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Prävention durch Retention

Rückverlegung der Deiche

„Gebt dem Rhein seine Auen zurück“, so oder ähnlich lautet schon seit längerem die Forderung von Naturschützern. Denn weil hier auf engstem Raum verschiedene Trocken- und Feuchtlebensräume miteinander verzahnt sind, beherbergen die sporadischen Überflutungsgebiete häufig eine große Artenvielfalt. Doch inzwischen setzt sich die Erkenntnis durch, dass die Auen auch in der Hochwasserprävention wertvolle Dienste leisten können.

Denn wenn die Flüsse ihr eigentliches Bett verlassen, speichern die angrenzenden Uferbereiche vorübergehend einen Teil des Wassers. Erst mit sinkendem Wasserstand des Flusses geben die Auen das „zwischengelagerte“ Wasser wieder ab. Diese Aufnahmefähigkeit wird als natürlicher Rückhalt – die Retention – bezeichnet. Der Bewuchs aus Gräsern, Büschen und auch Bäumen bremst zudem die Geschwindigkeit des Wassers, es fließt langsamer und kann sich beruhigen. Je größer dieser Rückhalt ist, desto niedriger sind in der Regel die Hochwasserstände flussabwärts. Durch die seit einigen Jahren praktizierte Rückverlegung von Deichlinien ins Hinterland werden so genannte Flutpolder geschaffen, die den wasserspeichernden Effekt natürlicher Auen nachahmen.

Die Vorteile liegen auf der Hand: Die gesteuerte Überflutung verhindert ungewollte Überschwemmungen flussabwärts und der neue Deich landeinwärts steht zumeist auf der ohnehin erhöhten Mittelterrasse des Flusses und kann somit niedriger gebaut werden. Die Deichlinie folgt zudem nicht mehr den gewundenen Flussschleifen und ist durch die „Abkürzung“ durchs Hinterland insgesamt verkürzt. Auf lange Sicht sind die Deiche somit kostengünstiger in der Erhaltung und einfacher zu verteidigen. Doch gegen die Rückverlegung der Deiche gibt es auch Widerstand, insbesondere bei der lokalen Bevölkerung. Denn aus Sicherheitsgründen dürfen die zum Deichvorland gewordenen Gebiete fortan nicht mehr besiedelt werden. Und die landwirtschaftliche Nutzung beschränkt sich häufig auf eine extensive Weidewirtschaft. Entsprechend langwierig sind die politischen Verhandlungen mit den Eigentümern der Flächen.

In Nordrhein-Westfalen – wie auch in anderen Bundesländern – ist seit 1995 die Schaffung von solchen Überschwemmungsflächen in das Hochwasserschutzkonzept mit aufgenommen worden. Sogar die Niederlande beteiligen sich zum Schutz ihrer Rheinanlieger mit bislang 10 Millionen Gulden an den Baukosten in Deutschland. Bis 2016 sollen insgesamt über 600 Millionen Euro in den Aufkauf von Ufergrundstücken, die Sanierung der Deiche und die Schaffung künstlicher Rückhaltebecken investiert werden. Bislang wurde bereits auf einer Fläche von 1.500 Hektar ein potenzielles Rückhaltevolumen von 70 Millionen Kubikmetern Wasser geschaffen. In den nächsten Jahren sollen weitere 100 Millionen Kubikmeter Retentionsraum zwischen Köln und der niederländischen Grenze hinzukommen.

Doch auch die Auen und Flutpolder können bei extremen Hochwässern nicht alle Wassermassen wirksam bändigen. Und da der Rhein durch zumeist dicht besiedeltes Gebiet führt, bieten auch in Zukunft die Deiche den wichtigsten Schutz gegen Überschwemmungen. Restrisiko inklusive. Aber zumindest der Scheitelpunkt der Flut kann durch die stellenweise Renaturierung des Flusses abgesenkt werden und somit für die Anwohner und die Deiche die entscheidenden Zentimeter Entlastung bringen…

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Stand: 12.02.2004

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Hochwasser am Rhein
Alle Jahre wieder

Bescherung durch „Vater Rhein“
Das Hochwasser von Weihnachten 1993

Wenn es in den Rhein regnet
Entstehung des Hochwassers

Jeder Zentimeter zählt
Eine (fiktive) Pegel-Tour

Der entkrümmte Rhein
Menschlicher Einfluss

Prävention durch Retention
Rückverlegung der Deiche

Technischer Hochwasserschutz
Mehr als nur auf Sand gebaut

Von Friedrich II. und Goethe
Deichgeschichte(n)

ELWIS lebt
Ein Frühwarnsystem mit Zukunft

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