• Schalter wissen.de
  • Schalter wissenschaft
  • Schalter scinexx
  • Schalter scienceblogs
  • Schalter damals
  • Schalter natur
Scinexx-Logo
Logo Fachmedien und Mittelstand
Scinexx-Claim
Facebook-Claim
Google+ Logo
Twitter-Logo
YouTube-Logo
Feedburner Logo
Sonntag, 25.09.2016
Hintergrund Farbverlauf Facebook-Leiste Facebook-Leiste Facebook-Leiste
Scinexx-Logo Facebook-Leiste

Tschernobyl: Langzeitstudie bilanziert Krebsfolgen

Durch Strahlung verursachter Schilddrüsenkrebs ist zwar aggressiv, aber behandelbar

Pünktlich zum 27. Jahrestag des Atomunfalls von Tschernobyl legen Mediziner eine Langzeitstudie vor, in der sie das Schicksal von Kindern verfolgten, die nach dem Unfall an Schilddrüsenkrebs erkrankten. Die schlechte Nachricht: Die durch die Strahlung auftretende Krebsart gehört zu den sehr aggressiven Tumorformen. Die überraschend gute Nachricht: Die Therapie schlug bei allen Patienten trotzdem gut an, so dass die meisten Kinder geheilt werden konnten. Das wecke Hoffnung auch für die Strahlenopfer des Fukushima-Unfalls vom März 2011, konstatieren die Forscher im Fachmagazin "Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism".
Tschernobyl: Reaktor nach der Katastrophe

Tschernobyl: Reaktor nach der Katastrophe

Am 26. April 1986 kam es im Atomkraftwerk von Tschernobyl in der Ukraine zu einer Explosion, in deren Folge große Mengen radioaktive Stoffe in die Umwelt entwichen. In den Jahren danach wurde bei Kindern und Jugendlichen in der Ukraine, in Weißrussland und im Westen von Russland vermehrt Schilddrüsenkrebs festgestellt. Bei den meisten Betroffenen entwickelte sich eine Tumorform, die bei Kindern scheinbar aggressiver verläuft als bei Erwachsenen.

Für ihre Studie haben Christoph Reiners vom Universitätsklinikum Würzburg und seine Kollegen 229 Kinder und Jugendliche untersucht, die nach dem Unfall Schilddrüsenkrebs entwickelten. Sie verfolgten den Werdegang und die Gesundheit der Kinder 20 Jahre lang, von 1992 bis 2012 beobachtet. Bei den meisten Studienteilnehmer waren die Tumoren zuerst in Weißrussland operativ entfernt worden, danach erhielten die Patienten in Deutschland eine Radio-Iod-Therapie. Alle Studienteilnehmer galten damals als Hochrisiko-Patienten, weil sie im Zuge des Tschernobyl-Unfalls sehr hohe Strahlendosen abbekommen hatten.

Heilung selbst bei fortgeschrittenen Tumoren


Doch die Auswertung der Langzeit-Ergebnisse zeigte: Trotz des hohen Risikos bildeten sich bei 64 Prozent der Studienteilnehmer die Tumoren komplett zurück. Bei weiteren 30 Prozent führte die Radio-Iod-Therapie zu einer immerhin fast kompletten Rückbildung. Bei ihnen konnte die Tumorerkrankung durch die ohnehin erforderliche Nachbehandlung mit Schilddrüsenhormonen bis heute erfolgreich in Schach gehalten werden. Ein Patient starb an einer Nebenwirkung der Krebstherapie, einer Lungenfibrose. Rückfälle traten nur bei zwei Patienten auf.


“Viele der Patienten, die am Anfang ihrer Krankheit keine optimale Behandlung bekamen, haben sich auch von weit fortgeschrittenen Tumoren erholt“, sagt Reiners. Weit fortgeschritten heißt: Bei 97 Prozent dieser Patienten hatte der Krebs schon die Lymphknoten befallen, bei fast der Hälfte waren Metastasen in der Lunge. Trotzdem schlug die Therapie bei fast allen Patienten gut an.

Hoffnung auch für Fukushima


Alles in allem seien die Ergebnisse ermutigend für andere Strahlenopfer, so Reiners. Der Würzburger Nuklearmediziner denkt dabei besonders an die Menschen, die vom Reaktorunglück 2011 im japanischen Fukushima betroffen sind. Er rechnet allerdings nicht damit, dass es in Japan ähnlich viele Krebsfälle geben wird wie damals in der Sowjetunion: „Die schnelle Evakuierung und andere Gegenmaßnahmen, wie die Kontrolle der Lebensmittel, dürften das Risiko für Kinder und Jugendliche rund um Fukushima stark verringert haben“, so der Forscher.

Nach Ansicht der Forscher lässt sich zudem eine wichtige Lehre aus Tschernobyl ziehen: Besonders Kinder und Jugendliche müssen nach Strahlenunfällen sorgfältig auf Schilddrüsenkrebs hin beobachtet werden. „Denn die Heilungschancen sind besser, wenn die Krankheit möglichst früh erkannt wird“, so Reiners. Entsprechende Screening-Programme seien in der Region von Fukushima bereits angelaufen. (Journal of Clinical Endocrinology and Metabolism, 2013, doi: 10.1210/jc.2013-1059)
(Julius-Maximilians-Universität Würzburg, 26.04.2013 - NPO)
 
Printer IconShare Icon