Römisches Erbe zwischen Kultur und Natur

Pompeji – Zeitreise in die Antike

Pompeji
Der Vesuv war für die römische Stadt Pompeji Segen und Fluch zugleich. © mantaphoto/ iStock

Natur besiegt Kultur, bewahrt sie aber auch: Der Ausbruch des Vesuv im Jahr 79 bereitete dem Leben in der römischen Kleinstadt Pompeji ein jähes Ende. Gleichzeitig konservierte er die antike Stadt und die Überreste ihrer Bewohner auf einzigartige Weise. Wie eine „Zeitkapsel“ gibt Pompeji dadurch Einblicke in das Leben vor fast 2.000 Jahren. Doch das antike Erbe ist bedroht – von seiner eigenen Berühmtheit.

Prächtige Villen samt farbiger Fresken und Mosaike, Alltagsobjekte, scheinbar wie eben aus der Hand gelegt und sogar Graffiti an den Wänden: Pompeji und sein kleinerer Nachbarort Herculaneum haben das Leben ihrer Bewohner in vielen Details konserviert. Geschützt von meterdicken Aschenschichten überdauerten die antiken Relikte fast zwei Jahrtausende. Nirgendwo sonst bekommen Besucher einen so tiefen Einblick in den Alltag zu römischer Zeit. Die Emotionalität Pompejis generiert sich vor allem aus den individuellen Schicksalen, die dort erfahrbar werden, und aus der spürbaren Gewissheit, dass das eigene Leben jederzeit plötzlich vorbei sein kann.

Diese Faszination ist Nutzen und Übel zugleich: Sie hat Pompeji zu einem der wichtigsten Befunde altertumswissenschaftlicher Forschung und zu einem der größten archäologischen Touristenmagnete gemacht. Dadurch ist heute nicht mehr der Vulkan die größte Gefahr für Pompeji, es sind die Auswüchse menschlicher Kultur. Denn mehr als drei Millionen Besucher jährlich, die über antike Bürgersteige wandern, Fresken berühren und Müll hinterlassen, sind ein konservatorischer Super-GAU. Einmal freigelegt, sind archäologische Funde, die Jahrhunderte oder gar Jahrtausende unter Erde oder Asche begraben und damit geschützt waren, konstant gefährdet.

Autorin: Polly Lohmann, Universität Heidelberg/ Ruperto Carola

Wie Pompeji unterging

Zeitkapsel antiken Lebens

1689 entdeckten Arbeiter bei Kanalgrabungen im Süden des Vesuvs steinerne Inschriftenreste, die auf eine antike Siedlung hindeuteten. Das Gebiet war zu dieser Zeit bei seinen Anwohnern als „la civita“ bekannt, als (verschüttete) Stadt. Systematische Grabungen begannen 1748, aber erst 1763 identifizierte man den Ort namentlich als Pompeji.

Pompeji
Blick über das Forum von Pompeji – das Zentrum der einst florierenden römischen Kleinstadt. © ElfQrin/CC-by-sa 4.0

Jähes Ende einer Kleinstadt

Der auf das Jahr 79 n. Chr. datierte Vesuvausbruch hat der römischen Kleinstadt ein solch jähes Ende bereitet, dass das Leben dort wie in einer Zeitkapsel gefangen zu sein scheint: eine Momentaufnahme antiken Lebens. Doch bei genauerer Betrachtung trügt dieser Schein. Die Naturkatastrophe ist uns vor allem durch den Bericht des angehenden Politikers und Redners Plinius des Jüngeren eindrücklich bekannt.

Sein Onkel, Plinius der Ältere, war als Flottenkommandant im Golf von Neapel stationiert. Er kam dort bei einem Rettungsversuch per Schiff ums Leben, während sein Neffe bei Misenum überlebte und das Naturschauspiel in zwei Briefen (Die Vesuv-Briefe VI 16 und VI 20) dokumentierte. Zahlreiche Menschen flohen vor der sich über Tage ankündigenden Katastrophe, während andere in ihren Häusern ausharrten, wohl in der Hoffnung, dass sie dort überleben würden – von normalem Alltag, der durch die Ascheschichten konserviert wurde, kann also keine Rede sein.

Das wird auch durch die Verteilung von Funden belegt, die ich in pompejanischen Wohnhäusern untersucht habe: Wertgegenstände und Münzen in Lederbeuteln oder Holzkästchen wurden zusammengerafft und sind zusammen mit Skeletten in den Wohnhäusern zu finden; die eigentlichen Alltagsgegenstände waren dagegen zumeist in Schränken und Regalen verstaut, also nicht in Benutzung, als „plötzlich“ der Vesuv ausbrach.

Fruchtbar – aber gefährlich

Noch heute spricht man in der vulkanologischen Forschung bei besonders heftigen Eruptionen von „plinianischen Eruptionen“, denen eine Eruptionssäule vorausgeht, wie auch Plinius sie beschrieben hatte. Die Landschaft Kampanien, in der der Vesuv liegt, war seit jeher von tektonischen Bewegungen und intensivem Vulkanismus geprägt. Dennoch siedelten Menschen spätestens seit
der frühen Bronzezeit (wohl ab dem 2. Jahrtausend v. Chr.) immer wieder dort, was vor allem neuere geoarchäologische und archäobotanische Forschungen zeigen, beispielsweise ein Projekt um Florian Seiler an der Heidelberger Akademie der Wissenschaften.

Der in dieser Landschaft gelegene Golf von Neapel, jene Einbuchtung zwischen dem Cap Miseno im Norden und Sorrent im Süden, hatte siedlungshistorisch besondere Vorzüge: Die östlich gelegene Bergkette des Apennin bot Materialressourcen, einen natürlichen Schutz gegen Feinde sowie eine Kaltluftbarriere, hinter der zum Meer hin ein gemäßigtes Klima herrschte. Ascheablagerungen hatten zudem eine fruchtbare Ebene für agrarische Nutzung gebildet, und der wasserreiche – und damit schiff bare – Fluss Sarno war Lebensgrundlage und Transportweg.

Trotz der Gefahr vulkanischer Ausbrüche nicht nur des Vesuvs war dieses Territorium deshalb dicht besiedelt; die Geschichte der römischen Städte Herculaneum und Pompeji reicht bis ins 4. beziehungsweise 6. Jahrhundert v. Chr. zurück, in eine Phase, in der das Gebiet von griechischen Kolonisten sowie lokalen Bevölkerungsgruppen wie den Oskern und Samniten bewohnt war.

Gipsabdrücke der Opfer
Wie im Schlaf: Gipsabdrücke von Opfern des Vulkansausbruchs in Pompeji. © Sören Bleikert/CC-by-sa 3.0

Zeitkapsel antiken Lebens

Die Besonderheit der Vesuvstädte Pompeji und Herculaneum sowie der römischen Villen ihrer Umgebung liegt in der Masse und Art ihrer Funde: In jeweils unterschiedlicher Form hat sich die gesamte Ausstattung von Gebäuden erhalten, angefangen von Fußboden- und Wanddekorationen über organische Funde, zum Beispiel hölzernes Mobiliar, Lebensmittel wie Brote, Nüsse und Getreide, bis hin zu menschlichen Überresten der in Asche und Lava begrabenen Einwohner, die nicht geflohen waren.

Nur in solchen Ausnahmefällen erlauben die klimatischen Bedingungen die Konservierung derartiger Materialien und Funde der griechisch-römischen Antike im Mittelmeerraum. In Herculaneum sind Obergeschosse von Wohnhäusern stehen geblieben, in Pompeji haben sich mit Farbe angebrachte Wahlwerbungen (programmata) und Spieleankündigungen (edicta muneris) sowie Tausende in die Wände geritzte Graffiti erhalten.

Autorin: Polly Lohmann, Universität Heidelberg/ Ruperto Carola

Kritzeleien geben Einblick in antiken Alltag

Von hier kommen die „Graffiti“

Unser modernes Wort „Graffiti“ wurde von Ausgräbern Pompejis geprägt, denn man brauchte einen Begriff für diese dort erstmals entdeckte Form von Inschriften. Diese Graffiti, die Gegenstand meiner Dissertation waren, geben einen ganz unmittelbaren Einblick in den antiken Alltag: Namen von Bewohnern und Besuchern Pompejis, Grüße an Freunde, Nachbarn oder Geliebte, Zeichnungen von Menschen, Tieren und Gladiatoren, Zitate aus bekannter lateinischer Literatur, Wortspiele, Erotisches und vieles mehr.

Graffito
Zeichnung eines Graffito aus Pompeji, das Musiker, den Kaiser und Gladiatoren zeigt. © Burke et al. /PNAS

Antikes Leben auf kleinster Ebene

Erst seit einigen Jahren hat sich die Forschung der pompejanischen Graffiti als umfassendem Materialcorpus angenommen. Anders als antike literarische Texte, die uns auf der Makroebene über historische Ereignisse und Entwicklungen informieren und im Kontext der jeweiligen Machtverhältnisse verstanden werden müssen, spiegeln Graffiti antikes Leben auf kleinster Ebene wider. Sie halten lokale Ereignisse wie Markttage fest, überliefern bekannte Sprüche und die Namen beliebter Gladiatoren, erlauben Überlegungen zum lokalen Sozialgefüge und zu regionalen Dialekten.

Dabei zeigen sie auch, welchen Einfluss die im Alltag und im urbanen Raum präsenten Texte und Bilder als Medien hatten, denn häufig wiederholten Graffiti bereits Bekanntes: Sie benutzten dieselben Redewendungen wie Briefe, rezitierten aus Werken wie der Aeneis des Vergil, imitierten Vögel und andere Motive der Wandmalereien oder Schriftarten offizieller Inschriften.

„Soundso war hier“

Zum größten Teil aber waren sie Identitätsmarker, wie wir sie noch heutzutage von viel besuchten Orten kennen: „Soundso war hier“. Ob die vielen Tausend einzelnen Personennamen an den Wänden von Wohnhäusern, Läden und öffentlichen Gebäuden einfach nur eine Selbstbestätigung waren oder ob sie als Pendant öffentlicher Ehrungen auch gesehen und gelesen werden sollten, lässt sich meines Erachtens nicht sagen. Es lässt sich lediglich konstatieren, dass das Einritzen von Figuren, Symbolen, Wörtern und Texten recht beliebt gewesen zu sein scheint.

Vollumfassende Lese- und Schreibkenntnisse müssen wir dafür nicht zwangsläufig voraussetzen – sie waren wohl nur einem kleinen Bevölkerungsteil vorbehalten, jedoch besaßen vermutlich etliche Bürger zumindest Basiskenntnisse, die zum Schreiben des eigenen Namens oder häufig wiederholter Floskeln ausreichten.

Einblick in römische Infrastrukturen

Anders als in Herculaneum, das wegen seiner modernen Überbauung nur zu einem kleinen Teil ausgegraben werden konnte, bietet sich uns in Pompeji eine ganze Stadt, an der sich Stadtplanung und Infrastruktur untersuchen lassen: die Organisation verschiedener Stadtareale, die Verteilung von privaten, öffentlichen und kommerziell genutzten Räumen und Gebäuden, die Regulierung des Verkehrs, die Eigentumsverhältnisse und Nutzung öffentlich zugänglicher Flächen wie Fassaden und Bürgersteige und vieles andere mehr.

Die Anbringungsorte der farbigen Dipinti – Inschriften auf Wand- und Steinflächen – und der Graffiti liefern zudem Hinweise auf zentrale Werbeflächen und beliebte Treffpunkte, auf Sozialstrukturen und Wählerschaften. Nichtsdestoweniger bleiben selbst in den Vesuvstädten, die einen so perfekt versiegelten Befund darzustellen scheinen, noch viele Fragen offen – nicht zuletzt diejenige nach ihren Einwohnerzahlen und nach den Besitzern der einzelnen Häuser und Läden.

Autorin: Polly Lohmann, Universität Heidelberg/ Ruperto Carola

Wann ereignete sich die Katastrophe?

Verwirrspiel ums Datum

Im Jahr 2018 haben mehrere Entdeckungen, die im Zuge von Sicherheitsmaßnahmen und Stabilisierungen auf dem Gelände von Pompeji gemacht wurden, großes Aufsehen in der Presse erregt. In den sozialen Medien informierte der Parco Archeologico di Pompeii über die Neufunde aus der sogenannten Regio V, einem Areal im Norden der Stadt.

Vesuv
Wann genau geschah der Ausbruch des Vesuv, der Pompeji verschüttete? © Pastorius /CC-by-sa 3.0

Sommer oder Spätherbst?

Dazu gehörten ein reich dekoriertes Lararium (Schrein) für den Hauskult, ein in leuchtenden Farben erhaltenes Fresko von Leda mit dem Schwan sowie ein mit Kohle geschriebener Graffito. Er nennt das Datum des 17. Oktober, jedoch ohne zugehöriges Jahr. Hieran hat sich die Debatte darum, wann genau Pompeji untergegangen ist, neu entzündet. Für das Datum des Vesuvausbruchs gibt es im Wesentlichen zwei Thesen, den 24. August und den 23. November.

Der neue Graffito stammt aus dem Zimmer eines Hauses, das sich offenbar zum Zeitpunkt des Vesuvausbruchs im Umbau befand, und da Kohleinschriften ohnehin nur sehr kurzlebig seien, müsse der jüngst freigelegte Graffito aus dem Jahr des Untergangs sein, belege also das spätere Datum für die Eruption, argumentieren einige Kollegen.

Fehler in Plinius‘ Text?

Argumente gibt es für beide Seiten – einmal auf die literarische Überlieferung des Plinius gestützt, einmal auf archäologische Funde: Einer der Briefe des Plinius des Jüngeren nennt den 24. August als Datum. Ein späterer Bericht des Historiografen Cassius Dio (Römische Geschichte LXVI, 21–24) verweist dagegen auf das Ende des Sommers. Funde von Herbstfrüchten, Kohlebecken zur Beheizung von Häusern sowie bereitgestellte Vorratsgefäße für Wein (der nicht vor September hergestellt wurde) unterstützen diese späte Datierung, ebenso wie eine Verbindung mit Münzfunden, die der Heidelberger Althistoriker Géza Alföldy hergestellt hatte.

Das würde allerdings bedeuten, dass die Datumsangabe bei Plinius inkorrekt ist; hier wäre eine mögliche Erklärung, dass der Monat August bei Plinius ein Überlieferungsfehler ist, sich also in einer späteren Abschrift eingeschlichen hat. Demnach könnte die ursprüngliche Angabe bei Plinius „neun Tage vor den Kalenden des Dezembers“ anstelle „[…] des Septembers“ geheißen haben, was den 23. November anstatt des 24. Augusts meinen würde, wie bereits der Philologe Carlo Maria Rosini im 19. Jahrhundert argumentiert hatte.

Zahlenmäßig sprechen mehr Argumente für die spätere Datierung des Vesuvausbruchs im Herbst 79 n. Chr. Der neu entdeckte Kohlegraffito kann die Beweisführung jedoch nicht unterstützen, denn seine tatsächliche Datierung ist unklar. Der Text enthält keinen Hinweis auf sein Entstehungsjahr, und allein mit dem Schreibmaterial lässt sich nicht argumentieren, denn es gibt – wenn auch nur wenige – Kohlegraffiti, die die Ausgrabungen überlebt haben und die ich selbst dokumentiert habe. Sie sind also gute Gegenbeispiele, dass Kohleinschriften nicht so kurzlebig sind, wie wir annehmen möchten. Insofern stehen wir auch hier weiterhin vor einer unbeantworteten Frage.

Autorin: Polly Lohmann, Universität Heidelberg/ Ruperto Carola

Stätten mit wechselhafter Geschichte

Störungen schon vor dem Ausbruch

Dass der Neufund des Jahres 2018 aus einem Raum im Umbau stammte, braucht uns nicht zu verwundern, denn zahlreiche Gebäude Pompejis waren bei einem größeren Erdbeben 62 n. Chr. oder kleineren Nachbeben beschädigt worden. Diese waren möglicherweise bereits Vorboten des Vesuvausbruchs und jedenfalls der Grund dafür, dass Renovierungs- und Restaurierungsarbeiten 79 n. Chr. noch an etlichen Orten im Gange waren.

Villa
Nicht alle Wohnhäuser waren zum Zeitpunkt des Ausbruchs intakt – und manche wurden hinterher ausgeplündert. © Mac9/CC-by-sa 2.0

Nicht nur aufgrund dieser noch andauernden Arbeiten, für die manche Wohnräume umfunktioniert werden mussten, können wir im Falle Pompejis kaum von einem Alltag in Momentaufnahme sprechen. Vor allem die Geschehnisse während und in der Folgezeit des Vulkanausbruchs haben die Momentaufnahme durchbrochen, die ich in mehrere Phasen einteile.

Von Plünderern durchwühlt

Viele Bewohner der Stadt waren mit ihrem Hab und Gut auf der Flucht. Nach der Verschüttung Pompejis durch Asche und Bimsstein kehrten Überlebende und Plünderer zurück, um in den Ruinen nach Wertsachen zu graben, denn offenbar ragten Gebäudespitzen noch aus dem Schutt und halfen bei der Orientierung in dem verschütteten Stadtareal. Löcher in Gebäudewänden, durch die Plünderer sich von Raum zu Raum vorarbeiteten, zeugen von diesen Störungen, die Jens-Arne Dickmann – bis vor einigen Jahren am Institut für Klassische Archäologie der Universität Heidelberg tätig – exemplarisch kartiert hat.

Es wurden allerdings auch offizielle Grabungen auf kaiserliche Anordnung durchgeführt, um wiederverwertbares Baumaterial wie den Marmor des Forums von Pompeji zu bergen. Ein eigenes
Konsortium – die curatores restituendae Campaniae – war mit dem Wiederaufbau der Region betraut.

Zu guter Letzt sind auch die frühen Grabungen in bourbonischer und späterer Zeit, die noch nicht nacheinander einzelne Schichten abhoben, um zeitliche Abfolgen nachvollziehen zu können,
sondern primär an der Präsentation spektakulärer Funde interessiert waren, mitverantwortlich dafür, dass es sich in Pompeji nicht um einen versiegelten Befund handelt.

Autorin: Polly Lohmann, Universität Heidelberg/ Ruperto Carola

Pompeji droht an seiner Berühmtheit zugrunde zu gehen

Gefährdet bis heute

Heute strömen jährlich rund drei Millionen Touristen nach Pompeji: Touristen, die in Gruppen zu immer denselben Stationen geführt werden, die über antike Bürgersteige wandern, Fresken berühren, Müll hinterlassen, im schlimmsten Fall Mosaiksteine entfernen oder Telefonnummern an die Wände schreiben.

Straße
So menschenleer ist Pompeji heute nur selten. © gemeinfrei

Sex sells

Sie betreten die Stadt über einen steilen Anstieg von Südwesten, durch die Porta Marina, bewundern die heute zwei Spitzen des Vesuvs vom Forum aus, machen eine Mittagspause auf den rekonstruierten Stufen des Theaters und lernen römische Badekultur in den Stabianer Thermen kennen, bevor es als Highlight in das Bordell in der Regio VII geht.

Das Eckhäuschen ist symptomatisch für den Besucherandrang in der antiken Kleinstadt: Die Warteschlange durchzieht an Sommertagen die ganze Straße. Dicht an dicht drängeln sich die Besucher durch die fünf winzigen Zellen, über deren Türen gemalte erotische Szenen unmissverständlich die hier käuflichen Serviceleistungen illustrieren. Sex sells, auch heute noch – mit Folgen für die antike Bausubstanz.

Nur wer Zeit und Entdeckerlust hat und nicht dem Zwang einer geführten Gruppe unterliegt, kann sich in den leeren Gässchen der Regio VIII im Süden der Stadt verlieren, die wunderbaren Fresken der Casa di Marcus Lucretius Fronto in Stille bewundern oder die Stadt bei einem frühabendlichen Spaziergang entlang der Stadtmauern („passeggiata sulle mura“) von oben betrachten.

Gegen den Verfall

Mehr als drei Millionen Besucher jährlich sind ein konservatorischer Super-GAU, dem die sogenannte Soprintendenz – die lokale archäologische Verwaltung – unter Massimo Osanna mit verschiedenen Maßnahmen entgegenzutreten versucht: mit alternativen Besucherrouten, mit groß angelegten Restaurierungskampagnen und Konservierungsmaßnahmen im Rahmen des „Grande Progetto“, einem 2012 von der italienischen Regierung ins Leben gerufenen EU-Projekt für Pompeji.

105 Millionen Euro sind geflossen, etliche pompejanische Wohnhäuser, die viele Jahre aus Sicherheitsgründen geschlossen waren, konnten wiedereröffnet werden. Junge Archäologinnen und Archäologen wurden eingestellt, Vetternwirtschaft durch Fachkräfte ersetzt – auch das ist Teil der Herausforderung der Verwaltung eines archäologischen Parks dieser Bedeutung in Italien.

Heute ist die Kultur der größte Feind Pompejis – so wie für alle archäologischen Ausgrabungen gilt: Einmal freigelegt, sind Funde und Befunde, die Jahrhunderte oder Jahrtausende von Erde, Asche oder Sand in einem gewissermaßen eigenen Biotop geschützt waren, konstant gefährdet. Zeit, Aufwand und Kosten der Konservierung übersteigen bei Weitem die der Ausgrabung. Wer Archäologie nur mit Ausgrabung verbindet, sollte dabei auch an Dokumentation, Restaurierung, Verwaltung und Vermittlung denken.

Autorin: Polly Lohmann, Universität Heidelberg/ Ruperto Carola