Der größte Atomunfall der Geschichte, eine Ruine und die Folgen

30 Jahre Tschernobyl

Strahlend bis heute: Auch 30 Jahre nach dem Atomunfall von Tschernobyl hält die Gefahr an. © Diana Markosian/ VOA News

Am 26. April 1986 ereignet sich im Atomkraftwerk von Tschernobyl der GAU: Der komplette Reaktorblock explodiert und setzt einen radioaktiven Fallout frei, der über halb Europa niedergeht. Heute, 30 Jahre danach, ist die Gefahr weder in der Reaktorruine selbst, noch in der umgebenden Sperrzone vorbei – eher im Gegenteil.

Bis heute sind rund 40 Prozent der Reaktorruine eine absolute Terra inkognita – niemand weiß, was dort vor sich geht. Und der Sarkophag, der die Ruine umschließt, ist durchlässig und möglicherweise sogar einsturzgefährdet. Durch unzählige Löcher und Ritzen des maroden Bauwerks gelangt ständig radioaktiver Stab nach draußen. Weil es reinregnet, sammelt sich zudem im Untergeschoss eine hochradioaktive Giftbrühe, die in den Boden sickert und das Grundwasser zu verseuchen droht. Nebenan, im alten Kühlteich des Kraftwerks, lagern Tonnen von radioaktivem Schlamm, die nur durch einen eher schmächtigen Damm vom Fluss Prypjat getrennt werden.

Kein Wunder also, dass rund ums Kraftwerk bis heute fieberhaft daran gearbeitet wird, die Bedrohung unter Kontrolle zu halten. Zumindest in Teilen Abhilfe schaffen könnte eine neue Schutzhülle, die 2017 über den löchrigen Sarkophag geschoben werden soll. Der 35.000 Tonnen-Koloss soll die strahlende Ruine endlich sicher von der Außenwelt isolieren und ein Umfeld schaffen, indem nach und nach erste verstrahlte Bauteile entsorgt werden können.

Wie aber konnte es überhaupt zu dem größten Atomunfall der Geschichte kommen? Was genau geht im Sarkophag vor sich und was wird in Tschernobyl getan?

Nadja Podbregar
Stand: 22.04.2016

Eine Katastrophe bahnt sich an

Die Vorgeschichte

Das bisher größte Atomunglück der Geschichte ist – wie so oft bei solchen Katastrophen – eine Verkettung fataler Umstände. Eine Kombination von Schwachstellen im Reaktorkonzept, Sicherheitsverstößen der Bedienmannschaft und Fehleinschätzungen der Situation führen in der Nacht zum 26. April 1986 zu einem folgenreichen Desaster.

Schema eines graphitmoderierten Siedewasser-Druckröhren-Reaktors (RBMK). © Fireice/ CC-by-sa 3.0

Der Reaktor

Die Reaktoren von Tschernobyl gehören zu dem nur in der früheren Sowjetunion gebauten Typ des graphitmoderierten Siedewasser-Druckröhren-Reaktors (RBMK). Bei diesem sind die Uran-Brennelemente nicht gemeinsam in einem Druckbehälter eingeschlossen, sondern stehen einzeln in rund 1.700 von einem Graphitblock umschlossenen Röhren.

Das Graphit dient im Reaktor als Moderator: Es bremst die freiwerdenden Neutronen so weit ab, dass sie weitere Kernspaltungen auslösen können und hält dadurch die Kettenreaktion in Gang. Doch es gibt auch einen großen Nachteil: Graphit ist brennbar. Um den Reaktorblock zu kühlen und gleichzeitig Dampf zur Stromerzeugung zu produzieren, wird Wasser von unten durch die Röhren gepumpt.

Leitstand im Atomkraftwerk von Tschernobyl - hier für Reaktor 1. © Carl A. Willis, wts wikivoyage/ CC-by-sa 3.0

Um die Kernreaktion zu kontrollieren, können von oben Steuerstäbe aus Borkarbid in die Röhren eingefahren werden. Der Schwachpunkt hier: Diese Absenkung dauert bis zu 18 Sekunden – eine echte Schnellabschaltung ist daher nicht möglich. Im Ernstfall kann in einem überhitzten Reaktor innerhalb weniger Sekunden eine Kernschmelze beginnen oder eine Wasserstoffexplosion stattfinden.

Das Experiment

26. April 1986. Eigentlich fängt alles ganz harmlos an. Für diese Nacht ist ein Experiment geplant, das einen wichtigen Aspekt der Reaktorsicherheit testen soll: Die Ingenieure wollen wissen, ob die Turbinen bei einem Stromausfall lange genug auslaufen, um die Pumpen für die Kühlung so lange in Gang zu halten, bis die Diesel-Notstromgeneratoren starten. Paradoxerweise löst damit ausgerechnet ein Test, der gegen Störfälle wappnen soll, die Katastrophe aus.

Blick in den Raum über dem Reaktorblock, hier beim stillgelegten Reaktor 1 von Tschernobyl. © Cs szabo/ CC-by-sa 2.5

Gegen 01:00 Uhr nachts beginnen die Vorbereitungen für den Test. Die Ingenieure drosseln die Nennleistung im Reaktorblock 4 und schalten eine der beiden Turbinen des Reaktors ab. Doch es gibt ein Problem: Die Leistung fällt zu stark ab. Um dies auszugleichen, ziehen sie weitere Steuerstäbe aus dem Reaktorblock. Statt der Mindestzahl von 30 Stäben sind nur noch acht eingefahren. In dieser Situation müsste der Reaktor sofort abgeschaltet werden – doch das geschieht nicht.

Stattdessen beginnt die Betriebsmannschaft mit dem geplanten Experiment und unterbricht die Dampfzufuhr zur Turbine. Die Turbine läuft aus, und damit verringert sich die Leistung der zuvor auf Volllast laufenden Kühlpumpen. Als Folge nehmen Kernreaktionen und Hitze sprunghaft zu. Doch die Techniker ignorieren die Warnsignale und überbrücken sogar die automatische Sicherheitsabschaltung.

Nadja Podbregar
Stand: 22.04.2016

Der GAU ist nicht zu stoppen

Der Unfall

26. April 1986, 01:23 Uhr nachts. Im Kontrollzentrum des Reaktorblocks 4 von Tschernobyl bricht plötzlich Hektik aus. Erst jetzt wird dem Schichtleiter klar, was sich in seinem Reaktor zusammenbraut. Der so sorgsam geplante Sicherheitstest ist komplett aus dem Ruder gelaufen und der Reaktor ist überhitzt. Er löst die Schnellabschaltung aus – zu spät.

Dieses Schema zeigt, dass 1,30 Minuten vor der Explosion fast alle Steuerstäbe herausgezogen waren. © ChNPP/ gemeinfrei

Zwei Explosionen und ein Feuer

Bevor die Steuerstäbe die Kettenreaktionen stoppen können, löst die Überhitzung zwei schnell aufeinanderfolgende Explosionen aus. Ihre Wucht hebt die rund 3.000 Tonnen schwere Abdeckplatte des Reaktors in die Höhe, zerstört das Dach des Gebäudes und schleudert mehrere Tonnen radioaktiven Kernbrennstoffs vermischt mit verseuchten Trümmern in die Umgebung.

Doch es ist noch nicht vorbei: Die Hitze entzündet nun das Graphit und der gesamte Reaktorblock beginnt zu brennen. Der uranhaltige Kernbrennstoff schmilzt und bildet eine glühende radioaktive Lava am Grund des Reaktors – die Kernschmelze ist eingetreten. Der Aufstrom heißer Luft aus dem Reaktor reißt radioaktive Partikel bis zu 2.000 Meter weit in die Höhe. Zehn Tage lang strömen dadurch Cäsium-137, Jod-131, Strontium-90 und 23 weitere Radionuklide nahezu ungehindert in die Atmosphäre.

Verzweifelter Kampf

Verzweifelt versuchen unterdessen Kraftwerksarbeiter und Militär den Brand zu löschen und den Reaktor unter Kontrolle zu bringen. Mit Hubschraubern werden knapp 3.000 Tonnen Sand, Lehm und Dolomit abgeworfen, um das Feuer zu ersticken. Mit knapp 2.500 Tonnen Blei und Borkarbid hofft man, die Kettenreaktion zu stoppen und die freiwerdende Gammastrahlung abzublocken.

Die Evakuierung im unmittelbaren Umfeld des Atomkraftwerks beginnt am 27. April. Doch der Großteil der Bewohner naher Städte wird erst Anfang Mai evakuiert. © Dmytro Chapman / CC-by-sa 4.0

Doch vergeblich: Durch diese Abdeckung wird das Feuer nur noch heißer, die Hitze erreicht 2.000 Grad und lässt die im Kernbrennstoff enthaltenen Radionuklide nun erst recht verdampfen. Nun versucht man, den Reaktor durch Einleiten von Stickstoff zu kühlen, gleichzeitig wird das unter dem Reaktorblock liegende Wasserreservoir geleert – aus Angst, es könnte zu einer Wasserdampf- oder Wasserstoff-Explosion kommen.

Tonnenweise radioaktiver Fallout

Erst am 6. Mai wendet sich die Lage – nach Einschätzungen von Experten allerdings weniger wegen der Maßnahmen, als vielmehr durch den natürlichen Lauf der Dinge. Das Graphitfeuer ist weitgehend erloschen, die radioaktive Lava am Grund des Reaktors beginnt nun zu erstarren. Inzwischen sind Bewohner in der Umgebung des Atomkraftwerks in einem Umkreis von rund 30 Kilometern evakuiert – bei vielen von ihnen passiert dies aber erst mehrere Tage nach dem Unfall.

Doch die Bilanz ist fatal: Mindestens fünf Prozent der rund 190 Tonnen Kernbrennstoff sind als Gas und Staub in die Atmosphäre gelangt. Insgesamt wird nach Schätzungen von Experten eine radioaktive Fracht von 5.300 Petabecquerel freigesetzt – das entspricht gut fünf Trillionen Becquerel. Bei Cäsium-137 und Iod-131 ist es die zehnfache Menge des Atomunfalls von Fukushima im März 2011.

Ausbreitung der radioaktiven Wolke von Tschernobyl am 28. April und 2. Mai 1986. © INRS

Halb Europa kontaminiert

Der vorherrschende Südostwind bläst den radioaktiven Fallout zunächst nach Nordwesten in Richtung Skandinavien, dann wechselt die Windrichtung und eine weitere Wolke erreicht erst Mitteleuropa, dann den Balkan. Insgesamt werden 40 Prozent Europas allein durch Cäsium-137 mit mehr als 4.000 Becquerel pro Quadratmeter kontaminiert. In Süddeutschland erreichen die Werte stellenweise bis zu 75.000 Becquerel pro Quadratmeter.

Die International Atomic Energy Agency (IAEA) stuft das Atomunglück von Tschernobyl als ersten Atomunfall überhaupt in die höchste Kategorie der INSES-Bewertungsskala ein – als Stufe sieben und damit katastrophalen Unfall. Damit ist dieses Ereignis offiziell die größte Nuklearkatastrophe der Geschichte. Auch das Atomunglück in Fukushima im März 2011 kommt – obwohl ebenfalls als INES 7 eingestuft – an das von Tschernobyl verursachte Ausmaß der Verseuchung und der Folgen nicht heran.

Nadja Podbregar
Stand: 22.04.2016

Uranlava, ein löchriger Sarkophag und viel Staub

Tödliche Terra inkognita

Heute ist der zerstörte Reaktorblock 4 von Tschernobyl von außen nicht mehr zu sehen: Innerhalb weniger Monate nach dem Atomunfall wurde die strahlende Ruine in einen wuchtigen Sarkophag aus Stahl und Beton eingeschlossen. 300.000 Arbeiter setzten sich bei diesen Arbeiten und beim Wegräumen kontaminierter Trümmer teilweise enormen Strahlendosen aus.

Der Sarkophag von Tschernobyl im Jahr 2005 - er sieht nur äußerlich stabil und dicht aus. © Petr Pavlicek, IAEA / CC-by-sa 2.0

40 Prozent unbekannt

Aber die Gefahr ist damit noch lange nicht gebannt. Denn noch immer lagern mindestens 150 Tonnen des hochradioaktiven Kernbrennstoffs, verschmolzen mit Graphit und Beton, als erstarrte Masse am Grund des eingeschlossenen Reaktors. Weitere 30 Tonnen sind möglicherweise in der Ruine verteilt – wo weiß niemand.

Denn wegen der hohen Strahlung und der umherliegenden Trümmer sind nur rund 60 Prozent des Reaktors untersucht. Der Rest des ehemaligen Reaktorgebäudes ist eine Terra inkognita. Sie ist weder mit Robotern noch über andere technische Hilfsmittel zugänglich oder einsehbar. Was sich dort tut oder wie der Zustand der Ruine in diesen Gebäudeteilen ist, bleibt unbekannt.

„Tatsache ist, dass es noch riesige Mengen radioaktiver Stoffe dort gibt“, heißt es in einer aktuellen Greenpeace-Studie zum Thema. „Tatsache ist auch, dass die Probleme mit den Überresten des havarierten Reaktors dadurch verschärft werden, dass die Situation im Inneren nicht exakt bekannt ist.“

Strahlender Staub

Und auch der Sarkophag ist alles andere als dicht und sicher. Durch die zahlreichen Löcher und Ritzen in dem damals hastig errichteten Bauwerk dringt nach wie vor Radioaktivität nach außen. Messungen zufolge liegen die Werte, beispielweise für Cäsium-137, zwar unter den zulässigen Jahresgrenzwerten, es gibt aber immer wieder kurzzeitige, weit darüber liegende Belastungsspitzen.

Experten schätzen zudem, dass sich im Inneren des Sarkophags noch mindestens 1,5 Tonnen radioaktiven Staubs befinden – Tendenz zunehmend. Denn durch Zersetzungsprozesse an der Oberfläche der erstarrten Kernschmelze entsteht kontinuierlich neuer Staub. Seit 1990 versucht man, die umherwirbeln Partikel durch Besprühen mit Polymerlösungen zu binden. Doch dieses Staub-Unterdrückungssystem wirkt nur in Teilen.

Nadja Podbregar
Stand: 22.04.2016

Die Tschernobyl-Ruine hat ein Wasserproblem

Hochradioaktive Brühe

Noch gravierender aber ist das Wasserproblem: Selbst nach umfangreichen Stabilisierungs- und Ausbesserungsarbeiten ist der Sarkophag von Tschernobyl schlicht undicht. Jedes Jahr dringen durch Regen mehr als 2.000 Kubikmeter Wasser in die Ruine ein. Dazu kommt fast noch einmal so viel Wasser, das sich im Inneren durch Kondensation bildet.

Trümmer in der teilweise eingestürzten Maschinenhalle von Reaktor 4. © Norbert Molitor, IAEA/ CC-by-sa 2.0

Stabilität gefährdet

Diese Feuchtigkeit greift die Bausubstanz des Sarkophags an. Seine ohnehin nur auf 20 bis 30 Jahre angelegte Haltbarkeit wird dadurch weiter gemindert. Das durch gelöste Radionuklide chemisch aggressive Wasser beschleunigt die Korrosion von stützenden Stahl- und Betonteilen. Um die Konstruktion wenigstens notdürftig zu stabilisieren, wurden zwischen 2006 und 2008 gut 21.000 Kubikmeter Beton in gefährdete Bauteile gefüllt.

Wie fragil die Schutzhülle sein könnte, zeigte sich im Februar 2013: Völlig unerwartet stürzte damals ein Teil des an den Sarkophag grenzenden Maschinenhauses ein. Ein 600 Quadratmeter großes Loch entsteht, durch das radioaktiver Staub entweicht. Nach Angaben der IAEA führte wahrscheinlich eine Kombination von Materialermüdung, Korrosion und einer hohen Schneelast auf dem Dach des Gebäudes zum Einsturz.

Versickernde Brühe

Das eindringende Wasser birgt aber noch weitere Gefahr: Durch Reaktionen an der Oberfläche der erstarrten Kernschmelze lösen sich stark radioaktive Partikel und Elemente aus dem Urangemisch. „Als Ergebnis dieser Prozesse hat sich eine hochradioaktive Flüssigkeit gebildet, in der auch Plutonium- und Uransalze vorhanden sind“, heißt es im Greenpeace-Report. In den unteren Räumen des Sarkophags sammeln sich dadurch tausende Kubikmeter der strahlenden Giftbrühe.

Und diese bleibt leider nicht im Sarkophag. Stattdessen sickert das hochradioaktive Wasser offenbar bereits ins Erdreich unter der Reaktorruine. Schätzungen zufolge könnten jährlich mehr als 1.000 Kubikmeter dieser Brühe auf diese Weise versickern. Selbst die Kraftwerksbetreiber räumen diese Gefahr ein: Es bestehe eine große Gefahr des unkontrollierten Auslaufens in die Räume des angrenzenden Blocks 3 und generell aus dem Sarkophag, erklären sie.

Bisher scheint aber zumindest das Grundwasser unter dem Reaktor dadurch nicht verseucht zu sein. Die 34 um den Sarkophag verteilen Messbrunnen registrierten bisher keine längerfristigen Überschreitungen der Grenzwerte. Damit im Falle eines Falles der naheliegende Fluss Prypjat nicht gleich mit verseucht wird, wurde zudem eine 13 Kilometer langer Lehmwall in den Untergrund eingezogen. Ob diese Barriere jedoch ihren Zweck erfüllen würde, ist nicht erwiesen.

Der alte Kühlteich des Kraftwerks ist zwölf Kilometer lang - und stark verseucht. © NASA/Earth Observatory, Jesse Allen

Giftschlamm im Kühlteich

Ein weiteres bisher ungelöstes Problem ist der Kühlteich des Kernkraftwerks Tschernobyl. Er wurde in einem ehemaligen Bett des Prypjat-Flusses angelegt und enthält inzwischen 160 Millionen Kubikmeter verseuchtes Wasser. Nach Angaben des Greenpeace-Berichte hat sich inzwischen an seinem Grund eine Schicht aus radioaktivem Schlamm abgelagert, die insgesamt eine Radioaktivität von gut einem Petabecquerel freisetzen könnte.

Das Problem: Der Teich wird nur durch einen Damm vom heutigen Lauf des Prypjat getrennt. Weil der Wasserstand im Teich sieben Meter höher liegt als der Pegel des Flusses, würde bei einem Dammbruch das kontaminierte Wasser in den Fluss strömen. Umgekehrt birgt aber auch ein Austrocken des Kühlteichs eine Verseuchungsgefahr. Denn dann entstünde radioaktiver Staub, der mit dem Wind in der Umgebung verteilt werden könnte.

Zur Lösung des Problems plant ein IAEA-Projekt, den Wasserspiegel des Kühlteichs zunächst auf die Ebene des Flusses abzusenken. Dann soll das Reservoir geteilt werden, damit bis zu 20 kleinere Seen entstehen. Der in ihnen abgelagerte Schlamm könnte dann allmählich entsorgt werden, so die Hoffnung. Avisierter Abschluss dieser Millionen Euro teuren Arbeiten: frühestens 2020.

Nadja Podbregar
Stand: 22.04.2016

Eine neue Schutzhülle für den Reaktor

Koloss auf Schienen

Zurzeit laufen die Arbeiten im ehemaligen Atomkraftwerk von Tschernobyl auf Hochtouren. Denn ein historischer Moment steht kurz bevor: Der alte, löchrige Sarkophag um Reaktor 4 bekommt eine neue Hülle. Mehr als 3.000 Arbeiter fahren dafür jeden Tag in die Sperrzone rund um das Reaktorgelände, um an diesen ehrgeizigen, fast eine Milliarde Euro teuren Projekt zu arbeiten.

Größtes bewegliches Gebäude der Welt

Die Herausforderung dabei: Weil die havarierte Reaktorruine selbst an der Außenseite des Sarkophags stellenweise noch stark strahlt, muss der riesige neue „Sarg“ in sicherer Entfernung konstruiert werden. Schon zwölf Minuten Aufenthalt über dem Sarkophag reichen aus, um 20 Millisievert und damit die erlaubte Jahresdosis zu bekommen. Die zwei Teile des „New Safe Containment (NSC) werden daher in zwei auf Schienen stehenden Teilen gebaut und erst nach ihrer Fertigstellung verbunden und dann über den Sarkophag geschoben.

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Voraussichtlich im November 2017 könnte es soweit sein: Die insgesamt gut 35.000 Tonnen schwere Konstruktion wird dann mit Hilfe hydraulischer Hebe- und Gleitsysteme in Bewegung gesetzt. Mit zehn Metern pro Stunde fahren dann die beiden Teile der Hülle über den alten Sarkophag – 330 Meter müssen sie dafür zurücklegen. Nach seiner Fertigstellung wird das NSC das größte bewegliche Gebäude der Welt sein.

Stahlträger mit Sandwich-Paneelen

Die 109 Meter hohe und 162 Meter lange Konstruktion besteht aus zwei Schichten von bogenförmigen Stahlträgern, die jeweils die Hüllverkleidung aus einem speziell entwickelten Verbundmaterial tragen. Die Platten bestehen unter anderem aus Edelstahl und Polycarbonat. Zwischen diesen beiden Hüllen sorgen computergesteuerte Klimasysteme dafür, dass die Luft dort warm und trocken bleibt, um eine Korrosion des Metalls zu verhindern. Die Spannweite der äußeren Stahlbögen liegt bei 270 Metern.

Nach Aussagen der Konstrukteure nach soll die neue Schutzhülle dank ausgefeilter Technik und Antikorrosionsmaßnahmen mindestens 100 Jahre halten. Das NSC soll sogar einen Tornado der Klasse 3 und einem Erdbeben der Magnitude 6 standhalten können. Die Materialkombination soll zudem Kälte von bis zu minus 43 Grad und Hitze bis zu 45 Grad vertragen.

Die beiden Teile des New Safe Containment im April 2015 - frisch zusammengefügt. © Tim Porter/ CC-by-sa 4.0

Ferngesteuerter Rückbau

Eine weitere Besonderheit der neuen Hülle: Im Innenraum sind mehrere große, fernsteuerbare Kräne angebracht, die beim Abtragen und Demontieren des alten Sarkophags und später der Reaktorruine eingesetzt werden sollen. Die Stahlbögen der Hülle musste daher so stabil gebaut werden, dass sie sowohl die Last der Kräne als auch das Gewicht tonnenschwerer Beton- und Metallteile tragen können.

Im Oktober 2015 ist ein wichtiger Meilenstein des NSC-Projekts abgeschlossen: Die beide Teile der riesigen Konstruktion werden zusammengeschoben und mit gut 1.000 Bolzen verbunden. Letze Teile der Verkleidung müssen nun noch angebracht werden, dies war im März 2016 zu 85 Prozent abgeschlossen. Zurzeit finden die Arbeiten vor allem im Inneren der neuen Hülle statt, Kräne, Elektronik, Sensoren, Lüftungsanlagen und weitere technische Anlagen müssen nun noch eingebaut werden.

Nadja Podbregar
Stand: 22.04.2016

Gefahrenzone, Refugium und Forscherparadies in einem

In der „verbotenen Zone“

Wir sind in der Chernobyl Exclusion Zone, dem rund 2.200 Quadratkilometer großen Sperrgebiet rund um die Reaktorruine von Tschernobyl. Wegen der noch immer hohen Strahlenbelastung darf in hier niemand wohnen. Die ehemals regen Orte Prypjat und Tschernobyl sind heute ausgestorben, halbverfallene Geisterstädte.

Bis zu 15 Feuer brechen in der Sperrzone rund um Tschernobyl pro Jahr aus - das birgt eine doppelte Gefahr. © FEMA

Feurige Gefahr

Es brennt in der Sperrzone rund um Tschernobyl – jedes Jahr immerhin bis zu 15 Mal. Allein im Frühjahr 2015 vernichtete ein solches Feuer 350 Hektar Wald, und das nur 14 Kilometer von der Reaktorruine von Tschernobyl entfernt. Für die Umwelt ist dies jedoch eine gleich doppelte Bedrohung.

Sollte das Feuer auf das Gelände des Kernkraftwerks übergreifen, könnten wichtige Kühl- und Schutzsysteme ausfallen. Schlimmstenfalls käme es zu Löchern im Sarkophag und einer unkontrollierten Freisetzung von Radioaktivität. Die zweite Gefahr geht vom Unterholz, den Bäumen und dem Boden der Sperrzone selbst aus: Geht dies in Flammen auf, werden die in ihnen gespeicherten Radionuklide freigesetzt und gelangen in die Luft.

Bei drei Bränden der letzten Jahre entsprach die Menge an neu freigesetztem Cäsium-137 immerhin rund acht Prozent des Fallouts während der Tschernobyl-Katastrophe, wie Forscher 2015 berichteten. Und sie schätzen, dass in den oberen Bodenschichten und in altem Laub des größtenteils bewaldeten Gebiets noch immer zwei bis acht Petabecquerel allein an radioaktivem Cäsium enthalten sind. Durch den Klimawandel könnten Brände in der Sperrzone häufiger und gravierender werden und so für eine neue Welle des Fallouts über halb Europa sorgen.

Elchkuh mit Jungen in der Sperrzone von Tschernobyl © Valeriy Yurko/Polessye State Radioecological Reserve

Paradies für Wissenschaftler – und einige Wildtiere

Doch trotz dieser Gefahren ist die „verbotene Zone“ für die Wissenschaft ein wahres Paradies. Denn hier können sie erstmals erforschen, wie die Natur auf die Folgen einer Atomkatastrophe reagiert. So haben Forscher inzwischen festgestellt, dass sich zumindest einige Vögel langfristig an eine erhöhte Strahlung anpassen können: Ihr Körper produziert mehr schützende Moleküle und kurbelt die Reparatur-Mechanismen an.

Allerdings scheint dies für Vögel mit besonders farbigem Federkleid offenbar nicht zu gelten. Ihre Zahlen sanken nach dem Atomunfall rund um Tschernobyl drastisch. Forscher vermuten, dass der hohe Aufwand, um das farbige Pigment zu erzeugen, ihre internen Schutzmechanismen hemmt und sie dadurch anfälliger für Zellschäden macht. Bei einigen Tieren häufte sich zudem eine krankhafte Trübung der Augenlinse und bei Kiefern im Sperrgebiet wurden vermehrt Mutationen und verfärbte Nadeln gefunden.

Für größere Wildtiere wie Wölfe, Elche, Hirsche und Wildschweine hat sich die Sperrzone trotz der erhöhten Strahlung sogar zu einem echten Refugium entwickelt. Sie sind dort heute zahlreicher als vor dem Atomunglück. „Das heißt jedoch nicht, dass die Strahlung gut für die Natur ist“, betont er Biologe Jim Smith von der University of Portsmouth. „Es zeigt nur, dass die Auswirkungen der menschlichen Besiedlung, darunter die Jagd, Land- und Forstwirtschaft, noch schlimmer sind.“

In den Jahren nach dem Atomunfall von Tschernoobyl schnellte die Zahl der Schilddrüsenkrebs-Fälle bei Kindern aus der Umgebung drastisch in die Höhe. © KGH / CC-by-sa 3.0

Schicksal Krebs

Für die ehemaligen Bewohner der „verbotenen Zone“ waren die Folgen jedoch weit weniger glimpflich. Schon in den ersten Jahren nach dem Atomunfall registrierten Ärzte in der Umgebung einen starken Anstieg von Schilddrüsenkrebs bei Kindern und Jugendlichen. Die Häufigkeit dieser normalerweise unter Kindern seltenen Krebsart schnellte plötzlich auf das bis zu Zehnfache an, rund 5.000 Fälle sind bisher bekannt.

Genanalysen zeigen, dass bei vielen dieser Kinder Veränderungen im Erbgut nachweisbar sind, wie sie typischerweise durch Strahleneinfluss auftreten können. Bei ihnen waren Genabschnitte so umgelagert, dass dadurch Onkogene miteinander verschmolzen waren, wie US-Mediziner 2013 herausfanden. Diese Mutationen wiederum förderten die Entstehung des Schilddrüsenkrebses.

In Bezug auf andere Krebsarten jedoch, sind die Daten bisher weit weniger eindeutig. Auch zu den Gesundheitsfolgen für Teile Europas, die in den Tagen nach dem Atomunfall durch den radioaktiven Fallout kontaminiert wurden, gibt es kaum gesicherte Erkenntnisse. Einer der Gründe: Viele Krebsarten manifestieren sich erst mit mehreren Jahrzehnten Verzögerung.

Zudem ist es angesichts der generell hohen Krebsraten und der Vielzahl möglicher Auslöser enorm schwer, einen ursächlichen Zusammenhang zwischen einem Krebsfall und einer möglichen Strahlenbelastung nachzuweisen. Wie viele Menschen daher tatsächlich als Spätfolge der Atomkatastrophe von Tschernobyl erkrankt und gestorben sind – oder vielleicht noch erkranken werden, bleibt unbekannt.

Nadja Podbregar
Stand: 22.04.2016