Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 10.02.2012
Gerade noch mal abgebogen?
Öl, Gas und die „Baikal-Pipeline“

Doch nicht nur der Klimawandel bedroht den Baikal, der Mensch will auch unmittelbar Hand anlegen. In Ostsibirien, dem russischen Verwaltungsgebiet, zu dem der Baikalsee gehört, lagern bisher kaum erschlossene Öl- und Gasreserven. Die russische Akademie der Wissenschaften schätzt die Vorkommen der Region auf etwa 2,6 Milliarden Tonnen Öl und 7,5 Billionen Kubikmeter Gas. Das entspricht etwa zehn Prozent der gesamtrussischen Öl- und fünf Prozent der Gasvorkommen.

Pläne seit 2001
Um diese Ressourcen auf den Weltmarkt zu bringen plante im Jahr 2001 der damalige russische Ölkonzern Yukos des mittlerweile in Ungnade gefallenen Oligarchen Michail Chodorowski eine Pipeline von Angarsk, unweit von Irkutsk an der Südspitze des Baikalsees, bis nach Daqing in China.

 Route der “Baikal-Pipeline” ESPO
Route der “Baikal-Pipeline” ESPO
© US EIA  Route der “Baikal-Pipeline” ESPO
Durch die Zerschlagung des Yukos-Konzerns und seine Übernahme durch staatliche Konzerne verzögerten sich die Pläne immer wieder. Schließlich jedoch begann im Jahr 2006 Transneft, der für den Bau und Betrieb aller russischen Pipelines zuständige Staatskonzern, mit dem Bau des ersten Abschnitts der Pipeline „Ostsibirien – Pazifischer Ozean“ (East Sibirian – Pazific Ocean, ESPO). Sie wird statt in Angarsk 500 Kilometer weiter nördlich von Irkustk, in Taischet, beginnen und bis nach Nachodka an der russischen Pazifikküste führen.

Das erste Teilstück von Taischet bis nach Skovorodino an der chinesischen Grenze – etwa die Hälfte der insgesamt geplanten Strecke – mit einer Länge von 2.757 Kilometern geht Ende 2009 in Betrieb. Finanziert wurde der Bau schließlich mit Hilfe der Chinesen, denn China soll einer der Hauptabnehmer des sibirischen Öls werden. Rund 15 Millionen Tonnen Öl, etwa 300.000 Barrel pro Tag, will Russland in den nächsten Jahren nach China liefern

Proteste lenken Pipeline um
Verzögert wurde der Pipeline-Bau auch durch zahlreiche Proteste von Umweltschützern in Russland, die weltweit unterstützt wurden. Denn ursprünglich hatte man geplant, die Pipeline auf einer Länge von 100 Kilometern bis auf 800 Meter ans Ufer des Baikalsees heranzuführen. Durch die Baumaßnahmen und die Pipeline selbst, so die Umweltschützer damals, geriete das Ökosystem des Baikals signifikant in Gefahr. Man müsse die Pipeline in jedem Fall außerhalb des Einzugsgebiets des Baikal bauen, um schwere Schäden zu vermeiden.

Aufgrund der Proteste schaltete sich Ende 2006 der russische Staatspräsident persönlich ein, damals noch Wladimir Putin, und gab dem öffentlichen Druck nach. Transneft verlegte die Trasse um rund 400 Kilometer weiter nach Norden.

Station der ESPO-Pipeline in Jakutien 
Station der ESPO-Pipeline in Jakutien
© VSTO-Nerft  Station der ESPO-Pipeline in Jakutien
Gefahr nicht vollkommen gebannt
Von der russischen Umweltbewegung wurde das als einer der größten Siege ihrer Geschichte gefeiert, doch Experten bezweifeln, ob dies wirklich auf die Einsicht von Regierung und Ölkonzernen zurückzuführen ist. Martha Brill Olcott, politische Analystin von der US-amerikanischen Carnegie-Stiftung für Internationalen Frieden, die den Energiemarkt in Russland, Kaukasus und Zentralasien seit mehreren Jahren untersucht, zum Sinneswandel beim Bau der ESPO-Pipeline: „Die neue Route führt die Pipeline näher an die Ölfelder von Jakutien und der Region Irkutsk heran, die dazu dienen sollen, die Pipeline zu füllen.“ Möglicherweise habe der Kreml unter großer positiver Publicity nur eine möglicherweise sowieso favorisierte Entwicklungsstrategie finanzieren und realisieren wollen, um besser an die weiter nördlich gelegenen Vorkommen heranzukommen.

Tatsächlich sind Umweltrisiken trotz der umgeleiteten Pipeline nicht ausgeschlossen. Wenn die Ölfelder in Jakutien erst erschlossen seien, so Brill Olcott, würden große Mengen Öl auch über die nah am See vorbeiführende Bahnstrecke der Transsibirischen Eisenbahn transportiert. Und auch die geographischen Risiken der Region bestehen nach wie vor. Das Gebiet um den Baikalsee, ist, da in einer Rift-Zone gelegen, seismisch sehr aktiv. Und auch die neue Strecke führt durch riesige Permafrostgebiete. Käme es hier zu Lecks in der Pipeline, wären die zahlreichen Zuflüsse des Baikalsees ebenso betroffen

Unabhängig von diesen Bedenken plant Russland derzeit bereits eine zweite Pipeline. Parallel neben der Rohrleitung für Öl, soll demnächst eine Gasleitung gebaut werden.

zurück   | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 |    weiter
Artikel drucken   Dossier komplett anzeigen
Suche
Erweiterte Suche
Diaschauen zum Thema
Baikalsee
Lake Wostok
Afghanistan
Krisengebiete
Seidenstraße
Artikel zum Thema
Klima, Krise, Tauchrekorde
Der Baikalsee – Ein Update
Sommer 1903 – Nächster Halt: Port Baikal
Eugen Zabel und die Baikalquerung mit der Transsibirischen Eisenbahn
See der Superlative
Einmaliger Lebensraum
Tollkühne Russen in sinkenden Kisten
Auf Tauchgang im Baikalsee
Alte Daten, neue Bilder
Die bathymetrische Karte des Baikalsees
Kieselalgen mögen’s kalt
Baikal reagiert auf den Klimawandel
Kleine bringen Große in Gefahr
Zerfallende Nahrungskette
Gerade noch mal abgebogen?
Öl, Gas und die „Baikal-Pipeline“
Umweltschutz dank Krise?
Die unendliche Saga vom Zellulosewerk
Endlager am Baikalsee
Die Pläne von Rosatom
Top-Diaschauen
Überleben im Winter
2012 und die Maya
Die großen Massenaussterben
Quallen
Riesenschlangen
Aktuelle Dossiers
Klima-Hotspot Moorböden
Wie Forscher den Treibhausgas-Emissionen von Mooren auf die Spur kommen
Schwelbrände im Gewebe
Chronische Entzündungen und ihre Ursachen
Röntgenblick in die Geheimnisse der Mumien
Neue bildgebende Verfahren helfen bei der Erforschung menschlicher Relikte
Auf Kante
Warten auf „The Big One“
Auch Pflanzen besitzen Stammzellen
Unerschöpflich kreativ
Energie-Produzent Gebäude
Wie Häuser zu Kraftwerken werden
Bermudas Unterwelt
Expedition zu den unterirdischen Salzwasserhöhlen einer Tropeninsel
Alte Seuchen in neuem Licht
Forscher untersuchen Resistenz gegen Pest und Cholera
Mehr Licht im Dunkel der Mars-Trabanten
Mit Mars Express und Phobos Grunt bei den „Söhnen“ des Kriegsgotts
Mikrobielle Mitbewohner auf Weltreise
Bakterien in Magen und Speichel helfen beim Erforschen menschlicher Wanderungen