"Unterhaltungsprogramm" im Mittelalter - scinexx | Das Wissensmagazin
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Ritterturniere, Hexenverbrennungen und öffentliche Hinrichtungen

„Unterhaltungsprogramm“ im Mittelalter

Städte sind ein Ort voller kultureller Ereignisse und Höhepunkte. Die anspruchsvollen Stadtmenschen wollen schließlich nach ihrer Arbeit oder am Wochenende gut unterhalten werden – auch im Mittelalter. Allerdings ist die Art der „Unterhaltung“ eine andere als heute…

Darstellung eines Ritterspiels © IMSI MasterClips

Da sind zum Beispiel die Ritterturniere – im 10. und 11. Jahrhundert wird den Adligen untersagt mit blutigen Fehden, Feldzügen und Plünderungen durch das Land zu ziehen und Angst und Schrecken zu verbreiten. Da aber das Bedürfnis nach kriegerischen Auseinandersetzungen offensichtlich groß ist, wird ein neuartiges Festspiel erfunden. Bei dieser „kriegerischen Rauferei“ ist es den Rittern erlaubt mit ihren Gegnern zu kämpfen. Neben der festlichen Veranstaltung ist die Hauptattraktion ein Reiterspiel – eine Art Massenkampf – bei dem es sehr rau zugeht und auch mit echten und somit gefährlichen Waffen gekämpft wird. Im Unterschied zum Krieg werden die Teilnehmer – häufig alte Feinde, die schon öfter gegeneinander gekämpft haben – zu dem Turnier eingeladen. Sie müssen sich an bestimmte Regeln halten und jede kämpfende Gruppe hat einen eigenen Schutzbezirk, in den sie vor ihren Gegnern fliehen kann.

Ziel der Veranstaltung ist es, neben der Unterhaltung des Volkes, den Feind in die Flucht zu schlagen oder ihn kampfunfähig zu machen. Als Hilfswerkzeug dienen dafür Schwert und Streitkolben für die Reiter und Stöcke sowie Keulen für die Knappen. Drei Jahre nachdem das erste Turnier dieser Art 1127 auf deutschem Boden veranstaltet wurde, verbietet Papst Innozenz II. solche Ritterturniere wegen ihrer Grausamkeit und der zahlreichen Opfer, die sie fordern. Doch die Anweisungen des Papstes zeigen keinerlei Wirkung. Erst im 13. Jahrhundert werden stumpfe Waffen und bessere Rüstungen eingeführt, um die Sicherheit der Ritter zu verbessern. Doch das ist eigentlich nicht im Sinne des Publikums, denn das will natürlich vor allem Blut sehen. Durch einen kleinen Trick müssen sie darauf nicht einmal verzichten, denn die Ritter tragen unter ihren Harnischen mit Rotwein gefüllte Schweinsblasen. Durch einen Lanzenstoß oder Schwerthieb platzen diese, und übergießen den Ritter mit „Blut“…

Eine andere Art der „Unterhaltung“ sind die Hexenverbrennungen, die im Mittelalter keine Seltenheit sind. Nach dem Volksaberglauben sind Hexen alte, hässliche Frauen, mit bleicher Gesichtsfarbe und wildem Blick. Sie stehen mit dem Teufel im Bunde und fügen Mensch und Tier Schaden zu. Die Bekämpfung der Hexerei nimmt in dieser Zeit neue Formen an, denn die Kirche will diesen „Zauber“ unterdrücken und jagt die Verdächtigen unermüdlich. Um an die nötigen Beweise und Geständnisse zu kommen, werden vielfältige, grausame Foltermethoden und so genannte Hexenproben angewendet. Den Angeklagten werden unter anderem alle Haare abrasiert, denn nur so kann das Hexenzeichen zum Vorschein kommen. Ist eine Hexe geständig, was unter den Folterungen keine Seltenheit ist, verurteilt man sie zum Feuertod und verbrennt sie anschließend unter dem Gejohle des Volkes auf dem Scheiterhaufen. Ihre Asche aber wird wiederum als Heilmittel verwendet…

Auch die öffentlichen Hinrichtungen fallen in die Kategorie „Unterhaltung“. Diese sind neben Folterungen, Säuberung der Kloake und Zurschaustellung der Delinquenten Aufgabe des ehr- und rechtlosen Henkers. Sobald eine Hinrichtung in der Stadt angekündigt wird, drängelt sich das Volk um das Schafott. Einerseits will man sehen wie der Beschuldigte seine gerechte Strafe bekommt, andererseits schreibt man bis ins 19. Jahrhundert dem Blut von Enthaupteten geheimnisvolle Heilkräfte zu und möchte deshalb etwas davon ergattern.

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Der Angeklagte bekommt zwischen Richterspruch und Hinrichtung die so genannte Henkersmahlzeit, das heißt ihm werden viele Vergünstigungen zuteil. Der Grund dafür ist aber nicht die größtmöglichste Erleichterung seines schweren Schicksals, sondern lediglich der Aberglaube der Menschen. Da sie meinen, dass bei einer Hinrichtung nur der Körper, nicht aber die Seele stirbt, versuchen sie die Seele zu besänftigen. Denn nur eine zufriedene Seele geht direkt in das Reich der Seelen über, eine zornige Seele hingegen bleibt auf der Erde zurück und wird sich rächen…

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Stand: 27.06.2001

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Inhalt des Dossiers

Stadtgeschichte(n)
Eine Zeitreise in die Vergangenheit...

Facts
Das Wichtigste in Kürze

Wo werden Städte gegründet?
Von bevorzugten "Wohngegenden" und "Wohnlagen"...

Die Anfänge...
...oder wie alles beginnt

Städte der Frühzeit
Ur, eine der ersten Städte

Das Leben in frühzeitlichen Städten
Vom Bauer zum Banker..

Städte in der klassischen Antike
Polis - Stadt zwischen Natur und Gesellschaft?

Gleichförmigkeit im klassischen Griechenland
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