Wie die Rückkehr des Rudeltiers die Geister spaltet

(K)ein Platz für Wölfe?

Wolf
Der Wolf ist zurück - und erregt die Gemüter. © hkuchera/ istock

Der Wolf erobert sich sein altes Territorium zurück – und breitet sich auch hierzulande weiter aus. Naturschützer freut diese Rückkehr der Raubtiere. Doch bei anderen stößt sie auf deutlich weniger Begeisterung: Landwirte fürchten um ihre Nutztiere, Eltern wollen ihre Kinder nicht mehr im Wald spielen lassen. Was aber ist dran am Mythos „böser Wolf“?

Die Schlagzeilen verdeutlichen: Wölfe lösen beim Menschen gleichermaßen Angst und Faszination aus. Das Raubtier wird bei Nutztierhaltern, Jägern, Naturschützern und Politikern kontrovers diskutiert. Die Wolfspopulation wächst in Deutschland zurzeit um etwa 30 Prozent pro Jahr und die Anzahl der vom Wolf gerissenen Tiere nimmt zu. Das „Rotkäppchen-Syndrom“ ist tief in unseren Wertevorstellungen verankert. Doch wie gefährlich ist der Wolf wirklich? Und wie kann ein friedliches Zusammenleben mit dem Rudeltier gelingen?

Autorin: Michelle Müller/ Forschung Frankfurt

Der Wolf wurde in Europa einst fast ausgerottet

Rückkehr eines Vertriebenen

Der Wolf (Canis lupus) besiedelt über 50 Prozent der gesamten Landoberfläche der Erde, das entspricht etwa 70 Millionen Quadratkilometern. Auf der Nordhalbkugel passt er sich von der Tundra bis in die Steppen- und Wüstengebiete unterschiedlichen Ökosystemen an. Allerdings ist das ursprüngliche Verbreitungsgebiet des Wolfes durch menschliche Verfolgung um etwa ein Drittel reduziert worden.

Wolfsrudel: Die Raubtiere galten früher oft als menschenfressende Bestien. © Andyworks/ istock

Verhasster Feind

Schon im Mittelalter wurde immer wieder von Wolfsübergriffen auf Nutztiere berichtet und der Wolf wurde zum verhassten Feind der Bevölkerung. Auch von Angriffen auf Menschen gibt es Überlieferungen, allerdings ist an der Glaubwürdigkeit vieler Geschichten zu zweifeln. Heute wird vermutet, dass es sich meist um tollwütige Tiere, Wolf-Hund-Mischlinge oder verwilderte Hunde gehandelt hat.

Häufig stieg die Anzahl von Wolfsangriffen auf Menschen und Nutztiere in Kriegszeiten, so auch in Deutschland während des Dreißigjährigen Krieges. In diesen Zeiten bewachten oft Kinder das Vieh, Wölfe hatten es dadurch leichter anzugreifen. Insbesondere wenn gleichzeitig die Dichte von jagdbaren Paarhufern wie Rot- und Rehwild gering war, kam es zu Übergriffen auf Nutztiere. Es wurde auch von Wölfen berichtet, die sich während des Krieges an menschlichen Leichen zu schaffen machten.

Diese Vorfälle und Geschichten machten den Menschen Angst und prägten das Wolfsbild der damaligen Gesellschaft von einer blutrünstigen, menschenfressenden Bestie. Der Wolf wurde gejagt und in Europa fast vollständig ausgerottet.

Comeback der Wölfe

Nach der Ausrottung der Wölfe in Deutschland gab es nach dem Zweiten Weltkrieg wieder einzelne Wolfsvorkommen in der Bundesrepublik. Der Prozess einer natürlichen Wiedereinwanderung der Art ging von Polen aus. Immer häufiger wanderten Einzeltiere nach Deutschland ab. Meist wurden sie abgeschossen oder starben im Schienen- oder Straßenverkehr. Nach der Wiedervereinigung 1990 wurde der Wolf auch in den neuen Bundesländern unter Schutz gestellt, erst dann konnten sich die ersten Wölfe langfristig in Deutschland etablieren.

Wolfsbestand in Deutschland 2018/19 © BfN

Der erste sichere Nachweis eines reproduzierenden Wolfspaares erfolgte im November 2000 auf dem Truppenübungsplatz Oberlausitz, im Osten Sachsens. Seitdem hatte das Paar regelmäßig Nachwuchs und der Wolf begann sich auszubreiten. Inzwischen leben in Deutschland nach Angaben des Bundesamts für Naturschutz (BfN) 105 Rudel, 25 Wolfspaare und 13 sesshafte Einzeltiere. Die meisten Wolfsrudel leben in Brandenburg, gefolgt von Sachsen und Niedersachsen. Aber inzwischen kommen Paare und Einzeltiere auch deutlich weiter südlich vor – selbst in Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen gibt es inzwischen wieder Wölfe.

Ein Wolfsrudel ist dabei nichts anderes als ein Familienverband und besteht aus den beiden Elterntieren, den Welpen eines Jahres und den sogenannten Jährlingen. Nach etwa ein bis zwei
Jahren verlassen die Jungtiere das Rudel der Eltern auf der Suche nach einem eigenen Territorium und einem Partner.

Autorin: Michelle Müller/ Forschung Frankfurt

Was bedeutet die Wieder-Ausbreitung für Wolf und Mensch?

Neue Gefahren

Die Wieder-Ausbreitung der Wölfe in Deutschland bringt neue Konflikte und Gefahren mit sich – und zwar nicht nur für uns Menschen, sondern auch für die Raubtiere.

Gefahr durch Verkehr und illegale Abschüsse

Wölfe sind ausdauernde Läufer und können in 24 Stunden über 70 Kilometer zurücklegen. Dabei können sie Flüsse durchschwimmen und stark befahrene Straßen überqueren. Doch der Straßenverkehr wird den Wölfen in unserer dicht besiedelten Landschaft oft zum Verhängnis. Im Zeitraum von 2000 bis Dezember 2019 starben 307 Wölfe durch Verkehrseinwirkungen.

Immer wieder sterben Wölfe durch Verkehrseinwirkungen. © Forschung Frankfurt

Problematisch sind weiterhin illegale Abschüsse. Der Wolf ist in Deutschland nach europäischem und nationalem Recht streng geschützt und darf nicht getötet werden. Für Einzelfälle, in denen ein Wolf problematisches Verhalten zeigt, kann nach ausreichender Bewertung eine Ausnahmeregelung getroffen werden. Zuletzt war dies in Sachsen 2018 der Fall, als ein Wolf zwei Hunde tötete.

Ein unbegründeter Abschuss ist allerdings eine Straftat und kann mit einer Geldstrafe oder Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren bestraft werden. Seit der Wiederbesiedlung wurden in Deutschland 43 Wölfe illegal geschossen, die Dunkelziffer könnte aber noch höher sein. Wird ein toter Wolf gefunden, dann wird er im Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin auf Todesursache, parasitären Befall und Krankheiten untersucht.

Wie gefährlich kann der Wolf dem Menschen werden?

Eines ist klar: Der Wolf ist kein Kuscheltier! Generell ist er aber ein scheues Wildtier und sucht nicht aktiv die Nähe zu Menschen. So sind seit 1950 in Europa nur drei Fälle belegt, in denen nicht tollwütige Wölfe Menschen angegriffen oder getötet haben. Trotzdem kann es vorkommen, dass sich Wölfe Ortschaften nähern. Häufig handelt es sich dabei um junge, neugierige Wölfe oder sogenannte „Wanderwölfe“, die auf der Suche nach einem eigenen Territorium ihr elterliches Rudel verlassen haben.

Von diesen Tieren geht zunächst keine Gefahr für den Mensch aus. Trifft ein Mensch jedoch in Begleitung eines Hundes auf einen Wolf, kann der Wolf, der Hunde als Sozialpartner ansieht, situationsbedingt dem Hund mit Aggression, Spiel- oder auch Paarungsverhalten gegenübertreten. Für die Annahme, Wölfe würden ihre Scheu gegenüber Menschen verlieren, wenn sie nicht bejagt werden, gibt es keinen wissenschaftlichen Beleg. Allerdings können Wölfe ihre Vorsicht aufgeben, wenn Futter im Spiel ist, beispielsweise in Form von Komposthaufen oder der gezielten Fütterung. Dieses Verhalten kann auch bei anderen Wildtieren, wie Wildschweinen und Füchsen, beobachtet werden.

Was tun, wenn plötzlich ein Wolf den Weg kreuzt? © ysbrandcosijn/ istock

Wie verjage ich einen Wolf?

Sollte man einem Wolf begegnen, kann man versuchen, ihn durch lautes Klatschen und Rufen zu vertreiben. Generell gilt im Umgang mit Wölfen und anderen Tieren: weder annähern noch füttern! Zeigt ein Wolf ein auffälliges Verhalten, werden Wolfsexperten herangezogen, um die Situation zu beobachten und zu bewerten. Nicht selten muss zunächst geklärt werden, ob das Tier überhaupt ein Wolf ist oder ein Wolfshund, der seinem Namensvetter zum Verwechseln ähnlich sieht.

Im Ernstfall droht einem Wolf die „Entnahme“, also der Abschuss. Vielfach wird gefordert, den Wolf in das Jagdgesetz aufzunehmen, um einen Abschuss „problematischer Tiere“ zu erleichtern. Naturschutzorganisationen lehnen eine solche Gesetzesänderung aber als unnötig und nicht mit dem Schutz des Wolfes vereinbar ab: „Der wahllose Abschuss von Wölfen ist kein Ersatz für Herdenschutz, mit EU-Recht unvereinbar und zudem unwirksam, da jederzeit neue Wölfe einwandern können“, sagt Magnus Wessel vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Zudem sei der Abschuss von „Problemwölfen“ auch nach aktueller Gesetzeslage möglich.

Autorin: Michelle Müller/ Forschung Frankfurt

Wie gefährlich ist der Wolf für Schaf, Rind und Co?

Konfliktpotenzial Nutztiere

Wo Nutztiere gehalten werden und gleichzeitig Wölfe vorkommen, sind Übergriffe durch Wölfe durchaus wahrscheinlich. Denn diese greifen generell die am leichtesten zu überwältigende Beute an. Nutztiere wie Schafe und Ziegen sind, wenn sie ohne Schutzmaßnahmen gehalten werden, im Gegensatz zu wildlebenden Paarhufern eine leichte Beute.

Mit der Ausbreitung des Wolfs steigt auch die Gefahr für Nutztiere. © Animaflora/ istock

Was fressen die deutschen Wölfe?

Um die Nahrungsgewohnheiten der in Deutschland lebenden Wölfe zu untersuchen, werden seit 2001 Kot-Analysen (in der Jägersprache: Losungs-Analysen) im Senckenberg Museum für Naturkunde in Görlitz (SMNG) durchgeführt. Zwischen 2001 und 2016 wurden deutschlandweit insgesamt 6.581 Losungen gesammelt.

Die Analysen ergaben, dass sich die Wölfe in Deutschland fast ausschließlich von wild lebenden Huftieren ernähren. Rehwild macht über 50 Prozent der Nahrung aus, gefolgt von Schwarz- und Rotwild. Nutztiere sind bisher nur zu 1,1 Prozent Nahrungsbestandteil. Das bestätigt, dass der Bestand an potenzieller Beute in Form von Wild in den deutschen Wäldern hoch genug ist, um den Nahrungsbedarf der Wölfe zu decken – ohne dass sie zwangsläufig Nutztiere angreifen müssen.

Zahl der Übergriffe nimmt zu

Dennoch nimmt mit der Ausbreitung des Wolfs in Deutschland die Zahl der Übergriffe auf Nutztiere weiter zu. Im Jahr 2017 wurden mehr als 1.600 Nutztiere vom Wolf getötet. 86 Prozent davon waren Schafe oder Ziegen. Auffällig ist, dass es meist in neu besiedelten Gebieten zu Übergriffen auf Nutztiere kommt. Vermutlich weil viele Halter noch keine geeigneten Schutzmaßnahmen ergriffen haben. Wie die Erfahrungen zeigen, verringert sich die Anzahl der Übergriffe nach ein bis zwei Jahren, wenn die Halter die Schutzmaßnahmen korrekt anwenden.

Wölfe lernen schnell, wo sie leicht an Nahrung gelangen. © Vasily Smirnov/ istock

Bei unzureichend geschützten Nutztieren können Wölfe jedoch über die hohen Erfolgschancen schnell lernen und eine Präferenz für Nutztiere entwickeln. Dann konzentriert ein Wolf nicht selten seine Jagd auf Schafe und Ziegen. Umso wichtiger ist es, Schutzmaßnahmen von Beginn an flächendeckend einzusetzen.

Konfliktlösung durch Wolfsmanagement

Gezieltes Wolfsmanagement ist notwendig, um Konflikte zwischen Menschen, ihren Nutztieren und den Wölfen zu verhindern. In Managementplänen legen die Bundesländer Empfehlungen und Handlungsanweisungen fest. So werden Daten zum Vorkommen der Art und der von ihr verursachten Schäden erhoben. Ebenso soll die Akzeptanz des Wolfes durch Öffentlichkeitsarbeit gefördert werden.

Bundesweite Ansprechpartner sind die Wolfsexperten von LUPUS, dem Institut für Wolfsmonitoring und -forschung in Deutschland, und der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW). In den Managementplänen werden weiterhin Konfliktprävention und Regelungen zu Entschädigungszahlungen organisiert. Je nach Bundesland werden Anschaffungen für Schutzmaßnahmen bis zu 90 Prozent vom Staat übernommen. Sollte dennoch ein Tier nachweislich vom Wolf gerissen worden sein, erhält der Halter eine Ausgleichszahlung.

Autorin: Michelle Müller/ Forschung Frankfurt

Wie funktioniert guter Herdenschutz?

Prävention

Geeignete Präventionsmaßnahmen sind zum Schutz der Nutztiere in einem vom Wolf besiedelten Gebiet unabdingbar, zumal der Abschuss einzelner Wölfe, die vermehrt Nutztiere angreifen, keine dauerhafte Lösung darstellt.

In Regionen mit dauerhafter Präsenz des Wolfes werden Herden von Hirten beziehungsweise Herdenschutzhunden bewacht und nachts gepfercht. In Ländern wie Deutschland, die lange wolfsfrei waren, waren solche Schutzmaßnahmen in der Vergangenheit überflüssig und sind deshalb „verlernt“ worden. Den Haltern blieb dadurch ein erheblicher zeitlicher und finanzieller Mehraufwand erspart.

Herdenschutzhund
Herdenschutzhunde werden schon seit Jahrtausenden zum Schutz von Nutztieren eingesetzt. © denisav/ istock

Hunde und Elektrozäune

Mit der Rückkehr der Wölfe änderte sich die Situation. Die Art und Weise der Nutztierhaltung musste wieder an die Anwesenheit des Räubers angepasst werden. „Ein Zusammenleben von Wölfen, Menschen und Weidetieren ist möglich, wenn der Herdenschutz funktioniert. Aber guter Herdenschutz muss erst wieder erlernt werden und er ist eine zusätzliche zeitliche und finanzielle Herausforderung für Schäferinnen und Schäfer“, sagt NABU-Bundesgeschäftsführer Leif Miller.

Erfahrungen zeigen: Den effektivsten Schutz bieten Herdenschutzhunde in Verbindung mit Elektrozäunen. Die Hunde leben hierbei dauerhaft in der Herde. Sie sind groß und kräftig genug, um Wölfe passiv durch Imponiergehabe zu vertreiben. Elektrozäune sollten straff gespannt sein und eine Spannung von 3000 Volt (gepulst) aufweisen. Empfohlen wird eine Höhe von 120 Zentimetern. Bisher haben Wölfe nur in wenigen Fällen empfohlene Schutzmaßnahmen wiederholt überwunden. Häufig sind Nutztierverluste auf falsch eingesetzte Schutzmaßnahmen zurückzuführen.

Autorin: Michelle Müller/ Forschung Frankfurt