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„Lazarus-Phänomen“ ist real

Warum vermeintlich Tote manchmal wieder aufwachen

Tod
Manche Menschen wachen nach vermeintlich gescheiterter Wiederbelebung und offiziell festgestelltem Tod doch wieder auf. © VinnyPrime/ freeimages

Mysteriöse Auferstehung: Es gibt Menschen, die nach einer gescheiterten Reanimation scheinbar sterben, aber dann doch wieder aus dem Tod erwachen – ohne Zutun der Ärzte. Was hinter diesem „Lazarus-Phänomen“ steckt, haben nun Mediziner untersucht. Demnach könnte eine solche spontane „Wiederauferstehung“ nach Reanimation häufiger vorkommen als gedacht. Und rund ein Drittel dieser Lazarus-Patienten übersteht den vorübergehenden Tod trotz Herzstillstands ohne Folgeschäden und Ausfälle.

Widerbelebung
Notärzte bei der Wiederbelebung. © Lightfield Studios/ Adobe Stock

Ein Patient erleidet einen Herzstillstand, er atmet nicht mehr und auch seine Lebenszeichen sind erloschen. Doch obwohl Notfallmediziner 20 oder 30 Minuten um sein Leben kämpfen, ihn vielleicht sogar mit Elektroschocks defibrillieren, bleibt ihr Bemühen vergebens: Der Patient reagiert nicht und wird daher für Tod erklärt. Doch dann geschieht das Wunder: Mehrere Minuten oder sogar Stunden später wacht der vermeintlich Tote plötzlich wieder auf – ganz von allein und ohne medizinische Hilfe.

Was steckt hinter dem Lazarus-Phänomen?

Was wie ein Wunder klingt, ist Realität – und kommt gar nicht so selten vor: Schon 1982 berichteten Mediziner erstmals von einem solchen „Lazarus-Patienten“. Und Umfragen zufolge haben 37 bis 50 Prozent aller Intensiv- und Notfallmediziner schon einmal einen solchen Fall erlebt. Deshalb haben Les Gordon vom Royal Lancaster Infirmary in England und seine Kollegen das Lazarus-Phänomen und seine Begleitumstände näher untersucht. Dafür werteten sie Fallbeschreibungen in der seit 1982 veröffentlichten Fachliteratur aus.

Das Ergebnis: Bisher wurde das Lazarus-Phänomen bei 63 Patienten beschrieben. Alle waren nach einer gescheiterten Herz-Lungen-Wiederbelebung aufgegeben worden und hatten dann spontan wieder Lebenszeichen und Kreislauftätigkeit entwickelt. „Wir vermuten aufgrund unserer Analysen jedoch, dass das Lazarus-Syndrom viel häufiger auftritt als es in der Literatur aufscheint“, sagt Gordon. Denn wenn ein von ihnen für tot erklärter Patient plötzlich doch noch lebt, befürchten viele Ärzte rechtliche Konsequenzen und melden es daher nicht.

„Auferstehung“ meist nach fünf bis zehn Minuten

Auffallend dabei: „Nach einem Tod ohne vorausgegangene Wiederbelebungsmaßnahmen scheinen solche Fälle nicht vorzukommen“, so die Forscher. Das spreche dafür, dass diese Maßnahmen eine entscheidende Rolle spielen. „Möglicherweise sind die während der Reanimation durchgeführten medizinischen Maßnahmen wirksam, kommen aber aus irgendwelchen Gründen erst verzögert zum Tragen“, mutmaßen die Wissenschaftler.

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Dazu passt, dass die „Wiederauferstehung “ bei den meisten Lazarus-Patienten fünf bis zehn Minuten nach Ende der Reanimation erfolgt. Gordon und sein Team empfehlen daher, auch bereits für tot erklärte Patienten noch mindestens zehn Minuten lang mithilfe eines Elektrokardiagramms (EKG) zu überwachen – bisher gelten fünf Minuten als Richtwert. „Es gab aber auch Fälle, bei denen die Lebenszeichen erst mehrere Stunden nach dem vermeintlichen Tod auftraten“, berichten Gordon und seine Kollegen.

Ein Drittel hat keine bleibenden Schäden

Überraschend auch: Gut ein Drittel der Lazarus-Patienten überstand diesen „vorübergehenden Tod“ ohne schwere Folgen – obwohl ihr Herz nicht schlug und damit ihr Gehirn und ihre Organe eigentlich nicht ausreichend Sauerstoff bekamen. „Von den 63 Patienten konnten 22 aus dem Krankenhaus entlassen werden, 18 von ihnen ohne bleibende neurologische Schäden“, so Gordon und seine Kollegen. Die restlichen 41 Betroffenen starben allerdings dann doch – meist wegen schwerer Hirnschäden.

„Die Tatsache, dass die Mehrheit der Überlebenden keine Folgeschäden aufwies, ist jedoch von allergrößter Bedeutung“, betont Koautor Mathieu Pasquier vom Universitätsklinikum Lausanne. Möglicherweise deutet dies darauf hin, dass das Gehirn und andere Organe in manchen Fällen auch nach Herzstillstand länger funktionsfähig bleiben. Dazu passt, dass Wissenschaftler vor kurzem die Gehirne toter Schweine selbst nach Stunden noch teilweise wiederbeleben konnten.

Empfehlungen für die Wiederbelebung

Ausgehend von diesen Beobachtungen geben Gordon und seine Kollegen eine Reihe von Empfehlungen für die Reanimation: Bei Herzstillstand sollte die Wiederbelebung mindestens 20, besser 30 Minuten lang fortgeführt werden. Nach scheinbar erfolgloser Defibrillation mittels Elektroschock sollte die Reanimation nicht sofort gestoppt werden, weil ein Herzschlag auch mit Verzögerung wieder einsetzen kann.

Ein weiterer Faktor, der ein Lazarus-Phänomen zu begünstigen scheint, ist eine Beatmung unter zu hohem Druck. Denn dadurch wird die natürliche Ausatmung erschwert und die Lungen blähen sich auf. Das kann Blutfluss und Herzschlag hemmen und so den Tod vortäuschen. „Ein solcher hoher intrathorakaler Druck scheint in vielen der Lazarus-Fälle ein der Auslösemechanismus zu sein“, erklären Gordon und seine Kollegen.

„Beträchtliche Konsequenzen“

Nach Ansicht der Wissenschaftler ist das Lazarus-Phänomen ein wichtiger Hinweis darauf, dass die Wiederbelebung und die Feststellung des Todes im klinischen Alltag noch weiter optimiert werden sollten. „Auch wenn es wenige Fälle scheinen, sind die Konsequenzen doch beträchtlich, wenn man an das beteiligte medizinische Personal, die Angehörigen, die rechtlichen Konsequenzen und die Anzahl der Patienten denkt, die Wiederbelebungsmaßnahmen benötigen“, konstatieren sie. (Scandinavian Journal of Trauma, Resuscitation and Emergency Medicine, 2020; doi: 10.1186/s13049-019-0685-4)

Quelle: Eurac Research

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