Vokaltrakt aus dem 3D-Drucker bildet Stimme eines altägyptischen Priesters nach Forscher bringen Mumie zum Sprechen - scinexx | Das Wissensmagazin
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Forscher bringen Mumie zum Sprechen

Vokaltrakt aus dem 3D-Drucker bildet Stimme eines altägyptischen Priesters nach

Nesyamun
Bereit für den CT-Scan: die 3.000 Jahre alte Mumie des Nesyamun © Leeds Teaching Hospitals/ Leeds Museums and Galleries

Stimme aus dem Jenseits: Forscher haben eine 3.000 Jahre alte ägyptische Mumie zum Sprechen gebracht. Dafür analysierten sie den konservierten Vokaltrakt des einstigen Priesters und stellten mittels 3D-Druck eine Kopie davon her. In Kombination mit einem synthetischen Kehlkopf ließ sich so die Stimme des Toten reproduzieren. Nun kann jeder hören, wie er zu Lebzeiten klang.

Die Stimme ist eines unserer wichtigsten Werkzeuge der Kommunikation – und so individuell wie ein Fingerabdruck. Denn Unterschiede im Vokaltrakt sorgen dafür, dass jeder Mensch beim Sprechen anders klingt. Wenn die Luft vom Kehlkopf weiter durch Rachen, Mund und Nase strömt, entsteht ein charakteristischer Stimmklang. Diese sogenannte Klangfarbe macht unsere Stimme zu einem ganz persönlichen Erkennungsmerkmal.

Wer weiß, wie der Vokaltrakt eines Menschen beschaffen ist, kann daher Rückschlüsse auf den Klang seiner Stimme ziehen und sie synthetisch nachbilden. Genau das haben Forscher um David Hower von der University of London nun bei einem seit langer Zeit Verstorbenen gemacht: Sie haben die 3.000 Jahre alte Mumie des ägyptischen Priesters Nesyamun zum Sprechen gebracht.

Mithilfe der CT-Bilder erstellten die Forscher ein naturgetreues Abbild des Vokaltrakts der Mumie. © Howard et al., CC-by-sa 4.0

Wie klang Priester Nesyamun?

Wie die Wissenschaftler berichten, war dieses skurrile Vorhaben nur umsetzbar, weil die seit 1823 im Stadtmuseum von Leeds aufbewahrte Mumie besonders gut erhalten ist. Von dem etwa 1100 vor Christus einbalsamierten Priester Nesyamun sind demnach wesentliche Teile des Vokaltrakt-Gewebes konserviert – insbesondere Kehlkopf- und Rachenstrukturen.

„Nesyamun arbeitete als Schreiber und Priester in der Karnak-Tempelanlage bei Thebes. Seine Stimme war ein wichtiges Werkzeug für seine rituellen Pflichten, die sowohl gesprochene als auch gesungene Elemente beinhalteten“, erklärt das Team. Wie aber klang der Priester, wenn er im Tempel predigte und sang?

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Vokaltrakt aus dem 3D-Drucker

Um dies herauszufinden, durchleuchteten Hower und seine Kollegen die Mumie zunächst mithilfe der Computertomografie (CT). Anhand der dabei entstandenen Bilder konnten sie den Vokaltrakt im Detail vermessen und mithilfe von 3D-Druck ein naturgetreues Abbild erstellen. Nun fehlte nur noch ein künstlicher Kehlkopf zur Sprachsynthese, damit die Forscher Nesyamuns Stimme zum Leben erwecken konnten.

Bisher allerdings hat das Team nur einen einzigen Laut reproduziert, der klanglich zwischen den Vokalen der beiden englischen Wörter „bed“ (Bett) und „bad“ (schlecht) liegt. Ganze Wörter oder Sätze bringt der nachgebildete Stimmapparat der Mumie nicht hervor. Denn nur mit weiterem Wissen zum Beispiel über Artikulation und Sprachmuster könnten die Wissenschaftler ihre Nachbildung so reden lassen, wie es einst der ägyptische Priester tat.

So klingt die Mumie:

„3.000 Jahre nicht gehört“

Trotzdem eröffnet sich mit der Arbeit der Forscher ein einzigartiges Fenster in eine vergangene Welt, wie sie selbst betonen: „Sie erlaubt uns, in direkten Kontakt mit dem alten Ägypten zu treten und dem Klang eines Vokaltrakts zu lauschen, der seit über 3.000 Jahren nicht gehört worden ist.“ Dies sei eine ganz neue Art, der Öffentlichkeit die Vergangenheit nahezubringen.

Auch Nesyamun selbst hätte es wahrscheinlich befürwortet, als Toter sprechen zu können. „Nur wer vor dem Totengericht verbal bestätigen konnte, ein tugendhaftes Leben geführt zu haben, dem wurde dem Glauben nach das ewige Leben und der Titel Maa-cheru zuteil“, erklären Howard und seine Kollegen. Mit „Maa-cheru“ sprach das Gericht das Urteil, dass der Verstorbene „gerecht (wahr) an Stimme“ ist.

Mit den Göttern sprechen

Tatsächlich bergen die Inschriften auf Nesyamuns Sarg weitere Hinweise auf seinen Wunsch, nach dem Tod zu sprechen: Er bittet darin um das ewige Wohl für seine Seele und dass diese sich frei bewegen und die Götter ansprechen kann, wie Nesyamun es Zeit seines Lebens getan hat.

„Dieser dokumentierte Wunsch, gemeinsam mit dem exzellenten Erhaltungszustand seines mumifizierten Körpers, machte Nesyamun zum idealen Kandidaten für unser ‚Voices from the Past‘-Projekt“, so das Fazit der Wissenschaftler. (Scientific Reports, 2020; doi: 10.1038/s41598-019-56316-y)

Quelle: Nature Press

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