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Freitag, 10.02.2012
Der Fluch des Unvollendeten
Achillesferse eines Genies

Leonardo da Vinci war ein Idealtypus des Quattrocento – des 15. Jahrhunderts und aller seiner geistigen Umbrüche. Mit dem Elan des jungen Mannes widersetzt er sich in den ersten Jahrzehnten seines Lebens noch allen Rückschlägen und Fehleinschätzungen. Doch mit zunehmendem Alter sieht wohl auch er, dass er sich oft vergebens müht, hinter die Geheimnisse der Welt zu kommen und sie den Mitmenschen nutzbar zu machen.

 Die „Mona Lisa“, 1503-05
Die „Mona Lisa“, 1503-05
© Louvre, Paris  Die „Mona Lisa“, 1503-05
Eine Heimat, wie er sie 20 Jahre lang am Hofe der Sforza in Mailand hatte, findet Leonardo nie wieder. Er verlässt die Stadt um 1500 und ist von nun an auf Wanderschaft. Er schließt sich dem Heerführer Cesare Borgia an und wirkt als Kriegsingenieur. Nach einigen Jahren in Florenz kehrt er nochmals nach Mailand zurück und dient den Franzosen als königlicher Maler und Ingenieur. Drei Jahre verbringt er in Rom bei Papst Leo X. Als auch der ihn fallen lässt, wird er vom französischen König Franz I. aufgenommen. Leonardo, zum Baumeister des Königs erkoren, zieht nach Frankreich ins fürstliche Herrenhaus Cloux in der Nähe des Herrschersitzes in Amboise.

Dort verbringt Leonardo seine letzten Jahre. Er malt nicht mehr, verfolgt aber weiterhin große Projekte. Sein letztes Vorhaben: die Schiffbarmachung der Loire und ihrer Nebenflüsse. Noch ehe seine Pläne umgesetzt werden, stirbt Leonardo da Vinci am 2. Mai 1519 nach einem Schlaganfall.

 „Felsgrottenmadonna“, 1495-1508
„Felsgrottenmadonna“, 1495-1508
© National Library, London  „Felsgrottenmadonna“, 1495-1508
Das Genie Leonardo da Vincis zu erfassen, ist wohl ebenso zum Scheitern verurteilt, wie es viele seiner Ideen waren. Dieser Mann und seine Utopien muten für einen neutralen Betrachter geradezu unheimlich an. Wie ein Zeitreisender, scheint er Wissen aus der Zukunft geholt zu haben, das seine Mitmenschen oft überforderte. Doch ebenso schüttelt man fasziniert den Kopf angesichts der Fülle und Bandbreite seiner Erfindungen, Entdeckungen und naiven Irrtümer.

Er erdachte das Barometer und konstruierte Gleitflieger, er erfand Maschinengewehre und mechanische Wecker. Doch wie viele seiner Projekte wurden nie umgesetzt? Wo stehen die Brücken, die er entwarf, wo die Festungen, die er plante? Wo finden sich die Kanäle, die er bauen wollte, wer brachte seine Spinnmaschinen, Bohrer, Fräsen, Bagger zum Einsatz? Hat er jemals versucht, selbst zu fliegen? So enttäuschend es ist, nahezu alle dieser Ideen haben Leonardos Notizbücher nie verlassen oder wurden erst Jahrhunderte später neu erfunden.

„Die Schlacht von Anghiari“, 1503-05 
„Die Schlacht von Anghiari“, 1503-05
© Louvre, Paris  „Die Schlacht von Anghiari“, 1503-05
Leonardo hinterließ großartige Gemälde: die „Mona Lisa“, „Das letzte Abendmahl“, „Die Felsgrottenmadonna“, „Johannes der Täufer“ oder die „Anna Selbdritt“. Doch auch viele seiner Bilder blieben unvollendet. An der „Leda mit dem Schwan“ hat er über zehn Jahre gearbeitet, und doch wurde das Gemälde nicht fertig. Die „Schlacht von Anghiari“ blieb er seinen Auftraggebern, den Stadträten von Florenz, ebenfalls schuldig. Mehr als eine Handvoll Bilder nahm Leonardo trotz Auftrags nicht einmal in Angriff. Und sein langwierigstes Vorhaben als Bildhauer, das monumentale Reiterstandbild Francesco Sforzas, dessen Entwurf ihm einst den Weg an den Mailänder Hof geebnet hatte, scheiterte schließlich daran, dass die dafür vorgesehene Bronze für Kanonen verwendet wurde.

Die Unbeständigkeit Leonardos – so die Ansicht von Kunstexperten – könnte ein Grund für das scheinbar unvollendete Werk des Universalgenies gewesen sein. Doch sie ergab sich ja aus seinem Anspruch, Vollkommenes zu schaffen.

Obwohl viele seiner Maschinen im Rahmen des Möglichen gewesen wären und vielleicht sogar rentabel gearbeitet hätten, begnügte sich Leonardo oft mit der Ausarbeitung einer Idee. Ihn interessierte ein Problem nur so lange, bis er die Lösung gefunden hatte. Waren Erklärung und Beweis in seinen Büchern skizziert, griff er die gleiche Frage höchstens zur Lösung eines weiteren Problems nochmals auf.

Schließlich war er seiner Zeit wohl wirklich voraus. Viele seiner Vorhaben wurden nicht verstanden, geschweige denn, dass sie realisiert werden konnten. Vielleicht liegt der Reiz seiner Hinterlassenschaft aber gerade in dieser Unvollkommenheit.

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