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Omikron BA.5: Warum vor allem Genesene erneut erkranken

Antikörper alter Infektionen schützten kaum vor neuer Omikron-Mutante

Coronavirus-Mutante
Die neuen Omikron-Varianten BA.4 und BA.5 des Coronavirus können unseren Antikörpern ausweichen, vor allem bei Genesenen. © peterschreiber.media/ Getty images

Immunflucht-Mutante: Wer schon eine Coronavirus-Infektion hinter sich hat, kann sich trotzdem mit der zurzeit in Deutschland grassierenden Coronavirus-Variante Omikron BA.5 anstecken. Denn wie eine Studie bestätigt, wirken Antikörper von Genesenen kaum auf diese Virus-Mutante. Die dreifache mRNA-Impfung kann BA.5 hingegen noch neutralisieren, die Wirkung ist aber gegenüber früheren Corona-Varianten abgeschwächt. Diese Immunflucht der neuen Omikron-Variante könnte erklären, warum die Infektionszahlen in diesem Sommer höher sind.

Seit Beginn der Corona-Pandemie ist das Coronavirus SARS-CoV-2 immer wieder mutiert. Dabei entstanden Virusmutanten, die ansteckender sind, aber auch Varianten wie Omikron, die sich unserer Immunabwehr durch Veränderungen an ihrem Spike-Protein teilweise entziehen. Inzwischen hat Omikron mit BA.4 und BA.5 mehrere Untervarianten entwickelt, die seit einigen Wochen auch in Deutschland zirkulieren und deren Ausbreitung für die aktuelle „Sommerwelle“ sorgt.

Omikron
Die Omikron-Variante von SARS-CoV-2 hat zahlreiche Mutationen (rot) im Spike-Protein, durch die sich auch Ansatzstellen für Antikörper verändert haben. © Markus Hoffmann/ Deutsches Primatenzentrum GmbH

Bislang war jedoch unklar, ob die Untervarianten BA.4 und BA.5 die bisher vorherrschenden Coronaviren durch ihre bessere Übertragbarkeit verdrängen oder ob sie weniger gut durch Antikörper gehemmt werden.

Tests mit Antikörpern Genesener, Geimpfter und Antikörper-Präparaten

Wie stark der Immunflucht-Effekt bei diesen neuen Omikron-Varianten ist, haben nun Prerna Arora vom Deutschen Primatenzentrum in Göttingen und ihre Kollegen untersucht. Für ihre Studie konfrontierten sie die verschiedenen Omikron-Varianten mit Antikörpern aus dem Blutserum von ungeimpften Genesenen, die bereits Infektionen mit der ursprünglichen Omikron-Variante BA.1 oder BA.2 durchlebt hatten. Auch Antikörper von dreifach mit mRNA-Impfstoff Geimpften, Geimpften mit anschließender Infektion und therapeutische Antikörper-Präparate wurden getestet.

Das erste Ergebnis: Von zehn getesteten therapeutischen Antikörper-Präparaten konnten nur zwei auch die Omikron-Varianten BA.4 und BA.5 zumindest teilweise hemmen. Nur eines dieser Präparate, Bebtelovimab (LY-CoV1404), neutralisierte alle Omikron-Untervarianten. „Es ist daher wichtig, dass zeitnah neue Antiköper für die Therapie entwickelt werden, um für zukünftige Varianten gut gerüstet zu sein“, sagt Arora.

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Frühere Infektion schützt kaum noch

Noch wichtiger jedoch: Auch die natürlich bei einer Coronavirus-Infektion gebildeten Antikörper wirken nur teilweise gegen die neuen Omikron-Varianten. Antikörper von ungeimpften Personen, die sich im Frühjahr mit den Omikron-Untervarianten BA.1 oder BA.2 infiziert hatten, waren gegen BA.4 und BA.5 kaum aktiv, wie die Forschenden berichten. Offenbar ist der Unterschied zwischen diesen Untervarianten groß genug, um einen beträchtlichen Teil der auf die alten Varianten geprägten Antikörper ins Leere laufen zu lassen.

Immunflucht
Eine durchgemachte Infektion mit den früheren Omikron-Untervarianten schützt kaum gegen BA.5 (links), die Wirkung der Impfantikörper ist dagegen nur leicht abgeschwächt. © Markus Hoffmann/ Deutsches Primatenzentrum GmbH

Das erklärt auch, warum zurzeit besonders viele Genesene sich erneut mit dem Coronavirus anstecken: Weil ihre an die früheren Coronavirus-Varianten angepassten Antikörper viele ihrer Ansatzstellen am viralen Spike-Protein nicht mehr finden, wirken sie nicht oder nur eingeschränkt. Dadurch kann das Immunsystem die Infektion schlechter abwehren und eine erneute Ansteckung ist die Folge.

Schutz durch Dreifach-Impfung nur leicht abgeschwächt

Doch wie sieht es mit dem Impfschutz durch die mRNA-Vakzinen aus? Den Tests zufolge sind die nach dreifacher mRNA-Impfung gebildeten Antikörper auch gegen die neuen Omikron-Varianten noch wirksam – wenn auch etwas schwächer. Schon beim ursprünglichen Omikrontyp war die Neutralisation rund viermal schlechter, bei BA.4 und BA.5 ist sie rund achtfach verringert, wie Arora und ihre Kollegen ermittelten.

Ähnliche Ergebnisse zeigten sich auch für Antikörper, die nach Impfung und anschließender Durchbruchinfektion gebildet wurden. Diese sogenannte Hybrid-Immunität gilt als besonders gut schützend. In den Tests war jedoch auch bei den Antikörpern solcher Patienten die Hemmung von BA.4 und BA.5 deutlich reduziert.

Trotzdem noch Schutz vor schweren Verläufen

Nach Ansicht der Forschenden bestätigt dies, dass es sich bei BA.4 und BA.5 um Immunflucht-Varianten des Coronavirus handelt: Der Erreger hat sich daran angepasst, dass inzwischen viele Menschen entweder genesen oder geimpft sind und Antikörper gegen das Virus in sich tragen. Weil Varianten, die dieser Immunantwort entgehen, bessere Chancen auf eine Vermehrung haben, breiten sich Mutanten mit dieser Fähigkeit aus.

Immerhin stehen die Chancen gut, dass unser Immunsystem dennoch schwere Verläufe weitgehend verhindern kann. Denn neben den Antikörpern bekämpft auch die zelluläre Immunantwort die eindringenden Viren – und diese ist weniger von der Immunflucht betroffen. „Die Impfung wird dennoch vor einem schweren Verlauf schützen, der Schutz wird jedoch wahrscheinlich etwas geringer ausfallen als bei den vorher zirkulierenden Varianten“, erklärt Aroras Kollege Markus Hoffmann. (The Lancet Infectious Diseases, 2022; doi: 10.1016/S1473-3099(22)00422-4)

Quelle: Deutsches Primatenzentrum GmbH – Leibniz-Institut für Primatenforschung

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