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Die Skurrilsten ihrer Gattung

Ganz besondere Vertreter der Wanzen

Obwohl bereits die in Deutschland bekannten Wanzenarten sehr vielfältig sind, trumpfen weitere Arten mit ganz besonderen Anpassungen und Strategien auf. Einige davon gehen allerdings zu Lasten des Menschen: Einerseits als Schädlinge in der Landwirtschaft, die für große Ernteverluste verantwortlich sind. Andererseits als gemeine Blutsauger, die Krankheiten übertragen können.

Schädling mit bakteriellen Helfern

Ein spezieller Schädling in der Landwirtschaft ist die zu den Feuerwanzen gehörende Baumwollwanze (Dysdercus cingulatus). Sie frisst giftige Baumwollsamen und hinterlässt dauerhafte Verfärbungen an den Baumwollfasern, weshalb der Schädling auch Baumwollfärber genannt wird. Doch wie kann diese Wanze die giftigen sekundären Pflanzenstoffe der Baumwolle als Futterquelle verwerten?

Das Tier hat unsichtbare Helfer, wie Forscher vom Max-Planck-Institut für chemische Ökologie in Jena entdeckt haben: Die Baumwollwanze trägt in ihrem Darm Bakterien, die ihr offenbar dabei helfen, die ungenießbare Nahrung zu verwerten. Insgesamt beherbergen die Baumwollwanzen eine hochspezifische Gemeinschaft von drei bis sechs bakteriellen Symbionten in einer bestimmten Region des Mitteldarms, so die Wissenschaftler.

„Die Symbionten werden von der Mutterwanze auf die Eier übertragen“, erläutert Sailendharan Sudakaran. „Die frisch geschlüpften Nymphen saugen an der Oberfläche der Eihülle und nehmen die dort befindlichen Bakterien auf. So wird sichergestellt, dass die Wanzen die Symbionten ihr gesamtes Leben lang behalten und später an die nächste Generation weitergeben.”

Wurden die Wanzen in Experimenten dieses bakteriellen Helfer beraubt, zeigten sie deutliche Anzeichen für Mangelernährung. „Dies lässt sich nur dadurch erklären, dass die Symbionten einen wichtigen Beitrag zur Nahrungsverwertung ihrer Wirte leisten“, sagt Sudakaran. Unklar ist allerdings noch, ob die symbiontischen Bakterien die Baumwollsamen entgiften, oder ob sie nur zusätzliche Nährstoffe aufschließen.

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tarnung
Diese Wanzen ähneln in ihrem Aussehen Ameisen – eine perfekte Tarntracht. © Insects Unlocked/ gemeinfrei

Die Feinde hintergehen

Tarnen und Täuschen, Lügen und Betrügen – auch in der Tier- und Pflanzenwelt geht es so zu. Manche Tiere ahmen ihre Umgebung nach und sind damit geschickt vor Feinden getarnt. So zum Beispiel das Wandelnde Blatt – ein Insekt, das ein Blatt unbemerkt imitiert. Noch einen Schritt weiter geht die Mimikry, bei der das Tier ein nachgeahmtes, also gefälschtes Signal aussendet, um einen dritten Beteiligten zu täuschen.

Und genau diese Strategie verfolgt die Wanze Hyalymenus als Vertreter der Breitkopfwanzen. Diese Wanzenart ist gut sichtbar – und doch kaum zu erkennen. Denn sie ähnelt in ihrem Aussehen Ameisen – und verhält sich auch so. Räuber, die gelernt haben, Ameisen zu meiden, weil sie aggressiv sind und Säure spritzen, machen auch um ihre Nachahmer einen Bogen – ein erfolgversprechender Täuschungsversuch.

Fossile Seltenheit

Die skurrilen Anpassungen der Wanzenarten gehen bis weit in die Vergangenheit zurück: Wissenschaftler des Senckenberg Forschungsinstitutes in Frankfurt haben 2015 eine versteinerte, fossile Netzwanze entdeckt. Sie ist der erste Wanzenfund dieser Art in dem nordamerikanischen Ölschiefervorkommen. „Weltweit gibt es insgesamt 53 Arten fossiler Netzwanzen“, erzählt Sonja Wedmann, jedoch handle es sich bei ihrem Fund um einen ganz besonderen Glücksfall.

fossiler käfer
Auch Insekten wie Käfer und Wanzen werden als Fossilen gefunden. © Torsten Wappler /CC-by-sa 3.0

Das Ungewöhnliche an dieser fossilen Wanze sind ihre erstaunlich großen Fühler: Mit 4,6 Millimetern Länge sind sie so lang wie der gesamte Körper der Netzwanzen und besitzen ein ungewöhnlich verdicktes Ende. „Die Fühler deuten wir als Hilfsmittel der männlichen Tiere, um bei der weiblichen Wanzenwelt zu landen“, erklärt Wedmann. „Solche optischen Merkmale, um die eigene Attraktivität zu steigern, sind ja aus der Tierwelt hinreichend bekannt – man denke nur an das Radschlagen der Pfauen.“ Aber auch den Einsatz der Fühler zur Vertreibung von männlichen Konkurrenten hält die Expertin für möglich. Sicher ist, dass dieses Merkmal erstmals für die Familie der Tingidae – zu der die neu entdeckte Wanze gehört -beschrieben wurde.

Das Wissenschaftlerteam fand in den Sammlungen des National Museums of Natural History in Washington insgesamt vier Wanzenfossilien, die zu der bisher unbekannten Art gehören. Die Zuordnung der Funde ist aber noch nicht abschließend geklärt. „Wir bräuchten noch mehr Funde fossiler Wanzen, um herauszufinden, seit wann und wo es die kleinen Insekten in der Vergangenheit gab.“ Die nun als Gyaclavator kohlsi beschriebene fossile Wanze stamme den Schätzungen zufolge aus dem Eozän, vor etwa 50 Millionen Jahren.

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Unterschätzte Sechsbeiner
Die Vielfalt der Wanzen

Typisch Wanze
Das haben alle Arten gemeinsam

Vielfalt in der Gartenhecke
Ein Besuch bei heimischen Wanzenarten

Die Skurrilsten ihrer Gattung
Ganz besondere Vertreter der Wanzen

Dem Mensch ein Feind
Den Bettwanzen auf der Spur

Die Gewässer erobert
Wanzen überleben auch im Wasser

Auf der Mauer auf der Lauer
Das verborgene Potenzial der Wanzen

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