Was bringt die chinesische Nadel-Heilkunst?

Akupunktur

Akupunktur - Chinesische Heilkunst mit langer Tradition © Hans Joachim / thinkstock

Sie gilt als ganzheitlich, als Heilmethode mit alten Wurzeln und als schonende Alternative zu medikamentösen Therapien. Aber ob die Akupunktur wirklich hält, was sie verspricht, ist noch immer stark umstritten. Und auch, wie genau sie wirkt, bleibt bisher im Dunkeln.

Obwohl Studien seit Jahrzehnten die Wirksamkeit der Akupunktur untersuchen, hat sich an der Widersprüchlichkeit der Ergebnisse kaum etwas geändert. Mal scheinen die Nadeln gegen Symptome wie Schmerzen oder Übelkeit zu wirken, mal nicht. Für einige Kritiker ist dies Grund genug, den Effekt der Akupunktur schlicht dem Placebo-Effekt zuzuschreiben. Andere schwören dagegen auf die heilsame Kraft der dünnen Nadeln.

Nadja Podbregar
Stand: 04.09.2015

Das Konzept der traditionellen chinesischen Akupunktur

Meridiane und das Qi

Die philosophische Basis der Akupunktur bildet die traditionelle chinesische Medizin. Nach ihr strömt die Lebensenergie, das Qi, über spezielle Leiterbahnen durch den Körper. „Dabei zeigt es sich in gegensätzlichen Erscheinungsformen: hell und dunkel, warm und kalt, trocken und feucht“, heißt es dazu auf der Seite der Deutschen Akademie für Akupunktur (DAA).

Nach traditioneller chinesischer Philosophie fließt das Qi in speziellen Bahnen, den Meridianen, durch den Körper. © Jendo Neversilo / freeimages

Fließt das Qi ungehindert und steht im Gleichgewicht, ist der Mensch gesund. „Kippt die Balance von Yin und Yang, etwa durch Krankheitsauslöser wie Kälte oder Nässe, wird der Qi-Fluss holprig, stockend oder auch zu stürmisch und der betroffene Bereich unseres Körpers reagiert mit Krankheitssymptomen“, umschreibt die Deutsche Ärztegesellschaft für Akupunktur (DÄGfA) ziemlich poetisch-verklausuliert das Wirkprinzip. Eine Entsprechung für diese eher philosophisch-religiöse Deutung von Qi und Störungen existiert in der westlichen Medizin allerdings nicht.

Die Meridiane

Die wichtigsten Leiterbahnen für das Qi sind die zwölf Hauptmeridiane. Diese spiegelbildlich in beiden Körperhälften verlaufenden Linien sind verschiedenen Organsystemen zugeordnet, zudem soll das Qi in ihnen jeweils in eine bestimmte Richtung fließen. Dadurch ergeben die „Yin“ und „Yang“-Meridiane eine Art Kreislauf für das Qi. Zusätzlich gibt es noch weitere Bahnen, die die Meridiane verbinden und ergänzen.

Für diese Bahnen gibt es nach gängigem Wissensstand in der westlichen Medizin keine eindeutige Entsprechung. Sie folgen weder konsistent Nerven, noch Blutgefäßen oder anderen anatomisch klar erkennbaren Strukturen. Hinzu kommt, dass sich Zuordnung, Namen und sogar die Position der Meridiane im Laufe der Geschichte teilweise geändert hat. Im 18. Jahrhundert soll ein chinesischer Heilkundiger sogar den Verlust der „ursprünglichen“ Leiterbahnen beklagt haben.

Die Akupunkturpunkte im Ohr wurden von einem französischen Arzt eingeführt © US Navy

Die Akupunkturpunkte

Die klassischen Akupunkturpunkte liegen auf den zwölf Hauptmeridianen und zweien dieser Zusatzbahnen. Nach der traditionellen chinesischen Medizin soll die Stimulation dieser Punkte durch Druck oder Einstechen von Nadeln den Fluss des Qi positiv beeinflussen. „Dadurch werden Störungen im Körperinneren beseitigt oder gelindert, ein Zuwenig oder im Gegenteil ein Zuviel von Yin und Yang kommt wieder ins Gleichgewicht“, so die Beschreibung der DAA.

Ursprünglich gab es rund 350 Akupunkturpunkte, doch inzwischen hat sich ihre Zahl auf mehr als 2.000 erhöht. Hinzu gekommen sind beispielsweise Punkte für die Ohrakupunktur, aber auch für die in Korea entwickelte Handakupunktur. Felix Mann, Mitgründer der British Acupuncture Society, soll gesagt haben: „Wenn man modernen Texten glauben darf, dann gibt es keine Hautstellen am Körper mehr, die keine Akupunkturpunkte sind.“ Gängig in der westlichen Akupunktur sind allerdings nur etwa 400 dieser Punkte.

Modell der Akupunkturpunkte im Brust- und Kopfbereich © bluesky/ freeimages

Jedem seine Lieblingspunkte?

Allerdings ist die „Zuständigkeit“ der Akupunkturpunkte für bestimmte Leiden und Beschwerden weit weniger eindeutig als man glaubt: Selbst bei gleicher schulmedizinischer Diagnose können die Behandlungskonzepte und Diagnosen der Akupunktur stark differieren. 2001 schickten Forscher beispielsweise eine 40-jährige Frau mit chronischen Rückenschmerzen zu sieben verschiedenen Akupunkteuren, um herauszufinden, wie gut deren Diagnosen und Behandlungen übereinstimmten.

Das Ergebnis: Die Diagnosen variierten zwischen „Qi-Stagnation“, „Yin-Defiziten“ und einem „Mangel an Nieren-Qi“. Noch mehr unterschieden sich die als Therapie ausgewählten Akupunkturpunkte: Von den insgesamt 28 verschiedenen Punkten tauchten nur vier bei zwei oder mehr Akupunkteuren auf. Die Zahl der gleichzeitig eingesetzten Nadeln variierte zudem zwischen sieben und 26. Weitere sechs Studien mit anderen Patienten und Beschwerden ergaben ähnlich große Diskrepanzen.

Nadja Podbregar
Stand: 04.09.2015

Die Wurzeln der Akupunktur

Jahrtausende der Geschichte…

Wenn es um die Wirkung der Akupunktur geht, wird von Befürwortern oft auf die Geschichte verwiesen. Schließlich, so ihr Argument, wird diese Heilkunst schon seit Jahrtausenden erfolgreich angewendet. Selbst wenn sich vieles nicht nachprüfen oder nachvollziehen lasse, die Tradition spreche für sich. Aber was genau verrät uns die chinesische Geschichte tatsächlich über die Kunst des Nadelns und ihre Erfolge?

Chinesischer Holzschnitt aus dem 17. Jahrhundert mit dem Lungen-Meridian und Akupunkturpunkten. © Wellcome Images/ CC-by-sa 4.0

Frühe Belege

Die Akupunktur als eine Methode der traditionellen Medizin hat in China in der Tat eine lange Tradition – so viel ist unstrittig. Schon vor gut 2.000 Jahren werden die Meridiane, verschiedene Nadeln und Stichtechniken in einer Sammlung chinesischer Schriften zur Inneren Medizin beschrieben. Zwar werden darin auch rund 160 Akupunkturpunkte erwähnt, ihre Lage ist jedoch nicht eindeutig zuzuordnen.

Etwa um 200 nach Christus erscheint das erste explizite Lehrbuch über Akupunktur. In ihm beschreibt Huangfu Mi 349 Akupunkturpunkte und gibt Hinweise auf deren Wirkungsweise. Und auch archäologische Funde untermauern die frühe Nutzung der Akupunktur als Heilkunst. So entdeckten Forscher im Grab eines 113 vor Christus bestatteten Prinzen aus der Han-Dynastie neun Akupunkturnadeln aus Silber und Gold als Grabbeigaben.

„Angriff des Windteufels“

Frühe historische Aufzeichnungen berichten in der Tat über bemerkenswerte Erfolge. So soll ein bekannter Akupunkteur im 6. Jahrhundert den damaligen Gouverneur der Shandong-Provinz instantan von Schulterschmerzen befreit haben. Nach Nadelung nur eines Punktes an der Schulter konnte der Mann wieder Bogenschießen, heißt es in den Chroniken der Tang-Dynastie.

Bronzenes Akupunkturmodell aus dem frühen 18. Jahrhundert © Wellcome Images/ CC-by-sa 4.0

Eine weitere historische Anekdote berichtet vom Hofarzt des Kaisers Tang Gaozhong, der im frühen 7. Jahrhundert schwere Kopfschmerzen seines Herrschers heilte. Der Arzt diagnostizierte, dass der „Angriff eines Windteufels“ auf den Kopf des Kaisers schuld an den Schmerzen sei und verkündete, dies ließe sich kurieren, indem er den Kopf mit Akupunktur ein wenig bluten ließe. Dies klappte tatsächlich und zum Dank erkannte der Kaiser die Akupunktur offiziell als Heilkunst an und gründete 618 eine erste behördliche Schule für Akupunktur.

Selbst die Chinesen zweifelten

Allerdings: Selbst die chinesischen Heilkundigen begannen im 17. Jahrhundert, das Konzept der Akupunktur anzuzweifeln. Es galt im Gegensatz zu Kräuterkunde als irrational und überholt und wurde vor allem von den gebildeteren Ärzten abgelehnt. 1822 ließ der chinesische Kaiser Dao Guang die Akupunktur sogar verbieten, sie durfte an der kaiserlichen Medizinakademie nicht mehr unterrichtet werden. Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Akupunktur sogar allgemein verboten, um der chinesischen Medizin ein moderneres, wissenschaftlicheres Fundament zu geben.

Wieder zum Leben erweckt hat die Akupunktur in China – ausgerechnet – der kommunistische Führer Mao Tse-tung. Zwar hielt auch er nicht viel von den alten Traditionen und zunächst blieb auch unter der Herrschaft der kommunistischen Partei das Nadeln verboten. Doch in den 1950er Jahren war der Mangel an ausgebildeten Ärzten in China so groß, dass Mao rund 500.000 nach der traditionellen Medizin ausgebildete Heilkundige als „Barfußärzte“ ins Land schickte. Seine staatliche Anerkennung der Akupunktur war daher wohl eher aus der Not geboren als aus Überzeugung.

Nadja Podbregar
Stand: 04.09.2015

Auf der Suche nach der physiologischen Basis

Wie wirkt Akupunktur?

Es klingt verlockend simpel: Man steckt einfach 20 bis 30 Minuten lang ein paar dünne, kaum spürbare Nadeln an verschiedenen Stellen in die Haut und schon lassen die Schmerzen nach und Wohlgefühl breitet sich aus. „Die meisten Patienten empfinden die Akupunktur – nicht selten schon bei der ersten Behandlung – als wohltuend, entspannend und oft verblüffend schnell wirksam“, heißt es bei der Deutschen Ärztegesellschaft für Akupunktur (DÄGfA).

Bei der Akupunktur sind bestimmte Hirnareale aktiver (rot) oder inaktiver (blau) als in Ruhe. © Huang et al. /PLOS ONE, doi: 10.1371/journal.pone.0032960.g004

Hirnaktivität und Botenstoffe

Fragt man westliche Akupunkteure, positiv eingestellte Ärzte und selbst Krankenkassen, dann hat die Akupunktur eine nachweisbare physiologische Wirkung. So zeigen Untersuchungen mit funktioneller Magnetresonanz-Tomografie (fMRT), dass die Nadelbehandlung die Hirnaktivität auf spezifische Weise verändert. Allerdings wurde bei den meisten dieser Studien nicht immer kontrolliert, ob eine Nadelung an anderen Stellen oder eine andere Form der Schein-Akupunktur nicht ähnliche Effekte hervorruft.

Für die schmerzlindernde Wirkung der Akupunktur macht man vor allem körpereigene Botenstoffe verantwortlich: „Über Reizung von Akupunkturpunkten bilden sich im Körper körpereigene, morphiumartige Substanzen und Neurotransmitter. Diese Substanzen wirken schmerzstillend und psychisch ausgleichend“, erklärt die Techniker Krankenkasse. Ähnliches führt auch die DÄGfA an. Kritiker der Akupunktur bemängeln allerdings, dass diese Effekte eher unspezifisch sind und auch durch andere sensorische Reizungen der Haut und den einen reinen Placebo-Effekt verursacht werden können.

Die Lage der Akupunkturpunkte lässt sich bisher nicht konsistent einer anatomischen Struktur zuordnen. © US Navy

Mehr Theorien als Fakten

Ein großes Problem dabei: Bisher kann niemand überzeugend erklären, warum bestimmte Punkte am Körper eine Wirkung auslösen, andere aber nicht. Auch die Mechanismen, über die Akupunkturpunkte ihre schmerzlindernde oder sonstwie heilende Wirkung entfalten, liegen im Dunklen. Es gibt zwar reichlich Theorien, aber nur wenige Belege.

So liegen einige Punkte in der Nähe von Nervenenden, Bändern oder Muskelansatzstellen, aber eben nicht alle. Auch Messungen der Hautleitfähigkeit ergeben widersprüchliche Ergebnisse. Während einige Forscher einen besonders niedrigen Hautwiderstand als physiologisches Kennzeichen für einen Akupunkturpunkt zu erkennen glaubten, fanden andere keinerlei Zusammenhänge dieser Art.

Adenosin und Triggerpunkte

2010 stellte eine Studie an Mäusen fest, dass am Einstichpunkt der Nadel Adenosin ausgeschüttet wird und dadurch ein lokaler schmerzstillender Effekt entsteht. Allerdings: Im Verhältnis zum kleinen Bein der Maus war die Nadel so groß, dass sie fast den Ischiasnerv berührte. Kritiker sehen darin deshalb einen Effekt unspezifischer Reizung – zumal kein Gegentest an anderen Körperstellen durchgeführt wurde.

Die Triggerpunkt-Behandlung soll gestörte Faszien wieder glätten. © Andrey Popov / thinkstock

Einer weiteren Theorie nach stimmen Akupunkturpunkte mit myofaszialen Triggerpunkten überein. Deren mechanische Reizung soll lokale Verhärtungen und Verdrehungen von Muskeln und Bindegewebe lösen helfen und so Schmerzen beseitigen. Allerdings: Längst nicht alle Punkte stimmen mit den Triggerpunkten überein und auch deren Existenz ist nicht unumstritten. Hinzu kommt: Diese Theorie könnte zwar erklären, wie Akupunktur lokale Schmerzen lindert, nicht aber, warum sie auch gegen systemische Krankheitsbilder oder Übelkeit hilft.

„Präwissenschaftliches Geschwätz“

„Wie effektiv auch immer das Nadeln sein mag, bisher gibt es keinerlei überzeugende Belege dafür, dass Meridiane und Akupunkturpunkte als diskrete Einheiten existieren“, kommentiert der US-Mediziner David Ramsey. Noch schärfer formuliert es sein Kollege Brian Greeney vom Boston Medical Center: „Dies ist alles präwissenschaftliches Geschwätz. Es gibt keine wissenschaftliche Basis für die Meridiane und das Qi, deshalb kann man dies weder als echte wissenschaftliche Hypothese ansehen, noch versuchen sie zu widerlegen.“

Dass man schlicht nicht weiß, was die Akupunktur im Körper bewirkt, räumen selbst die Akupunkturärzte der DÄGfA ein: „Was genau bei einer Akupunktur im Körper abläuft, ist wissenschaftlich noch nicht restlos aufgeklärt“, schreiben sie.

Nadja Podbregar
Stand: 04.09.2015

Anwendungen und Wirkung unter der Lupe

Was kann Akupunktur?

Ist die Akupunktur eine echte Alternative zur konventionellen Medizin? Kann sie beispielsweise herkömmliche Schmerztherapie ersetzen oder zumindest ergänzen? Und wogegen hilft sie überhaupt? Die Antworten darauf hängen stark davon ab, wen man fragt. Und selbst wissenschaftliche Studien sind sich hier keineswegs einig – den vielen positiven stehen mindestens ebenso viele negative gegenüber.

Selbst bei Haustieren soll die Akupunktur helfen © Ziv Pugatch / CC-by-sa 2.0 gen

Uneins in den Indikationen

Wenn es um die Anwendungsgebiete der Akupunktur geht, scheint nach Angaben einiger Akupunkteure und auch der Deutschen Ärztegesellschaft für Akupunktur (DÄGfA) kaum eine Grenze gesetzt. Von A wie Augenheilkunde bis Z wie Zahnmedizin ist in ihren Indikationslisten alles vertreten. Die chinesischen Nadeln sollen nicht nur gegen Schmerzen jeglicher Art helfen, sondern auch gegen Süchte, Depressionen, Asthma und Allergien, Verdauungsbeschwerden, Inkontinenz, Hauterkrankungen und sogar Herz- Kreislauf Krankheiten.

Die deutschen Krankenkassen sind da schon wesentlich zurückhaltender: Sie halten die Akupunktur zumindest bei zwei Indikationen für so wirksam, dass sie seit 2007 die Kosten erstatten: bei chronischen Schmerzen der Lendenwirbelsäule und bei einer Kniegelenksarthrose. Das britische National Health System (NHS) übernimmt in einigen Fällen die Kosten für Akupunktur gegen Schmerzen im unteren Rücken und bei Migräne. Auch die US National Institutes of Health sprechen von der Akupunktur als einer „vernünftigen Option für Menschen mit chronischen Schmerzen“.

Die deutschen Krankenkassen finanzieren die Akupunktur bei Schmerzen im unteren Rücken. © Eraxio/ thinkstock

Auf den ersten Blick positiv…

Grundlage für die Einschätzung der deutschen Krankenkassen waren vor allem die sogenannten GERAC-Studien, in denen deutsche Forscher bei mehr als 3.500 Patienten und in mehr als 35.000 Behandlungen die Wirksamkeit von Akupunktur für Kreuzschmerzen, Kniearthrose, Migräne und Spannungskopfschmerz untersuchten. Dabei wurde die Nadelung echter Akupunkturpunkte mit einer Schein-Akupunktur an falschen Punkten und mit der konventionellen Therapie in Form von Medikamenten und/oder Physiotherapie verglichen.

Das Ergebnis: Bei chronischen Rückenschmerzen und Schmerzen durch Kniegelenksarthrose war das Nadeln den herkömmlichen Therapien deutlich überlegen, bei der Arthrose sogar um das Dreifache. Bei Migräne half die Akupunktur ähnlich gut wie die tägliche Einnahme von Betablockern. Beim Spannungskopfschmerz sank die Anzahl der Kopfschmerztage um immerhin die Hälfte.

Zu einem ähnlichen Schluss kommt eine 2012 durchgeführte Metastudie, in der Forscher 29 klinische Studie mit insgesamt knapp 18.000 Patienten verglichen, sowie eine Metastudie der Cochrane Foundation im Jahr 2008. In beiden Fällen stellten die Forscher fest, dass Akupunktur bei bestimmten chronischen Schmerzen besser oder zumindest vergleichbar gut wirkt wie die Standardtherapie.

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..aber Schein-Akupunktur funktioniert genauso

Das klingt zwar gut, es gibt jedoch ein großes Aber: Die positive Wirkung der Akupunktur trat nur im Vergleich mit der konventionellen Therapie zutage – beispielsweise der Einnahme von Schmerzmitteln. Verglichen die Forscher aber die Schein-Akupunktur mit der echten, sah es völlig anders aus: Weder die GERAC-Studien noch die Metastudien fanden einen signifikanten Unterschied zwischen den beiden Akupunkturformen.

Im Klartext heißt dies: Es ist egal, ob ein Akupunkturpunkt getroffen wird oder nicht, Hauptsache der Patient hat das Gefühl, er wird entsprechend behandelt. Obwohl bei der Schein-Akupunktur nach den Lehren der chinesischen Medizin kein Meridian involviert ist und daher auch der Qi-Fluss nicht korrekt beeinflusst wird, scheint schon das Gefühl des Genadeltwerdens zu funktionieren.

Damit aber stellt sich die Frage, was hier eigentlich wirkt. Ist es wirklich die Reizung der Punkte? Oder kommt hier vielleicht etwas ganz anderes zum Tragen?

Nadja Podbregar
Stand: 04.09.2015

Warum Pseudo-Akupunktur genauso gut funktioniert

Nur ein Placebo?

Für die 106 Krebspatienten, die sich 2011 in verschiedenen schwedischen Krankenhäusern behandeln ließen, war es eine angenehme und vielversprechende Unterbrechung ihrer Bestrahlungsroutine: Sie lagen entspannt auf einer Liege und bekamen eine typische Akupunkturbehandlung. Sie spürten, wie der Therapeut ihnen die Nadeln an verschiedenen Stellen auf die Haut setzte und durften dann 20 bis 30 Minuten entspannt ausruhen, während die Akupunktur ihre Wirkung entfaltete.

Akupunktur: Entspannte Ruhe und das Gefühl des Umsorgtseins. Hier eine Akupunktur in einem Krankenhauszimmer in Qingdao, China, im Juli 1983. © Michael Gäbler / CC-by-sa 3.0

Was die Patienten aber nicht wussten: Ihre Nadeln waren nicht echt. Denn im Gegensatz zu 109 Leidensgenossen, die eine echte Akupunktur bekamen, wurden sie einer besonderen Form der Schein-Akupunktur unterzogen. Bei dieser werden stumpfe Nadeln eingesetzt, die zwar beim Aufsetzen ein ähnliches Gefühl erzeugen wie die echten, sich dann aber zusammenschieben und die Haut nicht perforieren. Auf diese Weise erleben die Patienten zwar das gesamte Drumherum der Akupunktur, der eigentliche Kern der Behandlung, die Nadelung, fehlt bei ihnen jedoch.

Wenn auch der bloße Schein wirkt

Und genau das ist der Clou bei dieser und ähnlichen Studien. Denn damit lässt sich herausfinden, welche Rolle der Placebo-Effekt für die Akupunkturbehandlung spielt. Als Placebo werden Scheinbehandlungen bezeichnet, bei denen beispielsweise Tabletten oder Spritzen keine Wirkstoffe enthalten oder Operationen nur vorgetäuscht werden. Solche Pseudo-Therapien eignen sich oft besser als Kontrolle für eine Wirksamkeit als eine Nichtbehandlung oder eine komplett andere.

Auch der Placebo-Effekt führt zu messbaren Effekten im Gehirn © pixologics studio / thinkstock

Denn: Aus unzähligen Experimenten und Studien ist bekannt, dass schon das bloße Gefühl, eine Therapie zu erhalten, heilend wirken kann. Die positive Erwartung und die Erfahrung der Hoffnung weckenden Scheinbehandlung löst biochemische und physiologische Veränderungen aus, die beispielsweise Schmerzen lindern. Etwa 30 Prozent, so schätzen Forscher heute, macht dieser Placebo-Effekt aus – im Durchschnitt. Denn je intensiver sich beispielsweise der Arzt mit dem Patienten befasst, je auffälliger das Scheinmittel und je aufwändiger der Pseudo-Eingriff, desto besser greift der Effekt.

Keine Unterschiede zum Pseudo-Nadeln

Und genau dies, so vermuten viele Mediziner, spielt auch bei der Akupunktur eine tragende Rolle. Das Experiment mit den Krebspatienten ist nur eine der vielen Studien, die dies nahelegen. Denn wie sich zeigte, besserte sich die Übelkeit bei den Krebspatienten mit der vorgetäuschten Akupunktur genauso gut wie bei den tatsächlich genadelten.

„Die positiven Effekte scheinen nicht von der traditionellen Methode zu kommen, sondern von den positiven Erwartungen der Patienten und der zusätzlichen Hinwendung, die diese Behandlung mit sich bringt“, sagt Studienleiterin Anna Enblom vom Karolinska Institut in Stockholm. „Die Patienten kommunizierten mit den Physiotherapeuten, die die Akupunktur setzten, erhielten eine taktile Stimulation und bekamen Extrazeit um sich zu erholen und zu entspannen.“

Akupunktur-Behandlungsraum: Schon das Drumherum könnte einen Teil der heilsamen Wirkung ausmachen. © Patrick Pelletier/ CC-by-sa 4.0

Nicht mehr als ein Placebo-Effekt?

Auch Metastudien zur Akupunktur kommen zu ähnlichen Schlussfolgerungen. Vor allem dann, wenn weder Patienten noch Ärzte und Forscher wussten, ob ein Teilnehmer eine echte oder nur scheinbare Akupunktur erhielt, gab es meist keine oder nicht signifikante Unterschiede zwischen der Akupunktur- und der Pseudogruppe. „Wenn sich aber die Pseudo-Akupunktur nicht von der echten unterscheidet, dann sind die beobachteten Verbesserungen wahrscheinlich nur ein Placebo-Effekt“, kommentiert David Colquhoun vom University College London.

Gestützt wird dies von den Beobachtungen britischer Forscher bei einer Akupunkturstudie zu Rückenschmerzen: Je positiver die Erwartungen der Patienten im Vorhinein waren, desto größer war der positive Effekt in beiden Versuchsgruppen – auch das ist typisch für einen Placebo-Effekt. „Die einzige vernünftige Schlussfolgerung daraus ist, dass die Akupunktur als solches nicht funktioniert“, meint Colquhoun. Er und einige andere Forscher halten daher Akupunktur für ein bloßes Placebo – wenn auch ein durchaus effektives.

Aber was spricht eigentlich dagegen, ein gut wirksames Placebo einzusetzen?

Nadja Podbregar
Stand: 04.09.2015

Akupunktur als Alternative zur Schulmedizin

Chance oder Risiko?

Selbst wenn die Wirkung der Akupunktur umstritten ist oder gar reiner Placebo-Effekt – warum sollte man sie nicht trotzdem nutzen? Schließlich wirkt sie und ist allemal günstiger und schonender als viele konventionelle Therapien auf Basis von Medikamenten. Hat nicht letztlich der Recht, der im Einzelfall hilft?

Gerade bei Schmerzpatienten, bei denen sonst nichts wirkt, könnte ein Versuch mit Akupunktur sinnvoll sein. © gemeinfrei

Chance für Therapie-Resistente

So sehen es auch Befürworter der Akupunktur wie Shu-Ming Wang von der University of California in Irvine. Er räumt zwar ein, dass es bisher tatsächlich nur wenig eindeutige Belege für eine Wirksamkeit der Akupunktur über den Placebo-Effekt hinaus gibt. Gleichzeitig aber sieht er die chinesische Heilkunst trotzdem als wertvolle und nützliche Ergänzung der Schulmedizin.

„Statt diese alte Kunst mit Argumenten aus der modernen Medizin und Wissenschaft zu kritisieren, sollten Ärzte und Forscher versuchen, neues Wissen in diese Praxis zu integrieren“, meint Wang. „Dann kann die Akupunktur eingesetzt werden, um Leiden zu behandeln, bei denen pharmazeutische Therapien ineffektiv sind oder sogar gefährlich.“ Denn inzwischen wisse man, dass es viele Patienten gibt, die auf konventionelle Therapien nicht gut ansprechen oder sie nicht vertragen. Für sie ist die Akupunktur eine Chance, Linderung zu erfahren.

Dies gilt gerade für Menschen mit chronischen Schmerzen. Denn wenn solche Patienten dauerhaft Schmerzmittel schlucken, belastet dies ihre Nieren oder Leber und kann langfristig schwere Schäden verursachen. Die Akupunktur kann – egal ob durch Placebo-Effekt oder nicht – in manchen Fällen die Schmerzen soweit lindern, dass die Patienten weniger oder keine Medikamente brauchen. Das wiederum kommt langfristig ihrer Gesundheit zugute.

Von Ärzten oder gut geschulten Akupunkteuren ausgeführt, ist das Risiko für schwere Nebenwirkungen gering. © Studio 77/ thinkstock

Kann Akupunktur schaden?

Hinzu kommt: Im Vergleich zu vielen Medikamenten hat die Akupunktur deutlich weniger Nebenwirkungen. „Betrachtet man, wie viele Arzneimittel wegen schädlicher Nebeneffekte oder sogar Todesfällen im Laufe der Jahre vom Markt genommen werden mussten, dann ist das Risiko bei ihnen erheblich“, konstatiert Wang.

Demgegenüber fanden drei große Studien in Großbritannien und Deutschland bei mehr als 800.000 Akupunktursitzungen nur eine Handvoll schwerer Nebenwirkungen, wenn die Nadeln von gut ausgebildeten Akupunkteuren oder Ärzten gesetzt wurden. Zu den ungewollten Effekten gehörten ein Asthmaanfall, ein Kreislaufkollaps, ein vorübergehender Nevenschaden. Allerdings kam es in zwei Fällen auch zu einem Pneumothorax – einem potenziell lebensbedrohlichen Zustand. Bei diesem perforieren in Brust oder Rücken gesetzte Nadeln die Membranen, die Lunge umhüllen. Dadurch kann Luft in den Brustraum gelangen und zum Kollaps der Lunge führen.

In einer weltweiten Auswertung von Nebenwirkungen bei Akupunkturstudien fanden Edzard Ernst von der University of Exeter und seine Kollegen 2011 rund 40 Fälle von Pneumothorax, vier davon endeten für den Patienten tödlich. Allerdings: Die meisten dieser Fälle kamen aus Asien, wo die Ausbildung der Akupunkteure weniger reglementiert ist und oft auch ungeschulte die Nadeln setzen. Bei uns in Deutschland schätzt die Deutsche Ärztegesellschaft für Akupunktur das Risiko für einen Pneumothorax auf eins zu einer Million – und das ohnehin nur bei Nadelungen im Oberkörper.

Falsche Hoffnungen?

Ernst und andere Kritiker der Akupunktur haben aber dennoch ein Problem damit, Akupunktur als vollwertige Behandlung anzuerkennen oder sie sogar von Kassen bezahlen zu lassen. Denn dies verleihe ihr einen Anstrich von Respektabilität und könne sogar Patienten dazu verleiten, wirksamere, konventionelle Behandlungen dafür zu meiden oder hinauszuzögern, meinen sie. Problematisch wird es spätestens dann, wenn Akupunkteure ernsthaft kranken Menschen falsche Hoffnungen machen.

„Patienten können an Therapeuten gelangen, die unverantwortlich handeln“, meint Ernst. „Einige Akupunkteure machen absurde Versprechungen, indem sie behaupten, alles vom Heuschnupfen über Depression bis zu Unfruchtbarkeit und dem plötzlichen Kindstod mit Nadeln kurieren zu können. Doch sie bieten nichts als leere Hoffnungen im Austausch gegen viel Geld.“

Nadja Podbregar
Stand: 04.09.2015