Kaprizen einer Diva

Venus

Unser Nachbarplanet Venus ist heute ein Gluthölle, doch in ihrer Anfangszeit war sie lebensfreundlich und könnte sogar Ozeane besessen haben. © JAXA / ISAS / DARTS / Damia Bouic

Fremder Zwilling, Gluthölle, Wüsteneinöde, versunkenes Paradies: Kaprizen einer Diva. Venus ist der Erde Schwesterplanet, ihr gleich in Größe, Aufbau und früher planetarer Kindheit – und doch ist sie so anders geworden. Was hat „Mutter Sonne“ falsch gemacht, möchte man fragen.

Wie aufregend ist heute die Vorstellung, die Venus wäre tatsächlich unser Zwillingsplanet: mit Sauerstoff-Stickstoff-Atmosphäre, blauen Ozeanen und den beiden Kontinenten Aphrodite und Ishtar; Dschungelvegetation auf den vielen kleinen Inseln der Venusmeere, die in Wirklichkeit die Spitzen großer unterseeischer Vulkankegel sind. Üppiges Leben in einem feuchten Tropenparadies. Und dann: die gegenseitige Entdeckung der Lebewesen, die die Schwestern hervorgebracht haben und nun gemeinsam beherbergen. Erde und Venus als Horte des Lebens, zwei blaue Planeten, zwei grüne Planeten, zwei lebendige Planeten im gemeinsamen Wechsellauf um die Sonne.

Stattdessen: bleierne, hitzedurchtränkte Leere. Heißer, müder Wind ab und zu, knapp über dem Staub und den Steinen des Bodens. Flimmernder Horizont. Venus hat alle Hoffnungen enttäuscht, schlimmer noch, sie unterboten: Es gibt kaum einen lebensfeindlicheren Ort in unserem an solchen Orten reichen Sonnensystem. »Höllenplanet«, wie passend; was ist nur aus der Göttin der Liebe und Schönheit geworden?

Und doch hat Venus eine ungebrochene Anziehungskraft, ist einer der beeindruckendsten Orte des Sonnensystems, ein Planet voller Fragen und Antworten. Die Erkenntnis, wie lebensfeindlich die Venus ist, hat so manchen mit Desinteresse erfüllt (der schlimmsten aller Eigenschaften), aber damit ist diese Schwester der Erde nur eine noch größere Herausforderung. Es ist wie mit einer Diva: schwierig, aber faszinierend.

Alexander Soucek (ESA)/StarObserver/AHE
Stand: 22.04.2005

Lichtträgerin seit Anbeginn der Zeiten

Morgenstern – Abendstern

Mond und Venus © NASA/GSFC

Die folgende Anekdote liegt schon ein paar Jahre zurück: romantischer Abend, azurblauer Dämmerungshimmel. »Da, schau, der Abendstern!«, sagt sie. »Das ist die Venus …«, sage ich. »Aber die Venus ist doch der Morgenstern«, gibt sie zurück. »Der Morgenstern ist der Abendstern, und außerdem ist er überhaupt kein Stern.« Ich hätte mir das sparen sollen und einfach nur sagen: »Ja, schööön!«

Schon in prähistorischer Zeit, auf unserer guten alten Erde, muss Venus am Nachthimmel jenen bekannt gewesen sein, die bewusst nach oben schauten. Sie ist das hellste Gestirn nach Sonne und Mond, ein Juwel für jeden Naturbeobachter – dank ihres hohen Rückstrahlvermögens des Sonnenlichts. Aber wie es eben mit einer solchen Schönheit ist, zeigt sie sich nicht einfach so und einfach jederzeit.

Kreisende Bahnen

Die Venus, von der Sonne aus gesehen nach Merkur der zweite Planet, ist ein innerer Planet, will heißen, sie zieht innerhalb der Erdbahn ihre Kreise um die Sonne. Und apropos Kreis: Mit einer Exzentrizität von weniger als einem Prozent ist es tatsächlich beinahe ein Kreis! Sie ist also, von der Erde aus beobachtet, immer nahe der Sonnenscheibe, mal links, mal rechts, und wenn die Sonne noch nicht aufgegangen oder endlich untergegangen ist, dann wird Venus für ein paar Stunden in der Dämmerung sichtbar. Die Diva erscheint.

In der Himmelsmechanik nennt man ihren Winkelabstand von der Sonne die Elongation. Steht Venus in ihrer größten östlichen Elongation, kann man sie als Morgenstern bis zu viereinhalb Stunden am östlichen Himmel leuchten sehen, bevor es zu hell wird. Befindet sie sich in größter westlicher Elongation, gilt dasselbe für die Abenddämmerung, bis Venus selbst untergegangen ist; dann heißt sie im Volksmund auch »Abendstern«. Und apropos Volksmund, der bei Diven ja auch eine große Rolle spielt: Noch im klassischen Altertum war, obwohl die Gelehrten es längst besser wussten, der Glaube verbreitet, bei Eosphorus und Hesperus handle es sich um zwei unterschiedliche Gestirne. Kleines Räuspern: Auch heute ist dieser Glaube noch zu finden, tun wir dem hellenischen Pöbel nicht unrecht!


Stand: 22.04.2005

Die Phasen der Venus

Halbvoll oder halbleer

Galileo Galilei © Star Observer

Innerer Planet zu sein bedeutet aber nicht nur, sich am irdischen Himmel in puncto Sichtbarkeit rar zu machen: Venus teilt mit Merkur und unserem Mond die schöne Eigenschaft, sich in Phasengestalt zu zeigen! Hat man aber schon einmal jemanden klagen hören, er hätte schlecht geschlafen, weil heute doch Vollvenus sei?! Kaum. Die Phasengestalt der Venus ist trotzdem kein unwichtiges Detail; dieses Wechselspiel von Licht und Schatten auf unserer Schwester hat revolutionär in die Weltgeschichte eingegriffen.

Es gab da nämlich die kleine Affäre der Venus mit Galileo Galilei. Er konnte durch sein primitives Teleskop eindeutig sehen, dass der Planet mal sichelförmig war, mal halb, mal rund, in wechselnden Größen – und das konnte nur bedeuten, dass die Venus um die Sonne kreist, so wie der Mond um die Erde! Mit der Entdeckung der Venusphasen hat Galilei den entscheidenden Beweis für die Richtigkeit des heliozentrischen Weltbildes gefunden. Jupitermond-Entdeckungen hin, Saturnrätselspiele her – Venus war es, die den Kindern ihrer Schwester zu einer neuen Erkenntnis verhalf.

Garten Eden Venus?

Venus zeigt, wie auch der Mond, Phasen. Erstmals wurde dies von Galileo Galilei beobachtet. © NASA

Und dann kam da das zwanzigste Jahrhundert. Langsam wurde es Zeit, die unheimliche Schöne wirklich kennen zu lernen. Was man vom begrenzten Horizont der Erde aus wusste, war viel versprechend: Venus ist der Sonne näher als die Erde (um rund 40 Millionen Kilometer), sie ist gleich groß, sie ist von dichtesten Wolken eingehüllt – sie könnte ein Garten Eden sein.

In seinem Buch Entretiens sur la Pluralité des Mondes schrieb der französische Philosoph und Wissenschaftler Bernard Le Bovier de Fontanelle 1686: »Ich kann von hier aus beschreiben, wie die Bewohner der Venus so sind; sie sehen den Mohren von Granada ähnlich; kleine schwarze Menschen, verbrannt von der Sonne, voll von Witz und Feuer, immer verliebt, Verse schreibend, versessen auf Musik, Feste feiernd und Tänze und Turniere jeden Tag.« Das war vielleicht etwas kühn, aber keinesfalls einfältig. Stiche und Grafiken um 1900 und sogar noch danach zeigen Regenwälder und Moraste, Riesenlibellen, urzeitliche Wunderlandschaften. Es war eine Phantasie voller Hoffnung, verliebt in die atemberaubende Diva, die man nur aus großer Entfernung sehen kann, im Bühnennebel. (Atemberaubend ist sie übrigens tatsächlich …)


Stand: 22.04.2005

Aufbruch zur Venus

Botschafter unterwegs

Höllentrip durch die Atmospähre © NASA

Am 12. Februar 1961 schauten sowjetische Ingenieure, Wissenschaftler und Ehrengäste einer Rakete nach, die langsam im Himmel entschwand. An ihrer Spitze: Venera 1, die erste Raumsonde der Menschheit, die zu einem anderen Planeten gestartet werden sollte. Das Ziel war die Venus, versteht sich. Nach einigen Minuten wurde die rund 640 Kilogramm schwere Sonde von der obersten Raketenstufe, Sputnik 8, im Erdorbit getrennt und Richtung Venus geschossen.

Nun war es also so weit. Nach Jahrhunderten des Rätselns war die erste von Menschen gebaute Maschine auf der Reise zwischen den beiden Schwesternwelten. Die Sowjets begannen damit das bis heute umfangreichste Planetenforschungsprogramm, das je unternommen wurde. Nicht Mars, nicht Jupiter, nein, der Venus galt die längste Anstrengung der Raumfahrtgeschichte.

Allein, Venera 1 war ein bisschen ein Rohrkrepierer. Am 17. Februar konnte man zum letzten Mal Kontakt mit dem kleinen Botschafter herstellen und ein paar wissenschaftliche Daten übertragen. Dann war Stille. Trotzdem glaubt man heute, dass Venera 1 pflichtbewusst in einem Abstand von 100.000 Kilometern an Venus vorbeigeflogen ist.

Gescheiterte Bemühungen

Pioneer Venus-Mission (1978) © NASA

Viele Sonden folgten, Venera 3 zum Beispiel, der erste Versuch einer Landung. Die Geschichte von Venera 3 ist ein faszinierendes Beispiel für die Enthüllung der wahren Venus. Am Anfang steht ein aus heutiger Sicht rührendes Design der Landeeinheit: Die sowjetischen Konstrukteure, Meister ihres Fachs damals wie heute, bereiteten den ersten Botschafter der Menschheit so vor, dass er einen Druck von bis zu fünf Atmosphären überstehen konnte sowie eine Temperatur zwischen 57 und 77 Grad Celsius. Er hatte Solarzellen zur Energiegewinnung an Bord und ein Ammoniak-Kühlsystem, beides für die Arbeit auf der Venusoberfläche. Und tatsächlich: Die Landeeinheit war dafür konstruiert, im Wasser zu schwimmen und Wellenbewegungen festzustellen.

Die Diva hat Venera 3, ohne mit der Wimper zu zucken, verbrannt und zerquetscht, am zweiten Weihnachtstag des Jahres 1965. Neue Designs brachten neue Schätzungen, oder umgekehrt, und weitere Sonden wurden auf den Weg geschickt. Gleich die Nachfolgemission, Venera 4, zum Beispiel, der nächste kühne Versuch, den Geheimnissen auf die Spur zu kommen.

Höllenritt für Sonden

Sinkflüge auf Mars oder Titan entlocken einem ein sanftes Lächeln im Vergleich zum Höllenritt der Venera-Sonden: Der Atmosphären-Eintritt in einem steilen Winkel bremste die Kapseln von 40.000 auf 1.000 Kilometer pro Stunde bei einer Belastung zwischen 350 und 450xg. Zur Wiederholung: 450xg, die 450fache Erdbeschleunigung. Auch Venera 4 hatte das Vergnügen, überlebte jedoch immerhin lange genug, um während des Sinkfluges 23 Instrumentenabrufe zu ermöglichen. Die letzte Außendruck-Anzeige übermittelte den Wert von 18,5 Atmosphären bei 271 Grad Celsius; das war das Ende der Instrumentenskala an Bord der kleinen Kapsel – und auch ihr eigenes.

Als erste Sonde der »Flotte« kam Venera 7 bis ganz nach unten, in einem Zustand, der mit Phantasie und gutem Willen als intakt bezeichnet werden kann. Wo war sie durchgeflogen, was hatte sie hinter sich gebracht?


Stand: 22.04.2005

Tödliche Atmosphäre und feurige Oberfläche

Wüste Einöde

Einer der zahllosen Venus-Vulkane: Magellan-Bild vom Maat Mons. © NASA

Als Gentleman schaut man Frauen nicht einfach ins Dekolleté, aber: Das Dekolleté der Diva Venus ist schwefelsäurebenetzt. Ihre Atmosphäre ist die dichteste des Sonnensystems. Der Cocktail dieses Schleiers ist ein faszinierend tödlicher: Zu 96 Prozent besteht die Venusatmosphäre aus Kohlendioxid, der Rest ist großteils Stickstoff, schließlich Sauerstoff, Argon, Kohlenmonoxid.

Die Venusluft darf man sich relativ klar vorstellen, mit guten Sichtweiten für Wanderausflüge, bis in zirka 50 Kilometern Höhe die Wolkenschichten beginnen, die sich in drei mächtigen Lagen übereinander türmen. Wolken auf der Venus bestehen aus Schwefelsäuretröpfchen und anderen korrosiven Komponenten. Diese gewaltigen Schichten, die jeden direkten Blick von außen auf die Oberfläche unmöglich machen (und damit der Diva großes Geheimnis begründen), lasten schwer auf allem: Der Atmosphärendruck auf der Oberfläche ist neunzig Mal so hoch wie auf der Erde. Und obwohl es unten fast windstill ist, toben in den obersten Schichten der Atmosphäre gewaltige Stürme, die die Wolken in vier Tagen einmal um den Planeten jagen.

Von Canyons und Vulkanen…

Mit Magellan-Daten erstellte Ansicht der Tiefebene Sedna Planitia. © NASA

Die Oberfläche der Schwester der Erde ist eine Wüste sondergleichen; sie besteht aus gewaltigen Ebenen mit einem durchschnittlichen geologischen Alter von 500 Millionen Jahren – mit Verlaub gesagt: beinahe jung. Zwei »Kontinente« erheben sich in diesem steinernen Meer, einfallsreich »Venus« und »Venus« benannt, anderssprachig wenigstens, somit »Aphrodite« und »Ishtar«. Diese beiden Hochländer, eines in Äquatornähe, eines weiter nördlich, sind nicht die einzigen geologischen Formationen, die an die Erde erinnern. Wie es sich für einen Zwilling gehört, selbst wenn er noch so anders ist, zeigt die Venusoberfläche Formationen von Bekanntheitswert: Canyons, Vulkane, Berge, Krater, Hügelketten, Hochländer, Lavaströme.

Und apropos Vulkane: Mehr von den feurigen Schlünden findet man im ganzen Sonnensystem nicht. Über eineinhalbtausend größere Vulkane hat man auf dem Planeten gezählt, Grund genug, einmal seine Umbenennung in Hephaistos oder Vulcanus zu überlegen, den Göttern des Feuers. Es ist denn auch eine feurige, dramatische Affäre, die die Diva hier eingegangen ist: nirgendwo ein Anzeichen von Plattentektonik, lähmende Kruste. Keine isolierten Vulkanketten, keine Subduktionszonen. Die abertausend Vulkane sind abertausend Ventile, Vulkanventile, um trotzdem heißes Magma nach oben zu führen – Druckausgleich für Venus sozusagen.

Dafür gibt es kaum kleine Krater auf der Schwesternerde, denn die dichte Atmosphäre breitet sich wie ein weicher Schutzschleier über die Oberfläche. Meteore müssen schon wirklich große Brocken sein, um nicht vollständig zu verdampfen. Die aber, die es bis nach unten schafften, fügten der Diva große Narben zu. Andere Formationen geben dagegen Rätsel auf: Arachnoiden zum Beispiel, »spinnenförmige« Erscheinungen von 50 bis 300 Kilometern Größe, ein bizarres Netz von Bruchlinien. Oder die schneeweißen Bergkuppen aus Bleisalzen.


Stand: 22.04.2005

Treibhaus Venus

Heißes Pflaster

Computergenerierte Ansicht der westlichen Eistla Regio. Im Hintergrund erhebt sich der drei Kilometer hohe Vulkan Gula Mons. © NASA

Diese Diva ist ein heißes Pflaster, und das ganz im Wortsinne: Eine Oberflächentemperatur von im Schnitt 480 Grad Celsius macht Venus zu einem einzigen Backofen. Gut, man hatte schon länger vermutet, dass es auf Venus etwas wärmer ist als auf der Erde, aber diese Messwerte der malträtierten sowjetischen Landeeinheiten waren dann doch ein Schock (Hitzeschlag). Auf dem Planeten ist seit Jahrmillionen ein Treibhauseffekt im Gange, der eine einst vielleicht wie die Erde von Wasser überflutete Venus in diese trockene Glutwüste verwandelt hat.

Am Beginn steht eine Irrmeinung: dass der Treibhauseffekt per se etwas Schlechtes ist. Treibhauseffekte, die im Übrigen nichts mit dem Effekt in einem Treibhaus zu tun haben, gibt es in allen planetaren Atmosphären mit Treibhausgasen. Solche Gase sind neben Kohlendioxiden auch Wasserdampf und viele andere; sie sind für sichtbares Licht durchlässig, absorbieren jedoch infrarote Strahlung und sorgen so dafür, dass planetare Oberflächen wärmer sind als sie es sonst wären. Fein, solange das in einem lebensfreundlichen Rahmen abläuft.

Im Falle der Diva Venus ist der wärmende Treibhauseffekt jedoch vernichtend außer Kontrolle geraten: Stärkere Sonneneinstrahlung im Zusammenspiel mit anderen Komponenten brachte die Ozeane, die gewaltige Mengen an Treibhausgasen eingeschlossen hielten, zum Kochen. Der dadurch freigesetzte Wasserdampf beschleunigte das Treibhauskarussell, die Temperatur stieg weiter, die Ozeane waren schließlich verdampft, und die Apokalypse setzte nun sogar an, durch chemische Reaktionen das im Gestein gebundene Kohlendioxid freizusetzen (»Sublimation«); die Temperatur stieg noch weiter, bis … ja, bis alles Kohlendioxid draußen war und sich die Atmosphäre langsam stabilisierte – aber zu welchem Preis: Aus Aphrodite war Hades geworden.

Bleibt ein Trost: keine Spur von dräuenden Wolken und glühenden Orkanen; auf der Venusoberfläche ist es hübsch hell und kaum windig.


Stand: 22.04.2005

Erstaunliches zum Schluss

Kaprizen einer Diva

Das Hochland Aphrodite zieht sich in Äquatornähe als deutlich erkennbare helle Region über den Planeten. © NASA

Wer sich jetzt noch fragt, warum Venus einer der faszinierendsten Orte des Sonnensystems und als Diva kapriziös wie sonst niemand ist, dem seien zum fulminanten Abgesang noch folgende Eskapaden anvertraut:

Die Venus rotiert retrograd, von Ost nach West, was die Sonne auf Venus im Westen aufgehen und im Osten versinken lässt. Das könnte man ja noch dulden, wenn wenigstens ein Venustag kürzer als ein Venusjahr wäre, aber nicht einmal dem ist so: In 224 Tagen läuft die Diva einmal um die Sonne, aber sie braucht 243 Tage, um sich einmal um sich selbst zu drehen – völlig unverständlich für ihre blaue Schwester.

Der zeigt sie sowieso nur eine Seite, wenn sie ganz nahe kommt, da Rotationsperiode und Umlaufperiode synchronisiert sind. Mond besitzt die Venus keinen, aber auch damit hat sie genug Verwirrung gestiftet, seitdem Giovanni Domenico Cassini im Jahr 1672 einen solchen entdeckt zu haben glaubte und ihn auch noch »Neith« taufte (der Glaube daran hielt sich lange). Und dann dieses Männerproblem: Durch einen Beschluss der Internationalen Astronomischen Union (IAU) sind alle Formationen auf Venus nach Frauen oder weiblichen Gottheiten benannt; alle bis auf eine, das Maxwell-Gebirge, und das ist ausgerechnet die höchste Erhebung des ganzen Planeten, 11.000 Meter über mittlerem Niveau. Nun ja.

Und schließlich: Leben auf dem Planeten der Liebe? Bei dem Hitzewahnsinn ausgeschlossen. Obwohl, es wäre nicht Venus, wenn nicht auch hier das Erstaunen auf dem Fuß folgte: 2004 veröffentlichten Forscher der University of Texas die Idee, es könnten in den Venuswolken bei Temperaturen von 50 bis 70 Grad Celsius Mikroorganismen leben, vom UV-Licht der Sonne geschützt durch Ringe aus Schwefelmolekülen.

Sie wird noch ein paar Mal Besuch bekommen von uns, den Kindern ihrer Schwester. Derweilen zieht sie weiter ihre Bahn als Morgenstern, Abendstern, Luzifer, Verführerin.


Stand: 22.04.2005