Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Donnerstag, 09.02.2012
Proteinen auf der Spur
Natur setzt auf Vielseitigkeit

Substanzbibliotheken, die möglichst viele Eigenschaften von Naturprodukten widerspiegeln, sollten biologisch eher relevant und damit medizinisch brauchbarer sein. Diese Annahme spornt Herbert Waldmann und seine Mitarbeiter an, bei der Entwicklung von kombinatorischen Bibliotheken neue Wege zu gehen. „Naturstoffe sind Substanzen, die sich biologisch bereits bewährt haben“, betont Waldmann, „diese Tatsache sollte man unbedingt nutzen“. Schließlich produzieren Organismen Naturstoffe nicht ohne Grund. Im Gegenteil: Im Laufe der Evolution wurden diese ausgewählt und optimiert, um wichtige physiologische Aufgaben zu erfüllen – meist, indem sie gezielt mit bestimmten Proteinrezeptoren wechselwirken.

Auch Penicillin ist ein Naturstoff - ein Pilz 
Auch Penicillin ist ein Naturstoff - ein Pilz
© USDA
Genau die gleiche Aufgabe erfüllen Medikamente im menschlichen Körper. Sie lagern sich, im Idealfall selektiv, an Proteinbindungsstellen an und aktivieren oder blockieren auf diese Weise bestimmte Stoffwechselprozesse. Weil in diesem Sinne gleiche Wirkprinzipien dahinter stecken, ist es nicht verwunderlich, dass beispielsweise das von Schimmelpilzen produzierte Penizillin beim Menschen als Antibiotikum oder das in Pflanzen vorkommende Morphin als Schmerzmittel wirkt. Denn diese Substanzen treffen auch in anderen Organismen auf Proteine mit für sie passenden Bindungsstellen – und docken dort an.

Die uralte Beobachtung, wonach viele Naturstoffe nicht nur ihre ursprünglichen Zielproteine, sondern auch menschliche Eiweiße binden, können Wissenschaftler inzwischen auch auf molekularer Ebene erklären. Sie fanden nämlich, dass die meisten Proteine modular aufgebaute Biomoleküle sind, die aus individuellen Domänen bestehen – aus räumlichen Einheiten, die unter anderem wie eine Kugel, eine Tonne oder eine Schleife aussehen.

Während es beispielsweise mehrere hunderttausend verschiedene menschliche Proteine gibt, schätzen Forscher heute, dass lediglich rund tausend unterschiedliche Faltungstypen für Domänenfamilien existieren. Folglich kommen ähnliche Domänen in verschiedenen Eiweißen vor. „Wenn man Dinge macht, die man vielfach verwenden kann, ist dies effizient,“ kommentiert Waldmann. „Außerdem gibt es gute Gründe, bestimmte räumliche Strukturen zu bevorzugen: Sie sind physikalisch besonders stabil.“ Interessanterweise können ähnliche Domänen aus ähnlichen Aminosäuresequenzen (den Grundbausteinen jedes Proteins) aufgebaut sein; zwingend notwendig ist dies aber nicht.

zurück   | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 |    weiter
Artikel drucken   Dossier komplett anzeigen
Suche
Erweiterte Suche
Facts
Überblick
Das Wichtigste in Kürze
Artikel zum Thema
Arzneimittelforschung
Mit Hightech auf der Suche nach Naturwirkstoffen
Spurensuche im chemischen Universum
Rückbesinnung auf Naturstoffe erhöht Trefferquoten
Hürdenlauf im Substanzdschungel
Der Weg von der Pflanze zum Produkt
Proteinen auf der Spur
Natur setzt auf Vielseitigkeit
Computer suchen Wirkstoffe
Bioinformatik eröffnet neue Möglichkeiten
Chemiker und Biologen als Bibliothekare
Fahndung nach Grundtypen
Top-Diaschauen
Überleben im Winter
2012 und die Maya
Die großen Massenaussterben
Quallen
Riesenschlangen
Aktuelle Dossiers
Klima-Hotspot Moorböden
Wie Forscher den Treibhausgas-Emissionen von Mooren auf die Spur kommen
Schwelbrände im Gewebe
Chronische Entzündungen und ihre Ursachen
Röntgenblick in die Geheimnisse der Mumien
Neue bildgebende Verfahren helfen bei der Erforschung menschlicher Relikte
Auf Kante
Warten auf „The Big One“
Auch Pflanzen besitzen Stammzellen
Unerschöpflich kreativ
Energie-Produzent Gebäude
Wie Häuser zu Kraftwerken werden
Bermudas Unterwelt
Expedition zu den unterirdischen Salzwasserhöhlen einer Tropeninsel
Alte Seuchen in neuem Licht
Forscher untersuchen Resistenz gegen Pest und Cholera
Mehr Licht im Dunkel der Mars-Trabanten
Mit Mars Express und Phobos Grunt bei den „Söhnen“ des Kriegsgotts
Mikrobielle Mitbewohner auf Weltreise
Bakterien in Magen und Speichel helfen beim Erforschen menschlicher Wanderungen