Genanalysen enthüllen Verbreitungswege der exotischen Blutsauger Wie die Tigermücke nach Europa kam - scinexx | Das Wissensmagazin
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Wie die Tigermücke nach Europa kam

Genanalysen enthüllen Verbreitungswege der exotischen Blutsauger

Aedes albopictus
Die Asiatische Tigermücke kommt längst nicht mehr nur in ihrer einstigen Heimat vor. © James Gathany/ CDC

Exotischer Eindringling: Die eigentlich in Asien heimische Tigermücke ist längst auch bei uns Dauergast. Genanalysen enthüllen nun, wie der Blutsauger einst nach Europa kamen. Demnach wurden die Mücken mehrmals unabhängig voneinander aus unterschiedlichen Regionen eingeschleppt, unter anderem aus China und den USA. Zur rasanten Verbreitung der potenziellen Krankheitsüberträger hat dabei maßgeblich der Mensch beigetragen.

Mit dem milder werdenden Klima etablieren sich zunehmend exotische Stechmücken in Europa. Das wohl bekannteste Beispiel ist die Asiatische Tigermücke (Aedes albopictus): Dieser Blutsauger stammt ursprünglich aus den tropischen und subtropischen Region Süd- und Südostasiens, hat sich inzwischen jedoch fast weltweit verbreitet.

In Europa tauchte die Tigermücke erstmals 1979 in Albanien auf. Von dort eroberte sie in den darauffolgenden Jahren zunächst Italien und andere Länder des Mittelmeerraums und schließlich auch Deutschland. Das Problematische an dieser Invasion: Tigermücken sind häufige Überträger krankmachender Viren wie dem West-Nil-Virus oder dem Chikungunya-Virus.

Blinder Passagier im Reifen

Doch über welche Wege kam diese potenziell gefährliche Stechmücken-Art überhaupt nach Europa? Bekannt ist, dass unter anderem der Handel über den Seeweg den Insekten die Verbreitung ermöglicht hat. So reisen die Eier und Larven oft als blinde Passagiere in gebrauchten Autoreifen mit, in denen Wasser steht. Darüber hinaus sind viele Details zur Invasionsgeschichte und den Migrationsmustern der Tigermücke jedoch noch unklar.

Um mehr darüber herauszufinden, haben Wissenschaftler um Verena Pichler von der Universität La Sapienza in Rom nun nach Hinweisen im Genom der inzwischen in Europa heimischen Insekten gesucht. Dabei konzentrierten sie sich auf die Einfallstore Albanien, Griechenland sowie Italien, das heute am stärksten befallene Land in Europa.

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Blick in die Gene

Für die Studie sammelte das Forscherteam Mückeneier in den jeweiligen Ländern, ließ die Insekten schlüpfen und analysierte anschließend deren DNA. Diese Ergebnisse wurden dann mit genetischen Daten von Mücken aus den ursprünglichen Heimatländern sowie anderen inzwischen von der Spezies eroberten Regionen verglichen.

Der Blick ins Erbgut enthüllte: Die Eroberung Europas erfolgte durch eine Reihe von Invasionsereignissen aus diversen geografischen Gebieten, darunter sowohl Heimat- als auch Invasionsregionen dieser Mückenart. Ursprünglich wurden dabei mindestens zwei unterschiedliche Abstammungslinien der Tigermücke unabhängig voneinander eingeschleppt, wie die Wissenschaftler herausfanden.

Von China nach Albanien

Eine der Invasionen geht demnach auf eine Abstammungslinie aus dem südlichen Asien zurück, die zunächst Griechenland eroberte und heute zum Teil auch in Zentralitalien nachgewiesen werden kann. Mücken einer nordasiatischen Abstammungslinie waren dagegen wohl die ersten Besiedler Albaniens und Norditaliens.

Im Fall von Albanien kamen diese Blutsauger vermutlich aus einer nicht näher bekannten Quelle im Süden Chinas. Dafür spricht den Forschern zufolge auch, dass Albanien und China in den 1970er Jahren enge wirtschaftliche Beziehungen pflegten. Nach Norditalien kamen die Mücken dagegen wahrscheinlich über einen Umweg über die USA. Dies legt die frappierende genetische Ähnlichkeit der Mückenpopulationen in diesen beiden Regionen nahe.

Verbreitung über Autos

Darüber hinaus zeigen die Analysen, dass immer wieder neue Insekten nach Europa eingeschleppt werden und sich die Invasoren auch innerhalb eines Landes erstaunlich schnell verbreiten – vor allem am Beispiel Italien offenbart sich dies deutlich. Dort haben sich Tigermückenpopulationen in erstaunlich hohem Tempo durchmischt, wie die Wissenschaftler berichten.

„Dadurch hat sich die genetische Diversität erhöht und damit auch die Anpassungsfähigkeit der Insekten an unterschiedliche ökologische Bedingungen“, konstatieren sie. Tatsächlich kommt Aedes albopictus in Italien inzwischen fast überall vor – wahrscheinlich auch dank des Menschen. So lässt sich die schnelle Verbreitung der Mücken über weite Distanzen innerhalb des Landes nur durch einen passiven Transport zum Beispiel in Autos erklären, wie die Forscher erläutern. In Spanien sei ein solcher Verbreitungsweg schon einmal direkt beobachtet worden.

„Permanente Plage“

„Insgesamt deuten unsere Erkenntnisse auf eine erhebliche Rolle menschlicher Aktivitäten bei der außergewöhnlichen Verbreitung dieser Spezies hin, die heute eine permanente Plage im Mittelmeerraum ist und bereits zu Infektionen von Europäern mit exotischen Viren wie Chikungunya geführt hat“, konstatieren die Wissenschaftler.

Eine der „erfolgreichsten Geschichten tierischer Invasion“ zu verstehen, könnte ihrer Ansicht nach in Zukunft dabei helfen, die weitere Verbreitung der Tigermücke in Europa zu verhindern. „Gerade das Beispiel Italien sollte eine Warnung an andere europäische Länder sein, in denen die Mücke bisher nur in geringen Zahlen oder beschränkten Gebieten vorkommt. Es ist wichtig, Einfallstore und Verbreitungswege so früh wie möglich zu identifizieren und koordiniert gegen die Verbreitung neuer Eindringlinge vorzugehen“, so ihr Fazit. (PLOS Neglected Tropical Diseases, 2019; doi: 10.1371/journal.pntd.0007554)

Quelle: PLOS

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