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Freitag, 28.07.2017
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Ölsand-Gewinnung mit giftiger Fernwirkung

Forscher weisen giftige Kohlenwasserstoffe noch 90 Kilometer vom Abbaugebiet entfernt nach

Der Abbau von Ölsand hat weitreichende ökologische Folgen: Selbst 90 Kilometer von den kanadischen Athabasca-Vorkommen entfernt haben Forscher noch erhöhte Wert von polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK) in Böden und Gewässern gefunden. Dieses bei der Ölsand-Gewinnung freiwerdende Umweltgift wird, wie Sedimentbohrkerne zeigten, bereits seit mehr als 50 Jahren in die Umwelt freigesetzt. Für die Ökosysteme der Region stelle dies eine erhebliche Belastung dar, berichten die Forscher im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences".
Abbau der Athabasca-Ölsande in Alberta

Abbau der Athabasca-Ölsande in Alberta

Die ölhaltigen Sände im Norden Albertas und Saskatchewans gehören zu den größten Vorkommen sogenannter unkonventioneller Erdöl-Ressourcen. Gefördert wird der im Tagebau abgebaute Ölsand dort schon seit den 1960er Jahren. Seither allerdings sind die Fördermengen rapide angestiegen, wie Joshua Kurek von der Queen's Universitys in Kingston und seine Kollegen berichten: Waren es 1980 noch 100.000 Barrel pro Tag, werden dort heute bereits rund 1,5 Millionen Barrel pro Tag aus dem Boden geholt und verarbeitet. Durch heißes Wasser, Dampf und verschiedenen Katalysatoren wird dabei das Öl aus dem Bitumen abgetrennt.

Giftige Kohlenwasserstoffe als Nebenprodukt


"Die Sorge um die Umwelt durch diese Aktivitäten hat sich bisher vor allem auf die unmittelbare Umgebung der Abbauorte beschränkt", erklären die Forscher. So sind dem Tagebau in Alberta weite Flächen von borealem Nadelwald und Mooren zum Opfer gefallen. Der gewaltige Wasserverbrauch der Extraktion und die dabei entstehenden Abwässer verschmutzen die umliegenden Flüsse und Seen.

In den letzten Jahren seien aber zunehmend Befürchtungen laut geworden, dass bestimmte Schadstoffe aus der Ölsandförderung, darunter vor allem die giftigen PAKs, sich auch sehr viele weiter in der Umwelt ausbreiten könnten. "Denn die organischen PAH-Verbindungen lösen sich nicht im Wasser und bleiben in der Umwelt sehr lange stabil", sagen die Wissenschaftler. Ergebnisse bisherigen Studien zu diesem Thema seien aber umstritten und lieferten uneindeutige Ergebnisse. Daher habe man diese Frage nun umfassender untersucht.


Erhöhte Werte noch in 90 Kilometern Entfernung


Für ihre Studie entnahmen die Forscher Sedimentbohrkerne in fünf Gewässern und flussnahen Gebieten, die in einem 35-Kilometer Umkreis um die Abbauorte der Athabasca-Ölsande liegen. Eine sechste Probe gewannen sie am Namur Lake, einem 90 Kilometer vom Abbaugebiet entfernten See. Da die verschiedenen Schichten der Sedimentbohrkerne chemische und biologische Informationen wie an einem Zeitstrang enthalten, konnten die Forscher an ihnen den PAK-Gehalt und auch Menge und Verteilung verschiedener Wasserorganismen im Seewasser vor und nach Beginn der Ölsandgewinnung vergleichen.

Das Ergebnis: "Die PAK-Werte sind in allen untersuchten Proben heute zwischen 2,5 und 23 Mal höher als vor dem Ölsandabbau", berichten Kurek und seine Kollegen. Seit den 1960 und 70er Jahren seien die Werte deutlich angestiegen - zeitgleich mit der Ausdehnung der Abbauaktivitäten. An der am stärksten kontaminierten Probenstelle registrierten die Forscher für sieben verschiedene PAHs sogar Werte, die deutlich über dem Bodengrenzwert der kanadischen Umweltbehörden liegen.

Und selbst im 90 Kilometer vom Athabasca-Gebiet entfernten Namur Lake war der Gehalt an den aromatischen Kohlenwasserstoffen messbar erhöht. Das zeige, dass die Ölsand-Förderung selbst außerhalb der 50-Kilometer-Zone deutlich messbare Spuren in der Umwelt hinterlasse, sagen die Forscher. Die im Laufe der letzten 50 Jahre deutlich ansteigende Kurve der PAHS demonstriere zudem, dass die Ölsand-Förderung bereits seit Jahrzehnten ihre Spuren in der Umwelt hinterlasse.

Klimawandel kaschiert PAK-Wirkung


Veränderungen fanden die Wissenschaftler auch in der Artenzusammensetzung der Wasserflöhe, deren Schalen sich in den Sedimentbohrkernen abgelagert und damit erhalten hatten. Seltsamerweise, so berichten sie, sei die Menge der Daphnia-Wasserflöhe seit Mitte des 20. Jahrhunderts stark angestiegen. Eine andere, zuvor viel häufigere Wasserflohart sei dafür immer mehr verschwunden.

Als erstaunlich werten die Forscher dies deshalb, weil gerade Daphnien als sensible Anzeiger für Umweltgifte gelten. Die Forscher vermuten nun, dass die zunehmende Erwärmung in dieser Region für eine stärkere Vermehrung der Wasserflöhe gesorgt hat. Die insgesamt größere Menge dieser Krebstiere kaschiere dann negativen Effekt der PAKs. (PNAS, 2013; doi:10.1073/pnas.1217675110)
(PNAS, 09.01.2013 - NPO)
 
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