Eine alte Tradition im Licht der modernen Medizin

Fasten als Heilmittel?

Heilfasten - echte Medizin oder bloße Wellness-Mode? © itakfalee/ thinkstock

Fasten gilt heute fast schon als Allheilmittel. Es soll „entschlacken“ und Giftstoffe abbauen, die Seele wieder ins Lot bringen und überhaupt den Körper wieder fit machen. Aber was ist dran an diesen Heilsversprechen? Alles nur Esoterik? Oder kann der Verzicht aufs Essen vielleicht doch etwas bewirken und sogar heilen?

Tatsächlich stellen heute immer mehr Forscher fest, dass an der alten Tradition des Fastens mehr dran ist als man lange glaubte. Zwar ist das „Entschlacken“ medizinisch nicht haltbar – „Schlacke“ gibt es schlicht nicht – aber dafür scheint die Abstinenz andere, positive Veränderungen in unserem Stoffwechsel und in den Zellen auszulösen, wie Studien belegen. Es mehren sich Hinweise darauf, dass periodisches Fasten gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes und sogar gegen Krebs helfen kann.

Nadja Podbregar
Stand: 11.03.2016

Die Renaissance des Fastens

Eine alte Tradition

Das Fasten hat eine Jahrtausende alte Tradition: Schon im alten Ägypten kannte man Perioden der Enthaltsamkeit, verzichtete beispielsweise auf Fleisch oder Fisch. Im Judentum und im Buddhismus wurde dem Fasten bereits früh eine reinigende Wirkung für Körper und Geist zugeschrieben. Später übernahm das Christentum diese Tradition und führte eine Fastenzeit vor Ostern ein, der Islam hat mit dem Ramadan seine eigene Fastenzeit.

Schon Hippokratets empfhgl das Fasten gegen kleinere Leiden © Wellcome Trust / CC-by-sa 4.0

Empfohlen schon von Hippokrates

Während diese Fastenperioden jedoch meist religiös-spirituell motiviert waren, stand bei den alten Griechen eher der handfeste Nutzen im Vordergrund: Hippokrates empfahl um 400 vor Christus: „Sei mäßig in allem, atme reine Luft, treibe täglich Hautpflege und Körperübung … und heile ein kleines Weh eher durch Fasten als durch Arznei.“

Ärzte im Mittelalter und in der Renaissance griffen dies auf und verordneten ihre Patienten ebenfalls gerne Fastenkuren als Heilmittel gegen eine ganze Palette von Leiden, vom Fieber über Syphilis bis hin zu Altersbeschwerden. Im 13. Jahrhundert empfahl der französische Chirurg Guy de Chauliac das Fasten auch vor einer Operation. Antrieb für ihre Empfehlungen war die Beobachtung, dass die periodische Enthaltsamkeit manchen Patienten gut zu tun schien.

Vereinnahmt von der Naturheilkunde

In der Neuzeit wurde das Heilfasten zunächst von der modernen Medizin und der Vielzahl an neuen Arzneimitteln und Therapien verdrängt. Sie wirkten schließlich schneller und eindeutiger, und eine Tablette zu schlucken ist allemal einfacher als tagelang zu hungern. Es wundert daher nicht, dass ein Fasten als Heilmittel in der Schulmedizin kaum vorkommt und vielfach eher mit Misstrauen betrachtet wird,

In der Naturheilkunde dagegen erfreut sich das Heilfasten bis heute großer Beliebtheit. Besonders im 19. Jahrhundert entwickelten sich gleich mehrere Varianten des althergebrachten Wasserfastens, darunter das Saftfasten, das Buchinger-Fasten oder das Molkefasten. Sie alle erleben heute eine echte Renaissance – wenngleich oft nicht frei von esoterischer Verbrämung.

Nadja Podbregar
Stand: 11.03.2016

Warum sollte Fasten biologisch sinnvoll sein?

Humbug oder Erbe der Urzeit?

Glaubt man den Versprechungen der Naturheilkundler und selbsternannten Fastenapostel, dann hilft der Verzicht auf feste Nahrung gegen nahezu Alles: Die Abstinenz soll die Abwehr mobilisieren, chronische Krankheiten heilen, glücklich machen und vor allem Giftstoffe aus den Zellen spülen und „Schlacken“ beseitigen, so heißt es.

Verzicht auf feste Nahrung und viel Wasser sollen "entschlacken" - aber was soll das sein? © Rebepoi/freeimages

Mythos Schlacke

Allerdings: Letztere gibt es nach herrschender Lehrmeinung überhaupt nicht. „In einem gesunden menschlichen Körper gibt es keine Ansammlung von Schlacken und Ablagerung von Stoffwechselprodukten“, erklärt beispielsweise die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE). „Nicht verwertbare Stoffe werden über den Darm und die Nieren ausgeschieden.“

Lange Zeit galt das Heilfasten daher eher als Humbug, als Wellness-Mode, nicht aber als Maßnahme mit nachweisbarer medizinischer Wirkung. Das jedoch beginnt sich inzwischen zu ändern. Denn es häufen sich immer mehr Hinweise darauf, dass eine periodische Unterversorgung sehr wohl nachhaltige Veränderungen bewirkt.

Erbe der Jäger und Sammler?

Und auch die Evolution liefert Argumente für ein periodisches Fasten: Für unsere Vorfahren war es völlig normal, immer wieder mal zu hungern. War die Jagd erfolglos oder die gesammelte Pflanzennahrung wurde knapp, dann musste man eben durchhalten. Umgekehrt wurde dann umso mehr gegessen, wenn gerade reichlich Essen da war.

Übermaß nach einem Jagderfolg und dann Nahrungsmangel war für unsere Vorfahren normal. © Nicolas Primola/ thinkstock

„Das heute übliche Muster von drei Mahlzeiten täglich plus Snacks ist aus evolutionärer Sicht unnormal“, erklärt Satchidananda Panda vom Salk Institute in San Diego. Denn das Leben unserer Vorfahren als Jäger und Sammler war an periodisches Fasten angepasst. Studien legen daher nahe, dass es für unseren Körper sogar gesünder sein könnte, regelmäßig eine Essenspause von zwölf bis 16 Stunden zu bekommen.

Um diesem biologischen Erbe gerecht zu werden, muss es daher gar nicht die mehrtägige große Fastenkur sein. Es reicht möglicherweise schon aus, einen Tag in der Woche weniger als 500 Kilokalorien zu uns zu nehmen, wie es das moderne Intervall-Fasten oder 5+2-Diäten propagieren. Eine andere Möglichkeit wäre das Vorverlegen der Abendmahlzeit, damit der Stoffwechsel über Nacht lange genug zur Ruhe kommen kann. Diesem Prinzip folgt unter anderem die Schlank-im-Schlaf-Diät.

Soweit zu möglichen biologischen Wurzeln des Ganzen. Aber was bringt das Fasten konkret?

Nadja Podbregar
Stand: 11.03.2016

Von Mäusen, Rhesusaffen und fitten Greisen

Mangel macht langlebiger

Den Anfang machten Beobachtungen bei Mäusen. Schon in den 1930er Jahren stellten Forscher fest, dass Tiere, die besonders wenig zu essen bekommen, länger fit bleiben und auch länger leben. Ende der 1980er griffen dann US-Wissenschaftler diese Beobachtungen auf und begannen ein Langzeit-Experiment mit Rhesusaffen. Ein Teil von ihnen erhielt lebenslang eine knappe Diät, die rund 30 Prozent weniger Kalorien umfasste als die Normalportionen der restlichen Affen.

Rhesusaffe Canto (links) mit 27 Jahren und sein nicht auf Diät gesetzter Artgenosse Owen © Jeff Miller

Affengreise – hungrig aber fit

Und tatsächlich: Nach 20 Jahren hatten erfreuten sich die Diät-Affen bester Gesundheit, obwohl sie mittlerweile nach Affenmaßstab das Greisenalter erreicht hatten. Von den normalernährten Affen war dagegen bereits die Hälfte tot. Und nicht nur das: Die in Maßen hungernden Affengreise zeigten auch kaum Anzeichen für alterstypische Krankheiten wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs.

„Wir haben festgestellt, dass die Kalorienreduktion das Risiko, eine altersbedingte Krankheit zu entwickeln, um den Faktor drei senkte und die Überlebensrate erhöhte“, berichtete Richard Weindruch von der University of Wisconsin-Madison 2009 im Fachmagazin „Science“. Auch der Abbau von Gehirnsubstanz verzögerte sich bei den dauerhungrigen Rhesusaffen, sie blieben dadurch fitter im Kopf.

Ständig hungern? Das hält kaum jemand durch. Beim kurzzeitigen Verzicht sieht das schon anders aus. © amanaiimages/thinkstock

Gleiche Wirkung auch beim Intervallfasten

Das alles ist ja gut und schön, aber wer möchte schon sein ganzes Leben hungern oder eine strenge Diät durchhalten? Schon das Maßhalten bei normaler Kost fällt heute schließlich vielen Menschen schwer. Zu verlockend ist der Überfluss von Junkfood, Süßigkeiten aller Art und anderen Kalorienbomben. Und nicht umsonst ist der Jojo-Effekt nach abgebrochener Diät berüchtigt. Studien zeigen, dass die meisten Menschen einmal angefuttertes Fett nicht mehr loswerden.

Genau hier kommt das Fasten ins Spiel. Denn vor einigen Jahren stellten Forscher fest, dass schon ein kurzzeitiges, periodisch wiederholtes Fasten zu ähnlich positiven Effekten führt wie eine Dauerdiät. Mäuse, die alle zwei Wochen vier Tage lang fasteten, lebten im Mittel 17 Woche länger als ihre normal gefütterten Artgenossen – und das, obwohl sie deswegen keineswegs schlanker waren.

Die große Frage war nur: Lässt sich das auf uns Menschen übertragen? Und warum scheint das Fasten eine so nachhaltige Wirkung zu entfalten?

Nadja Podbregar
Stand: 11.03.2016

Mangel verändert Gene und Stoffwechsel nachhaltig

Was passiert beim Fasten?

Ein Labor an der University of Florida in Gainesville: 24 Probanden hören konzentriert zu, was ihnen die Wissenschaftler um Christiaan Leeuwenbergh zu sagen haben. Denn in den kommenden drei Wochen werden sie als Teil einer Studie nach einem ganz speziellen, strengen Regime essen.

Lässt sich ein Effekt des Intervall-Fastens an Stoffwechsel-Parametern im Blut nachweisen? © Frater

Nach einem Tag normalen, sogar übermäßigen Essens dürfen sie am Folgetag nur rund 25 Prozent ihres normalen Kalorienbedarfs zu sich nehmen – in etwa 600 Kilokalorien. Heißt es an den Völlereitagen fünf Mahlzeiten und beliebig viele Naschereien, gibt es am Fastentag nur eine Mahlzeit mit ein bisschen Roastbeef, Gemüse und anderer kohlenhydrat- und kalorienarmer Kost. Das klingt hart, ist aber in der Praxis offenbar leichter als es sich anhört: „Die meisten der Teilnehmer fanden das Fasten sogar einfacher als die Völlereitage, was mich schon ein wenig überraschte“, berichtet Leeuwenbergh.

Langlebigkeits-Gen angeschaltet

Die große Frage aber war: Was tut sich durch dieses Intervall-Fasten im Körper der Probanden? Offenbar einiges, wie sich zeigte. Nach Ende der drei Wochen hatten die Versuchspersonen messbar niedrigere Blutzucker- und Blutfettwerte als noch vor Beginn des Intervall-Fastens und Entzündungsmarker im Blut hatten abgenommen. Dieser Effekt hielt sogar noch zehn Wochen nach Ende des Intervall-Fastens an.

Und noch etwas hatte sich durch das Fasten verändert: Das Gen SIRT 3 bei den Probanden deutlich aktiver geworden. „Dieses Gen ist dafür bekannt, dass es die Langlebigkeit fördert und an zellschützenden Reaktionen beteiligt ist“, erklären die Forscher. Kurbelt man dieses Gen bei Mäusen künstlich an, leben sie länger und bleiben gesünder. Genau das scheint auch beim Menschen zu passieren, wenn er fastet.

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Schon 24 Stunden reichen

Jeden zweiten Tag zu fasten ist jedoch nicht gerade alltagstauglich. Aber vielleicht reicht ja auch schon weniger, um die gewünschten positiven Effekte zu erreichen? Genau dies haben vor kurzem Forscher des Intermountain Medical Center der University of Utah überprüft. Sie ließen dafür gut 200 Probanden mit einer Vorstufe des Diabetes einmal 24 Stunden lang fasten und untersuchten dann, was sich verändert hatte.

Das Ergebnis: Schon einen Tag nichts essen reicht offenbar aus, um im Körper einige entscheidende Schalter umzulegen. „Das Fasten verursacht Hunger und das bedeutet für den Körper und die Zellen Stress“, erklärt Studienleiter Benjamin Horne. Um diesem Zellstress entgegen zu wirken, kurbelt der Körper Schutzprogramme an, die zellschädigende freie Radikale unschädlich machen und Botenstoffe freisetzen, die Entzündungen entgegenwirken.

Fett statt Zucker

Andererseits aber versucht der Körper, den plötzlichen Energiemangel auszugleichen. Normalerweise sorgt der regelmäßige Essennachschub dafür, dass Muskeln, Gehirn und Organe vor allem über die im Darm aus der Nahrung freigesetzte Glukose versorgt werden. Aber davon gibt es beim Fasten nicht genug. Deshalb schüttet der Körper nach zehn bis zwölf Stunden Fasten Botenstoffe aus, die dafür sorgen, dass stattdessen die Fettreserven angegriffen werden.

„Während der Fastentage stieg dadurch der Cholesterinwert der Probanden leicht an“, erklärt Horne. Das zeigt, dass Fett aus dem Fettgewebe mobilisiert und umgesetzt wird. Gleichzeitig jedoch schüttet der Körper das Wachstumshormon HGH aus, das Muskeln vor einem Abbau schützt und dazu beiträgt, den Stoffwechsel im Gleichgewicht zu halten. Während des 24-Stunden-Fastens erhöhte sich der HGH-Pegel bei Frauen um 1.300 Prozent, bei den Männern sogar um 2.000 Prozent, wie die Forscher feststellten.

Aber was bedeutet dies längerfristig für die Gesundheit?

Nadja Podbregar
Stand: 11.03.2016

Wo könnte Fasten helfen?

Fasten für Herz und Pankreas

Die Mormonen machen es vor: Bei dieser in den USA verbreiteten Glaubensgemeinschaft ist es aus religiösen Gründen üblich, einmal im Monat einen Tag zu fasten. An diesem Tag wird oft gar nichts gegessen und nur Wasser getrunken. Als Mediziner vor einigen Jahren die Gesundheitsstatistiken der Mormonen in Utah mit der anderer US-Bürger verglichen, stellten sie Auffallendes fest:

Verdanken die Mormonen ihrem monatlichen Fastentag ihr gesundes Herz? © Sergey Nivens/ thinkstock

Rätselhaft gesund

Der Bundesstaat Utah hat die geringste Herzinfarktrate der gesamten USA, auch andere Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes sind bei den Mormonen deutlich seltener als anderswo. Lange Zeit vermutete man, dass dies an der religiös bedingten insgesamt asketischeren Lebensweise vieler Mormonen liegen muss – sie trinken oft keine Kaffee und rauchen deutlich seltener.

Doch Benjamin Horne vom Intermountain Medical Center in Salt Lake City kommt zu einem anderen Schluss. Er hat die Daten genauer analysiert und dabei Rauchen und andere Einflussfaktoren entsprechend berücksichtigt. Gleichzeitig prüfte er, ob es Auffälligkeiten bei den regelmäßig fastenden Menschen gab.

Gut für Herz und Gefäße

Und die gab es tatsächlich: „Menschen, die fasten, haben eine geringere Rate von Herz-Kreislauf-Erkrankungen“, berichtet Horne. „Außerdem war das Fasten mit einer geringeren Häufigkeit von Diabetes verbunden.“ Inzwischen gibt es weitere Studien, teilweise mit Menschen, teilweise mit Ratten und anderen Tiermodellen, die diese Effekte bestätigen.

Das periodische Fasten senkt langfristig den Gehalt des "bösen" LDL-Cholsterins und damit das Risiko für eine Arteriosklerose. © NIH

Demnach verbessern sich durch einen ab und zu eingeschobenen Fastentag langfristig die Cholesterinwerte, das schädliche LDL-Cholesterin nimmt ab, der Blutdruck sinkt und auch die Fettschicht an den Organen wird dünner. Zudem scheint das Fasten zu verhindern, dass sich die Wände der Halsschlagadern und anderer großer Arterien durch Ablagerungen und entzündliche Veränderungen verdicken.

Hilfe auch bei Diabetes

Auch einem Diabetes könnte periodisches Fasten vorbeugen und ihn möglicherweise sogar teilweise rückgängig machen. Einer der Wege, auf dem dies geschieht, ist die Umstellung des Stoffwechsels auf den Fettabbau: „Die Fettzellen tragen erheblich zur Insulinresistenz bei, was wiederum zu Diabetes führt“, erklärt Horne. „Weil das Fasten die Fettzellen abbaut, könnte auch die Insulinresistenz dadurch besser werden.“

In Versuchen mit Ratten zeigten sich sogar Vorteile des Intervall-Fastens gegenüber einer einfach nur kalorienreduzierten Nahrung: Zwar nahmen die Tiere auf Dauerdiät stärker ab, dafür veränderte sich bei ihnen der Blutzucker- und Insulin-Haushalt kaum, wie Forscher der Universität Brüssel berichten. Anders bei den Fasten-Mäusen: Bei ihnen sank der Blutzuckerspiegel, die Insulin-Ausschüttung stieg an und die Glukosetoleranz insgesamt verbesserte sich.

„Großes Potenzial“

Noch müssen diese Ergebnisse allerdings durch weitere Studien überprüft und präzisiert werden. Dennoch sehen einige Mediziner im Intervall-Fasten im Intervall-Fasten einen vielversprechenden Ansatz gegen Diabetes – und einen, der für viele Risikopatienten besser durchzuhalten sein dürfte als eine Dauerdiät. „Das Fasten hat das Potenzial, eine wichtige Diabetes-Intervention zu werden“, konstatiert Horne.

Allerdings warnen alle Forscher davor, nun einfach spontan selbst Fastentage einzulegen. Bevor man eine Fastenkur beginnt, egal wie lang oder kurz, sollte man sich immer erst von einem Arzt das OK geben lassen. Am besten sei es, das Fasten von vornherein unter ärztlicher Aufsicht durchzuführen, raten die Mediziner. Hinzu kommt: „Wir fangen gerade damit an, herauszufinden, wie lange und wie oft Menschen fasten sollten, damit die positiven Effekte zum Tragen kommen“, so Horne.

Nadja Podbregar
Stand: 11.03.2016

Nahrungsentzug hungert Tumorzellen aus

Fasten gegen Krebs?

Krebs ist heute eine der führenden Todesursachen weltweit: Jeder dritte Mann und jede fünfte Frau erkrankt irgendwann an Krebs. Hat sich jedoch erst einmal ein Tumor gebildet, beginnt der lange, mühselige Kampf gegen die entarteten Zellen. Meist gelingt es nur mit brachialen Mitteln wie einer Bestrahlung, giftigen Chemotherapeutika und einer Operation, ein Weiterwuchern des Krebses zu verhindern und den Tumor zu beseitigen.

Krebszellen können schlechter mit einem Nahrungsmangel umgehen. © thinkstock

„Die Krebszelle muss verzichten“

Doch wie sich vor kurzem zeigte, könnte auch hier das Fasten zumindest Hilfe leisten. „Für jede Mutation und jedes Anschalten eines Onkogens muss die Krebszelle auf etwas verzichten“, erklärt Valter Longo von der University of Southern California. Denn das ungezügelte Wachstum der entarteten Zellen beansprucht Ressourcen und Stoffwechselwege, die sonst anderen Zellvorgängen zugute kämen. „Und eines dieser Dinge ist höchstwahrscheinlich die Fähigkeit, mit ungünstigen Bedingungen umzugehen“, so der Forscher.

Das aber bedeutet, dass Krebszellen einen Mangel an Nahrungsnachschub möglicherweise schlechter vertragen als normale Zellen. Ob das stimmt, haben Longo und seine Kollegen 2012 in einer Studie mit Mäusen untersucht. Dafür pflanzten sie den Tieren zunächst verschiedene menschliche Krebstumore ein, darunter Brustkrebs, Eierstockkrebs und Melanome, aber auch Hirntumore wie Gliome und Neuroblastome.

Schon Fasten allein bremst den Krebs

Sobald diese eingewachsen waren, erhielten einige der Mäuse 48 Stunden lang nur Wasser, aber kein Futter, dann fünf Tage lang normales Futter. Nach einem oder zwei solcher Fastenzyklen untersuchten die Forscher Größe und Wachstum der Tumore und verglichen dies mit Tumoren von Mäusen, die normal ernährt wurden, aber dafür zwei Zyklen Chemotherapie erhalten hatten.

Valter Longo bei Zelluntersuchunge im Labor © Universityx of Southern California /Dietmar Quistorf

Das Ergebnis war erstaunlich: Bei fast allen Mäusen und Tumorarten waren die Krebsgeschwülste allein durch das Fasten nicht mehr weiter gewachsen oder sogar geschrumpft. „Bei den Mäusen mit Brustkrebs waren zwei Fastenzyklen fast genauso effektiv wie zwei Zyklen der Chemotherapie“, berichtet Longo. Ähnliches beobachtete er bei fünf der acht getesteten Krebsarten, darunter auch beim Melanom und beim Gliom.

In den Selbstmord getrieben

Was beim Fasten mit den Krebszellen passiert, erklären die Forscher so: Normale Zellen schalten beim Fasten in einen Pausenzustand um, eine Art Energiesparmodus. Das wird an zahlreichen Veränderungen der Genexpression hungernder Zellen sichtbar. Anders die Krebszellen: Statt zu pausieren, scheinen sie ihre Aktivität sogar noch anzukurbeln. Sie versuchen, weiterzuwachsen, Proteine herzustellen und sich zu teilen.

Veränderungen der Genaktivität durch Fasten bei gesunden Zellen und bei Tumorzellen (rechts) - es ist klar verschieden. © Longo et al./ USC

Das jedoch wird ihnen zum Verhängnis: „Die Krebszellen begehen dadurch im Prinzip zellulären Selbstmord“, erklärt Longo. „Sie versuchen, den Mangel an Nachschub im Blut zu kompensieren, aber sie schaffen es nicht.“ Als Folge kommt es zu einer Kaskade von Ereignissen, in deren Verlauf aggressive Moleküle die DNA der Zelle angreifen, bis die Krebszelle schließlich an Zellschäden zugrunde geht.

Kein Ersatz für eine Chemotherapie

Nach Ansicht von Longo und seinen Kollegen hat das kurzzeitige Fasten daher durchaus Potenzial, im Kampf gegen Krebs zu helfen. Sie betonen aber auch, dass das Fasten kein Ersatz für eine Chemotherapie ist und Krebspatienten auf keinen Fall diese Behandlung aufschieben oder sogar verweigern sollten.

Denn noch muss die Wirksamkeit des Fastens in klinischen Studien mit Menschen überprüft werden. Zudem zeigte sich schon in den Mäuseversuchen, dass Fasten allein nicht bei allen Krebsarten gleich gut wirkte. Gerade bei großen Tumoren hemmte der zeitweilige Nahrungsentzug zwar das Wachstum, reichte aber nicht aus, um den Krebs komplett verschwinden zu lassen.

„Solche Fastenzyklen könnte aber für die Patienten eine Alternative zur Chemotherapie sein, die noch ein einem sehr frühen Stadium des Krebses sind“, sagt Longo. „Sinnvoll wäre es vielleicht auch bei Patienten, die schon eine Chemotherapie erhalten haben, bei denen aber ein hohes Risiko für eine Wiederkehr des Krebses besteht.“

Nadja Podbregar
Stand: 11.03.2016

Weniger Nebenwirkungen und bessere Heilungschancen

Hungern erleichtert die Chemo

Das periodische Fasten hat bei Krebs noch eine andere heilsame Wirkung: Es hilft gesunden Zellen und besonders dem Immunsystem, die Chemotherapie zu überstehen. Das entdeckte Krebsforscher Valter Longo von der University of Southern California vor einigen Jahren bei Versuchen mit Mäusen.

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Unerwartete Widerstandskraft

Der Forscher ließ dafür einige krebskranke Mäuse für 48 Stunden hungern, andere bekamen normales Futter. Anschließend spritzte er allen Tieren ein Chemotherapeutikum – in drei bis fünffach höheren Dosis als normalerweise beim Menschen üblich. Das aggressive Zellgift, so die Erwartung, müsste daher schwere Nebenwirkungen auslösen.

Als einige Tage später ein Kollegin Longos nach den Mäusen sieht, erlebt sie eine Überraschung und berichtet Longo: „Du wirst es nicht glauben, aber wie es aussieht, haben alle fastenden Mäuse überlebt – und alle normalen Mäuse sind tot.“ Nähere Untersuchungen enthüllten, dass die Organe der toten Mäuse stark vom Chemotherapeutikum angegriffen waren, diejenigen der Fasten-Mäuse aber nicht.

Zellschutz und Regeneration

Wie Longo erklärt, ist auch dies dem Energiesparmodus zu verdanken, in den gesunde Zellen durch das Fasten verfallen. Weil sie kaum noch aktiv sind, sind sie weniger anfällig für das Zellgift des Chemotherapeutikums. Dadurch kommt es zu weniger Zell- und Organschäden. Die hungrigen Krebszellen dagegen fahren ihren Stoffwechsel sogar eher hoch und werden so noch angreifbarer.

2015 entdeckten Longo und seine Kollegen noch einen positiven Effekt des Fastens bei der Chemotherapie: Der kurzzeitige Nahrungsentzug führt auch dazu, dass sich das normalerweise stark angegriffene Immunsystem nach der Chemotherapie schneller erholt. Offenbar regt das Fasten Stammzellen im Knochenmark dazu an, vermehrt neue, gesunde weiße Blutkörperchen zu bilden.

Durch das Fasten werden nach einer Chemotherapie schneller neue weiße Blutkörperchen gebildet. © NCI

Stammzellen mobilisiert

„Wenn wir hungern, versucht der Körper Energie zu sparen. Und deshalb recycelt er eine Menge Immunzellen, die nicht gebraucht werden oder beschädigt sind“, erklärt der Forscher. Gleichzeitig sorgen Botenstoffe und Veränderungen der Genaktivität dafür, dass die Blutstammzellen aktiv werden und Nachschub produzieren. „Dadurch wird das ganze Immunsystem buchstäblich wideraufgebaut“, so Longo.

Und das Ganze funktioniert offenbar auch beim Menschen, wie erste Pilotstudien zeigen. So vertrugen Krebspatienten ihre Chemotherapie besser, wenn sie zuvor gefastet hatten. In einer anderen Gruppe erzielten Mediziner durch die Kombination von Fasten und einem weniger giftigen Krebsmedikament eine ebenso gute Wirkung wie durch ein aggressiveres Mittel. Und auch bei Bestrahlung scheint ein vorbereitendes Kurzzeit-Fasten die Wirkung der Therapie zu verstärken, aber die Nebenwirkung abzuschwächen.

„Fragen Sie ihren Onkologen!“

„Weil die Ergebnisse so bemerkenswert sind, denken wir, dass Onkologen darüber nachdenken sollten, ob und welche ihrer Patienten möglicherweise von einem Fasten in Kombination mit der Chemotherapie profitieren könnten“, sagt Longo. Gerade bei Krebspatienten, denen nur wenig andere Optionen bleiben, sei dies schon jetzt einen Versuch wert – vor allem, weil es noch Jahre dauern kann, bis die Ergebnisse klinischer Studien zu allen Krebstypen vorliegen.

„Wir sagen aber damit nicht, dass die Patienten rausgehen sollten und es einfach auf eigene Faust versuchen“, betont der Forscher. „Denn dafür gibt es zu viele potenzielle Probleme, die beim Fasten eines Krebspatienten auftreten können.“ Noch gilt auch hier, wie bei vielen anderen Erkenntnissen über das Fasten: Es sieht vielversprechend aus, aber es gibt noch zu wenig harte Daten.

Nadja Podbregar
Stand: 11.03.2016