in 77 Prozent der Fälle direkt danach und in 95 Prozent der Fälle beim Test nach 24 Stunden so. Trotzdem konnten sie erstaunlich viele der zuvor gezeigten Bilder richtig identifizieren. Selbst nachdem die Forscher den Faktor Zufall herausgerechnet hatten, hatten die Probanden beim ersten Test noch eine Trefferquote von 48 Prozent. Nach 24 Stunden lagen sie immerhin noch in 21 Prozent der Fälle richtig.

Nach Ansicht von Kuhbandner und seinen Kollegen demonstrieren diese Befunde, dass Menschen fast jeden einzelnen Wahrnehmungsmoment detailliert abspeichern – selbst dann, wenn Objekte gar nicht bewusst wahrgenommen wurden und man gar nicht die Absicht hatte, sich etwas zu merken.


Lassen sich die Beobachtungen bestätigen, ergeben sich daraus weitreichende Konsequenzen für aktuelle Modellvorstellungen zum menschlichen Gedächtnis und auch für etliche Anwendungsbereiche, wie die Forscher betonen. So könne man beispielsweise bei der Befragung von Zeugen künftig davon ausgehen, dass visuelle Erinnerungen an vergangene Ereignisse weitaus detaillierter sind als bisher vermutet. (Frontiers in Psychology, 2017; doi: 10.3389/fpsyg.2017.01859)
(Universität Regensburg, 18.01.2018 - DAL)
 
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