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Montag, 24.09.2018
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Ein Mediziner als Politiker

Virchow engagiert sich für sozialpolitische Themen

Virchow macht sich als Mediziner schnell einen Namen, sodass er bald auch im Auftrag der preußischen Regierung unterwegs ist. Als 1848 in Berlin die Revolution ausbricht, weilt er gerade in Oberschlesien. Er soll dort die Ursachen einer verheerenden Typhusepidemie erforschen – ein Auftrag, der zu einem Schlüsselereignis seines Lebens wird.

Virchow: auch ein hochpolitischer Mensch

Virchow: auch ein hochpolitischer Mensch

"Politik ist Medizin im Großen"


Denn in Oberschlesien erlebt der Arzt eine hungernde, kranke Bevölkerung in Not und Elend. Sein Bericht über diese Zustände wird zur Anklageschrift gegen die Obrigkeit: Virchow erklärt darin, dass die Regierung schuld an der Epidemie sei, weil sie das Land vernachlässige. Zurück in Berlin beteiligt er sich am Barrikadenkampf. Diese Aktion kostet ihn zeitweilig seinen Job an der Charité. Doch sie ist die Initialzündung für eine politische Karriere mit Durchschlagskraft.

"Medizin ist eine soziale Wissenschaft und die Politik ist weiter nichts als Medizin im Großen", konstatiert Virchow. Unter dieser Maxime engagiert er sich nach seiner Rückkehr aus Würzburg ab 1859 als Mitglied des Stadtparlaments in Berlin und lässt sich zwei Jahre später zudem ins preußische Abgeordnetenhaus wählen.

Das Beinahe-Duell


Sein Thema ist klar: die Gesundheit der Bevölkerung. Die Menschen brauchen sauberes Wasser, frische Luft und eine medizinische Grundversorgung, um gesund zu bleiben, ist Virchow überzeugt. Er setzt sich für die Errichtung öffentlicher Krankenhäuser ein und plädiert für den Bau einer neuen Wasseranlage sowie einer Kanalisation in Berlin. Anstatt Unsummen für das Militär auszugeben, solle der Staat sein Geld lieber für solche dringenden Verbesserungen der Infrastruktur investieren.

Forderte Virchow zum Duell heraus: Otto von Bismarck

Forderte Virchow zum Duell heraus: Otto von Bismarck

Doch die Stadtväter sträuben sich zunächst. Und auch Bismarck geht Virchow mit seinen hartnäckigen Forderungen auf die Nerven. Nach einer hitzigen Budgetdebatte im Landtag reicht es dem Ministerpräsidenten Preußens eines Tages – er fordert Virchow zum Duell heraus. Doch der lehnt ab. Ein Waffenduell sei keine zeitgemäße Art der Diskussion, belehrt er seinen Widersacher kühl.

Eine Kanalisation für Berlin


Virchow bleibt am Ball: "Aller Reichtum, alle Bedeutung der Stadt wie des Staates, beruht in letzter Instanz auf der Tätigkeit der Bewohner", mahnt er. "Kann es daher einen größeren Verlust geben als den Verlust an Menschenleben? Bringt nicht jede Krankheit, die ein arbeitsfähiges Glied der Gesellschaft außer Tätigkeit setzt, Nachteile, die in Geldeswert zu veranschlagen sind?"

Aber erst, als Preußen 1872 eine große Typhusepidemie heimsucht und dabei mehr Menschen sterben als zuvor im Krieg gegen Frankreich, finden seine Worte Gehör. Zur Einsicht gekommen, nehmen die Stadtväter von Berlin in den Folgejahren Anleihen von mehreren Millionen Mark auf, um eine neue Wasseranlage und eine Kanalisation zu bauen. Ein Projekt mit Vorbildcharakter: Bald ist die große Mehrheit der deutschen Großstädte kanalisiert.

Engagiert gegen Rassismus


Doch Virchow setzt sich im Parlament nicht nur für die öffentliche Gesundheit ein: Ende des 19. Jahrhunderts breiten sich im Deutschen Reich Strömungen aus, die Antisemitismus und Angst vor Überfremdung verbreiten. Gleichzeitig kommt die Vorstellung auf, man könne intellektuelle Merkmale mit Elementen der physischen Anthropologie in Verbindung bringen. Der Politiker warnt vor solchen Vereinfachungen – vor allem davor, eine bestimmte ethnische Gruppe als minderwertig zu betrachten.

Die Ansichten seiner politischen Gegner kontert er zu jeder Gelegenheit couragiert und wortreich: "Es scheint, als ob jedes Mitglied der antisemitischen Partei sich für einen Urgermanen hielte", sagt er einmal. "Ich kann Sie auf die ruhmreichen Zeiten unseres Heeres und unseres Zivildienstes verweisen. Überall werden Sie Männer finden, die bald Kelten, bald Slawen und bald Italiener und was sonst waren."

Und als in einem Berliner Flugblatt die Gefahr heraufbeschworen wird, eines Tages könne womöglich ein Türke bis in die Stadtverordnetenversammlung vorstoßen, entgegnet er nur: "Ja meine Herren, so würden Sie sich das auch gefallen lassen müssen."
Daniela Albat
Stand: 08.12.2017
 
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