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Eine Frage der Perspektive

Lust und Frust beim „Abendmahl“

In seinem ganzen Leben hat da Vinci nicht mehr als 30 Bilder geschaffen, nur zwölf davon schreibt man ihm als alleinigen Urheber zu. Trotzdem sind es Gemälde wie die „Mona Lisa“ oder „Das letzte Abendmahl“, die ihn zu einem der populärsten Künstler der Weltgeschichte machen und vor allem seinen Ruf als Maler begründen.

„Das letzte Abendmahl“, 1495-98 © Kloster Santa Maria delle Grazie, Mailand

Doch selbst seine Kunstwerke spiegeln Leonardos analytische Herangehensweise wider. Immer im Sinne des Gemäldes und seines Sujets wählt er Bildgestaltung, Farbe und Format, bedenkt Schattenwirkung und Position seiner Modelle. Die ersten Studien zum „Abendmahl“, das als Leonardos bedeutendstes Werk gilt, finden sich zwischen Erläuterungen zur Geometrie, neben einer Anleitung zur Konstruktion von Achtecken aus einem Kreis.

Großauftrag im Kloster

„Das letzte Abendmahl“ ist ein Auftrag Ludovico Sforzas. Es soll das Refektorium, den Speisesaal der Mönche, im Mailänder Kloster Santa Maria delle Grazie schmücken. Als Leonardo im Jahr 1495 mit den Arbeiten für das knapp neun Meter lange und über vier Meter hohe Fresko beginnt, legt er das Gemälde als räumliche Fortsetzung des Speisesaals an. Er nimmt den Tisch der Mönche als Modell für jenen, an dem Jesus und seine Jünger speisen. Er wählt eine theatralische Perspektive, verstärkt den Eindruck räumlicher Tiefe und greift die natürlichen Lichtverhältnisse im Refektorium auf.

„Abendmahl“ an der Stirnseite des Refektoriums © Kloster Santa Maria delle Grazie, Mailand

Wie ein Regisseur ordnet er schließlich die Personen an: Der Kopf Jesus’ bildet den Fluchtpunkt des Gemäldes, den zentralen, fiktiven Punkt, in dem sich alle vom Betrachter in das Bild hineinführenden Linien treffen. Die Jünger drapiert er in Dreiergruppen und bricht damit die bis dahin übliche statische Darstellung der 12 Apostel in einer Bildebene auf. Den Verräter Judas überführt er allein aufgrund seiner abwehrenden Körperhaltung, nervös am Beutel mit den dreißig Silberlingen zerrend, setzt ihn in den Schatten von Jesus’ Lieblingsapostel Johannes.

Unzuverlässiges Genie

Das „Abendmahl“, das zu einer Revolution der Bildkomposition führen soll, bringt jedoch erneut einen Charakterzug des Universalgenies zutage, der die Geduld seiner Auftraggeber schon mehrfach strapaziert hat: Leonardo ist unzuverlässig und unendlich langsam.

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Auch die Klosterbrüder beschweren sich beim Auftraggeber Sforza. Über ein Jahr hätte der Künstler den Pinsel nicht mehr angerührt, beklagen sich die des Wartens überdrüssigen Mönche, dabei fehle nur noch der Kopf des Judas. Leonardo, vom Herzog zur Rede gestellt, versichert, täglich mindestens zwei Stunden an dem Werk zu arbeiten. Die Klosterbrüder, an seiner Aussage zweifelnd, werden wieder beim Herzog vorstellig. Jetzt erst klärt da Vinci das Missverständnis auf. Seit über einem Jahr kehre er – so da Vinci – regelmäßig in eine billige Absteige ein und mische sich unters niedrige Volk, auf der Suche nach einem geeigneten Schurkengesicht, das dem Judas angemessen sei.

Jesus: Verblasste Farben und abblätternder Putz © Kloster Santa Maria delle Grazie, Mailand

Die physiognomischen Studien sind Leonardo außerordentlich wichtig, aber der Aufwand, den er betreibt, ist für die damalige Zeit ungewöhnlich. Er sucht nach Modellen für Gesichter und Hände, definiert nebenbei zehn Nasentypen im Profil und zwölf von vorn, beobachtet Körperhaltung, Bewegung und Emotion.

Zur zeitraubenden Akribie, mit der er Skizzen entwirft und in Gemälde umsetzt, kommt seine Unbeständigkeit. Oft lässt sich Leonardo von anderen, interessanteren Beschäftigungen ablenken. Zeitgenossen schildern mit Missfallen seine Unwilligkeit, sich überhaupt der Malerei zuzuwenden. Anstatt Termine einzuhalten, geht Leonardo lieber merkwürdigen Experimenten nach: Er bläst Schafsdärme mit einem Blasebalg bis zu Zimmergröße auf, zähmt Eidechsen und versieht sie mit Flügeln aus der Haut anderer Kriechtiere, modelliert Wachspüppchen oder studiert die Rebsorten auf seinem Weinberg.

Gerade noch mal gut gegangen

Ein Experiment wird auch dem „Abendmahl“ zum Verhängnis. Leonardos Gründlichkeit und sein hoher Anspruch an sich selbst lassen sich nicht mit der schnellen Fresko-Technik vereinbaren. Beim Malen „al fresco“ wird die Farbe auf den frischen, noch nassen Putz aufgetragen. Das erfordert Schnelligkeit und einen entscheidungsfreudigen Maler. Weil Leonardo Zeit gewinnen möchte, um sich immer wieder zu korrigieren, ersinnt er eine neue Technik und versucht es mit Tempera auf Gips. Doch das Ergebnis erweist sich als verheerend. Bereits nach wenigen Jahren blättert die Farbe ab und rieselt als stetiger Schuppenregen zu Boden. Bis heute ist Leonardos „Abendmahl“ ein permanenter „Pflegefall“ und nur nach umfangreicher Restauration wieder zu erkennen.

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Stand: 27.01.2005

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Leonardo da Vinci
Genialer Geist im falschen Jahrhundert

Lehrjahre im Schoße der Renaissance
Eine Jugend in der Toskana

Malend zur Erkenntnis
Aus der Kunst wird Wissenschaft

Eine Frage der Perspektive
Lust und Frust beim „Abendmahl“

„Ein Kanal von der Brust zur Gebärmutter“
Anatomische Studien

„Die Mechanik ist das Paradies der Mathematik“
Von Automobilen, Fahrrädern und Perpetua mobilia

Der Vögel Flug
Leonardos Traum vom Fliegen

„Flüsse haben die Berge zersägt“
Wie Leonardo die Welt sah

Der Fluch des Unvollendeten
Achillesferse eines Genies

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