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Mögliche Ursache des Reizdarm-Syndroms gefunden

Lokale Immunreaktion im Darm als Auslöser, oft als Folge eines früheren Darminfekts

Reizdarm
Die Ursachen für das Reizdarm-Syndrom sind bislang unklar und auch die Diagnose ist oft langwierig. © Henadzi Pechan

Darminfekt mit Folgen: Forscher könnten die Ursache des Reizdarm-Syndroms gefunden haben. Demnach steckt eine Immunreaktion des Darms auf bestimmte Lebensmittel-Antigene dahinter. Sie ähnelt einer Allergie, ist aber nur auf den Dickdarm begrenzt – und daher per Allergietest nicht nachweisbar. Ausgelöst wird diese Überempfindlichkeit bei vielen Patienten durch eine Darminfektion, bei der diese Lebensmittel zufällig im Darm präsent waren.

Bauchkrämpfe, Durchfall, Blähungen: Für gut zehn Prozent der Menschen sind solche Symptome nach einer Mahlzeit Alltag, denn sie leiden am Reizdarm-Syndrom. Ihr Darm reagiert dabei überempfindlich auf die Nahrung, manchmal reizen dabei bestimmte Lebensmitteln den Darm stärker als andere. Welche Ursachen diese Erkrankung aber hat, ist bislang unklar. Für viele der Betroffenen ist schon der Weg zu einer klaren Diagnose lang.

„Oft werden diese Patienten von den Ärzten nicht ernst genommen“, erklärt Studienleiter Guy Boeckxstaens von der Katholischen Universität Leuven. „Weil sie keine klare allergische Reaktion zeigen, gelten ihre Probleme nicht als physiologisch, sondern werden auf die Psyche geschoben.“

Verdächtige Infektionen

Doch jetzt könnten Boeckxstaens und sein Team herausgefunden haben, was bei Reizdarm-Patienten schief läuft. Anstoß für ihre Studie war die Beobachtung, dass die Beschwerden bei vielen Betroffenen nach einer klassischen Darminfektion begonnen haben. „Zwischen drei und 36 Prozent solcher Infektionen lösen im Anschluss ein Reizdarm-Syndrom aus“, berichten die Forscher. Könnte es sein, dass diese Infektionen zu einer nachhaltigen Störung der Darm-Immunreaktion führen?

Die Hypothese der Wissenschaftler: Möglicherweise spielt es für den Reizdarm eine Rolle, welche Nahrungsmittel während eines Darm-Infekts gerade im Verdauungstrakt präsent sind. Weil das Immunsystem während der akuten Infektion auf Angriff gepolt ist, könnten bestimmte Merkmale dieser Lebensmittel dann ebenfalls als „Feind“ eingestuft und im lokalen Immungedächtnis hinterlegt werden. Tatsächlich gibt es Hinweise darauf, dass der Darm von Betroffenen vor allem auf bestimmte Nahrungsreize übersensibel reagiert.

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Eiklar-Protein als Test

Um ihre Vermutung zu prüfen, verabreichten die Forscher Mäusen während einer akuten Darminfektion das Protein Ovalbumin mit dem Trinkwasser. Dieses im Eiklar von Eiern vorkommende Eiweiß ist dafür bekannt, dass es Allergien auslösen kann. Nachdem der Darminfekt bei den Mäusen abgeklungen war, bekamen diese erneut Ovalbumin.

Und tatsächlich: Während Kontrollmäuse dieses Allergens folgenlos verdauten, kam es einigen der zuvor infizierten Mäuse zu einer typischen Reizdarm-Reaktion: Sie bekamen Durchfall. Tests ergaben, dass im Dickdarm dieser Mäuse gehäuft IgE-Antikörper gegen das Ovalbumin präsent waren – ein typisches Zeichen einer allergischen Reaktion.

Keine Allergie, aber eine lokale Immunreaktion

Das Interessante jedoch: In anderen Teilen des Verdauungstrakts kamen diese Antikörper nicht vor. Und auch eine Injektion von Ovalbumin ins Ohr der Mäuse verursachte keinerlei allergische Reaktion. „Im Gegensatz zu Tieren, die allergisch auf Ovalbumin reagieren, scheinen diese Mäuse nur eine lokale statt systemische Immunreaktion zu zeigen“, so Boeckxstaens und seine Kollegen. Ein weiteres Indiz dafür war die nur im Darm erhöhte Aktivität der Mastzellen, die Ovalbumin-spezifische Antikörper tragen und allergietypische Botenstoffe freisetzen.

„Zusammen deuten diese Daten darauf hin, dass eine gastrointestinale Infektion die normale Toleranz gegenüber Lebensmittel-Antigenen durchbrechen kann“, erklären die Forscher. Als Folge kommt es im Darm zu einer Überreaktion des Immunsystems auf diese Antigene. Ergänzende Tests zeigten, dass sich diese Immunreaktion bei den Mäusen durch spezielle Mastzell-Hemmer und durch Anti-IgE-Antikörper verhindern lässt.

Lokale Überreaktion auch bei Reizdarm-Patienten

Aber sind diese Erkenntnisse auch auf den Menschen übertagbar? Um das zu klären, setzten die Wissenschaftler den Dickdarm von zwölf Reizdarm-Patienten und acht gesunden Kontrollpersonen gezielt einigen häufigen Lebensmittel-Antigenen aus. Sie spritzten dafür Lösungen von Sojaproteinen, Weizen, Gluten oder Milch in die Schleimhaut des vor dem Enddarm liegenden Dickdarmteils. Keine der Versuchspersonen hatte eine Allergie gegen diese Lebensmittel.

Das Ergebnis: „Bemerkenswerterweise zeigten alle zwölf Reizdarm-Patienten eine Schleimhautreaktion gegen mindestens eines der getesteten Antigenen“, berichten Boeckxstaens und sein Team. Bei den Kontrollprobanden waren es nur zwei. Zudem war die Mastzell-Aktivität bei den Reizdarm-Patienten deutlich erhöht, wie Immunofluoreszenz-Analysen ergaben. „Das spricht dafür, dass bei Reizdarm-Patienten ein ähnlicher Mechanismus abläuft wie in unseren Tiermodellen“, so die Forscher.

Chance für neue Therapien

Nach Ansicht der Wissenschaftler ist das Reizdarm-Syndrom damit zumindest bei einem Teil der Patienten eine Immunerkrankung. Sie ist Teil des gleichen Spektrums, das auch Allergien umfasst. „An einem Ende des Spektrums steht die sehr lokale Reaktion auf ein Lebensmittel-Allergen beim Reizdarm. Am anderen Ende steht die Lebensmittel-Allergie, die eine generalisierte Immunreaktion hervorruft“, so Boeckxstaens. Das erkläre auch, warum Allergietests bei Reizdarm-Patienten oft negativ ausfallen.“

Sollte sich dies bestätigen, dann eröffnet dies auch neue Therapiechancen für das bisher nicht heilbare Leiden. „Wenn wir die Aktivierung der Mastzellen blockieren können, dann könnten wir den Reizdarm effektiver behandeln. Tatsächlich haben Mediziner bereits beobachtet, dass Reizdarm-Patienten, die wegen ihres Asthmas einen Hemmstoff gegen IgE-Antikörper bekamen, auch weniger Darmbeschwerden hatten. Inzwischen hat auch eine große klinische Studie zur Therapie mit Antihistaminika bei Reizdarm-Patienten begonnen. (Nature, 2021; doi: 10.1038/s41586-020-03118-2)https://www.nature.com/articles/s41586-020-03118-2

Quelle: KU Leuven

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