Droht der Menschheit eine globale Energiekrise? - scinexx | Das Wissensmagazin
Anzeige
Anzeige

Droht der Menschheit eine globale Energiekrise?

Interview mit dem BGR-Rohstoffexperten Dr. Peter Gerling

Dr. Peter Gerling ist seit 1984 als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe tätig. 1997 hat er dort die Koordination des Bereiches Kohlenwasserstoff-Forschung übernommen. G.O. hat den anerkannten Fachmann für Rohstofffragen per e-Mail interviewt:

G.O.: Herr Dr. Gerling, der Primärenergieverbrauch weltweit steigt seit 1950 sehr stark an und wird auch in Zukunft weiter wachsen. Noch immer werden vor allem nicht-erneuerbare Energieträger wie Kohle, Erdöl oder Erdgas zur Energieproduktion genutzt. Doch die Reserven sind begrenzt. Droht der Menschheit im nächsten Jahrtausend eine globale Energiekrise?

Gerling: Nun, die statischen Reichweiten der Energieträger, also kalkulierte Reichweiten auf Basis des heutigen Verbrauchs der Weltbevölkerung, reichen noch weit in das nächste Jahrhundert hinein. Nach Meinung aller Experten sind die Mega-Lagerstätten im Prinzip jedoch entdeckt.

Durch Einsatz von mehr und verbesserter Technologie werden auch zukünftig noch Lagerstätten gefunden und die Ausbeuteraten bereits produzierender Felder verbessert. Neuland für die Exploration sind die Tiefwasserbereiche der Weltmeere und zum Teil die arktischen Gewässer. Auch wenn dort im begrenzten Rahmen noch Neufunde zu erwarten sind, werden diese keine beruhigende Verlängerung der Reichweiten bedeuten.

Viel bedenklicher entwickelt sich meines Erachtens die Nachfrage: Das Wachstum der Weltbevölkerung sowie das Wirtschaftswachstum und der damit verknüpfte Energiebedarf in den Schwellen- und Entwicklungsländern wird weiter steigen. Ausserdem hat bisher etwa ein Drittel der Weltbevölkerung kaum Zugang zu den Energierohstoffen Erdöl, Erdgas und Kohle gehabt, sie wird jedoch in Zukunft danach verlangen.

Anzeige

Zwar greifen in der Regel ja die Marktmechanismen, indem eine veränderte Nachfrage zu entsprechenden Produktentwicklungen führt. Ich denke da z.B. an ein 3-Liter-Auto, an Blockheizkraftwerke, usw.. Dennoch wird sich die Schere zwischen Nachfrage und Versorgung mit Energierohstoffen immer weiter öffnen.

G.O.: In der Öffentlichkeit diskutiert man seit einiger Zeit die Rohstoffe der Zukunft. Kann man schon heute abschätzen, welche „neuen“ Energieträger im Verlauf des 21. Jahrhunderts große Bedeutung gewinnen werden?

Gerling: Wenn man zur Kenntnis nimmt, dass alternative Energiequellen wie Windenergie, Solarenergie, nachwachsende Rohstoffe usw. nur einen begrenzten Beitrag zu Energieversorgung leisten können, muss man sich in der Tat Gedanken über bisher wenig genutzte, nicht-konventionelle Energieträger machen. Hier sind u.a. Ölschiefer und Ölsande, aber auch die umwelt-freundlicheren nicht-konventionellen Erdgaspotentiale in Kohleflözen, in „dichten“ Speichergesteinen, in Gashydraten und in Aquiferen zu nennen.

Bei der Produktion aus Ölsanden (in Kanada), aus Kohleflözen (in den USA) und aus „dichten“ Speichergesteinen (u.a. in Deutschland) gibt es bereits gut entwickelte Technologien, deren Einsatz natürlich vom Preisgefüge für Erdöl und Erdgas gesteuert werden. Für die Gewinnung des immensen Erdgaspotentials aus Aquiferen und Gashydraten gibt es noch keine einsetzbare Technologie.

G.O.: Welche Forschungsschwerpunkte setzen in diesem Zusammenhang die Wissenschaftler der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR)?

Gerling: Die BGR ist mit ihren Forschungsabteilungen in der Regel im Vorfeld des unmittelbaren industriellen Interesses tätig. So evaluieren wir in Regionalstudien beispielsweise das Erdöl- und Erdgaspotential von Sedimentbecken an Kontinentalrändern.

Aktuelle Studien befassen sich mit der Laptev-See, nördlich von Sibirien, mit den passiven Kontinentalrändern auf beiden Seiten des Südatlantiks vor Argentinien und Namibia, und mit dem aktiven Kontinentalrand vor Costa Rica.

Andererseits entwickeln wir neue zukunftsweisende Prospektionswerkzeuge und Explorationsmethoden, um den zunehmenden Anstrengungen in der Exploration gerecht zu werden.

G.O.: In letzter Zeit hört und liest man beim Thema Energierohstoffe immer wieder über Gashydrate. Was versteht man darunter eigentlich genau?

Gerling: Gashydrate sind aus Wassermolekülen aufgebaute Kristallkäfige, in denen Gasmoleküle – in der Regel Methan – eingeschlossen sind. Gashydrate entstehen unter hohem Druck bei niedrigen Temperatur, sofern ausreichend Wasser und Methan zur Verfügung steht.

G.O.: Tief in den Permafrostböden und an den Kontinentalhängen der Ozeane sollen sich riesige Lagerstätten befinden. Wie weit ist man mit der Erforschung der Gashydratvorkommen?

Gerling: Die Erkundung steckt sozusagen noch in den Kinderschuhen. Alle bisherigen Mengenabschätzungen – man spricht über ein mindestens doppelt so grosses Energiepotential wie aus konventionellen Erdöl-, Erdgas- und Kohlevorräten zusammen – beruhen in erster Linie auf indirekten, geophysikalischen Messdaten und bedürfen dringend einer Konkretisierung.

Forscher in den USA, in Kanada, in Japan, in Russland und auch in Deutschland beschäftigen sich in zunehmendem Maße mit diesem Thema. Jedoch ist für ein besseres Verständnis der Gashydrate noch Grundlagenforschung bezüglich Bildung, Stabilität und Zerfall von Gashydraten notwendig. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) wird diese Forschungsrichtung unter der Überschrift „Gashydrate im Geosystem – Forschungsstrategie“ in den kommenden Jahren mit erheblichen Finanzmitteln unterstützen.

Hierbei wird auch der Tatsache Rechnung getragen, dass Methan nicht nur ein Rohstoff sondern auch ein Treibhausgas ist, und das zerfallende Gashydrate riesige Erdrutsche im submarinen Bereich verursachen können.

G.O.: Wann kann man frühestens mit einer großflächigen Nutzung der Gashydrate rechnen?

Gerling: Zusätzlich zu den bereits erwähnten Defiziten im Grundlagenbereich gibt es bisher kaum überzeugende Ideen oder Technologien zur Ausbeutung von Gashydraten. Die aus dem Erdgastransport in Pipelines bekannte Technologie zur Inhibition der Gashydratbildung kann möglicherweise auch zum gezielten Abbau in „Gashydrat-Lagerstätten“ eingesetzt werden.

Derartige Inhibitoren wurden bereits in einem Gashydrat-Feld in Sibirien getestet. Demnächst werden auch in einem kanadischen Gashydratfeld unter Permafrost erste Förderversuche anlaufen. Eine Ausbeutung von Gashydratfeldern im marinen Bereich dagegen erfordert einerseits deutlich höhere Investitionen und kann massive ökologische Auswirkungen haben, sodass hier auf mittelfristige Sicht kaum mit einer Nutzung zu rechnen ist.

G.O.: Werden sie letztendlich einen entscheidenden Beitrag zur Energieversorgung der ständig wachsenden Menschheit im nächsten Jahrtausend liefern können?

Gerling: Guten Gewissens kann man diese Frage im Augenblick nicht bejahen.

G.O.: Ist es vor dem Hintergrund der Klimaschutzproblematik legitim, auf eine großflächige Nutzung der Gashydrate zu setzen?

Gerling: Methan ist bekanntlich der umweltfreundlichste fossile Energierohstoff. Insofern wäre eine Nutzung zu begrüßen. Wenn es der Wissenschaft und der Industrie gelingt, eine sichere Methode zu Ausbeutung dieser Gase zu entwickeln, sehe ich keinen Hinderungsgrund. Selbstverständlich muss gewährleiset sein, dass der Abbau kontrolliert durchgeführt und ein Entweichen des Methans in die Atmosphäre verhindert wird.

G.O.: Schon allein aus Klimaschutzmotiven spielen die Nachwachsenden Rohstoffe eine wichtige Rolle im Rahmen der öffentlichen Diskussion über die Rohstoffe der Zukunft. Welche Chancen und Möglichkeiten sehen Sie in diesem Bereich?

Gerling: Ich bin zwar kein Fachmann auf diesem Gebiet, aber der normale Menschenverstand sagt mir, dass nachwachsende Rohstoffe eine grosse Anbaufläche verlangen und hier sehe ich dann einen Interessenskonflikt mit der Erzeugung von Lebensmitteln für die ständig wachsende Weltbevölkerung. Also, im Hinblick auf die CO2-Emissionsbilanz ein interessanter Ansatz, aber mit Blick auf die Energieversorgung der Zukunft vermutlich von marginaler Bedeutung.

G.O.: Ein alter Traum der Menschheit ist die Versorgung der Erde mit Rohstoffen aus dem All. Glauben Sie daran, dass diese Fiktion in absehbarer Zeit Realität werden könnte?

Gerling: Nein.

  1. zurück
  2. 1
  3. |
  4. 2
  5. |
  6. 3
  7. |
  8. 4
  9. |
  10. 5
  11. |
  12. 6
  13. |
  14. 7
  15. |
  16. 8
  17. |
  18. 9
  19. |
  20. weiter


Stand: 19.12.2001

Anzeige

In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Brennendes Eis
Gashydrate - Energielieferanten der Zukunft

Droht der Menschheit eine globale Energiekrise?
Interview mit dem BGR-Rohstoffexperten Dr. Peter Gerling

Auf der Suche nach neuen Rohstoffen...
Die Reserven der Erde sind begrenzt

"Brennendes Eis"
Was sind Gashydrate?

Rettung aus den Weltmeeren und Permafrostböden?
Vorkommen und Nachweis von Gashydraten

Auf dem Weg zu einer neuen Energiequelle...
Wie kann man Gashydratvorkommen ausbeuten?

Gasreserve für Jahrhunderte?
Bedeutung der Methanhydrate als Energiequelle der Zukunft

Global Player des Klimageschehens
Methan, das drittwichtigste Treibhausgas der Atmosphäre

Methanschock liess den Ozean kippen
Drohen dramatische Folgen, wenn das Methaneis freigesetzt werden sollte?

Diaschauen zum Thema

keine Diaschauen verknüpft

News zum Thema

keine News verknüpft

Dossiers zum Thema

Anzeige
Anzeige