Das Gefühl aller Gefühle

Glück

Glück
Was ist das Geheimnis glücklicher Menschen? © Carlos David/ istock

Jeder strebt danach und manch einer scheitert daran: dem Glücklich-Sein. Was Philosophen seit Jahrtausenden beschäftigt, rückt inzwischen immer mehr in den Fokus moderner Wissenschaft. Glücksforscher wollen nicht nur wissen, was uns Glück verspüren lässt. Sie fahnden auch nach den neurobiologischen und genetischen Grundlagen dieses Gefühls.

Als der König von Bhutan einmal nach dem Bruttoinlandsprodukt seines Landes gefragt wurde, antwortete er: Das Bruttonationalglück sei von viel größerer Bedeutung. Tatsächlich wurde das Glück der Bevölkerung einige Jahrzehnte später sogar als Regierungsziel in der Verfassung des kleinen asiatischen Staates festgeschrieben. Während andere Länder nach Wirtschaftswachstum streben, gilt in Bhutan die Lebenszufriedenheit der Bürger als oberstes Ziel.

Doch auch anderswo beschäftigt man sich zunehmend mit dem Glück und seiner Bedeutung für unsere Gesellschaften. Wie aber definiert sich Glück überhaupt? Wie kann man dieses Gefühl messen, was macht uns glücklich – und welche Rolle spielen unsere Gene dabei? Wissenschaftler sind dem Gefühl aller Gefühle auf der Spur.

Was ist Glück – und wie misst man es?

Die Vermessung des Glücks

Wohl jeder Mensch wünscht sich, glücklich zu sein. Doch was bedeutet das eigentlich? Über diese Frage sinnierten früher vor allem Philosophen. Heute hingegen beschäftigt die Suche nach dem Glück längst auch Soziologen, Mediziner – und Regierungen. So gilt eine glückliche Bevölkerung inzwischen als Maß für gesellschaftlichen Fortschritt. Manche Staaten haben sogar ein „Recht auf Glück“ oder ein „Recht auf das Streben nach Glück“ in ihrer Verfassung verankert.

Gemeint ist damit nicht das Zufallsglück im Sinne eines Sechsers im Lotto, sondern eine Art Lebensglück: das Gefühl, mit sich und seinem Leben zufrieden zu sein. Dieser oftmals auch als subjektives Wohlbefinden bezeichnete Umstand steht im Fokus der heutigen Glücksforschung. Doch wie lässt sich diese Form des Glücks überhaupt messen?

Daumen hoch
Wie lässt sich Lebenszufriedenheit messen? © IJdena/ istock

Zufriedenheit in Zahlen

Weil das Glücksgefühl objektiv kaum zu erfassen ist, sind Wissenschaftler in der Regel auf die Selbsteinschätzung ihrer Probanden angewiesen. Für Glücks-Erhebungen wie den „World Happiness Report“ fragen sie die Teilnehmer, wie zufrieden diese auf einer Skala von null bis zehn insgesamt mit ihrem Leben sind. Deutsche Befragte ordneten ihre Zufriedenheit in den vergangenen Jahren übrigens im Mittelwert bei einer sieben ein.

Ein zweiter, etwas anderer Ansatz betrachtet dagegen das Glücksgefühl in ganz konkreten Momenten. Dabei sollen Menschen den Verlauf ihres Tages rekonstruieren und bewerten, wie glücklich sie sich in den unterschiedlichen Situationen vom Aufstehen bis zum Schlafengehen gefühlt haben.

Wiederkehrende Muster

Das Erstaunliche: Obwohl klar ist, dass Glück ein subjektives Gefühl ist, offenbaren sich bei solchen Untersuchungen auffällige Parallelen. Wie glücklich sich Menschen fühlen, scheint häufig mit den immer selben Faktoren zusammenzuhängen. Kurzum: Es gibt offenbar klar definierbare Bedingungen, die für das Glücksgefühl der meisten Menschen von entscheidender Bedeutung sind.

Was macht uns glücklich?

Wege zum Glück

„Money makes the world go round“ – „Geld regiert die Welt“, singt Liza Minelli im Film-Musical Cabaret. Doch gilt dieser Zusammenhang auch für unser Glück? Die alte Frage, ob Geld glücklich macht, beantwortet die Wissenschaft heute mit einem klaren „Jein“. So fühlen sich Geringverdiener zwar tatsächlich meist weniger wohl als gut situierte Menschen. Sobald das Geld aber ausreicht, um gewisse Grundbedürfnisse zu erfüllen, ändert ein Mehr auf dem Konto kaum noch etwas an der persönlichen Glücksbilanz.

Geld
Geld macht glücklich - aber nur bis zu einem gewissen Punkt. © Rich Vintage/ istock

Bei welchem Jahreseinkommen diese Sättigung erreicht wird, dazu gibt es unterschiedliche Ergebnisse. Psychologen um Andrew Jebb von der Purdue University in West Lafayette haben kürzlich etwa errechnet, dass das ideale Jahreseinkommen in Sachen langfristiger Lebenszufriedenheit im weltweiten Durchschnitt bei rund 95.000 US-Dollar pro Person liegt. Dabei benötigen Menschen in den westlichen Ländern allerdings mehr Geld um maximal glücklich zu sein als in anderen Regionen und auch individuell gibt es große Unterschiede.

Gesellschaft, Gesundheit, Großzügigkeit

Neben dem lieben Geld sind für unser Glück vor allem eine gute Gesundheit und das soziale Umfeld von Bedeutung. Familienmitglieder und Freunde, die uns helfen, die Herausforderungen des Lebens zu meistern und uns in schwierigen Situationen unterstützen, spielen eine große Rolle für das subjektive Wohlbefinden. Einsame Menschen sind dagegen häufig unglückliche Menschen.

Darüber hinaus kristallisieren sich in Untersuchungen wie dem „World Happiness Report“ immer wieder Faktoren wie Freiheit, Selbstbestimmtheit und das Gefühl, in etwas gut zu sein als wesentliche Glücklichmacher heraus. Auch zum Glück anderer beizutragen, steigert unsere eigene Zufriedenheit. So zeigen Experimente: Wenn wir uns großzügig gegenüber unseren Mitmenschen verhalten, macht uns das glücklich.

Mitmenschen
Wie gut es uns geht, hängt auch vom Glück unserer Mitmenschen ab. © Andrey Popov/ istock

Die Rolle des Vergleichs

Überraschenderweise ist der Effekt dabei sogar größer, als wenn wir uns selbst belohnen. „Im Alltag unterschätzen die meisten Menschen diese Verbindung zwischen Großzügigkeit und Glück – und übersehen damit die Vorteile des prosozialen Gebens“, sagt die Sozialpsychologin Soyoung Park von der Universität Lübeck.

Gleichzeitig ist das Glück für viele Menschen offenbar auch davon abhängig, wie es anderen geht: „Im Durchschnitt sind wir weniger glücklich, wenn andere mehr oder weniger haben als wir selbst“, erklärt Robb Rutledge vom University College London. Das bedeutet: Sind Partner, Nachbarn oder Freunde vermeintlich besser dran als wir, fühlen wir uns unglücklicher. Dasselbe gilt, wenn es den Menschen in unserem Umfeld schlechter geht als uns selbst. In anderen Worten: Gleichheit scheint glücklich zu machen.

Liegt Glück in den Genen?

Eine Frage der Veranlagung

Gesundheit, Geld, Großzügigkeit, Gemeinschaft – all diese Dinge beeinflussen unser Glücksgefühl. Trotzdem scheint das subjektive Wohlbefinden noch von einem weiteren Faktor abhängig zu sein. Wie sonst ließe sich erklären, dass zwei Menschen trotz ähnlicher Voraussetzungen und Lebenserfahrungen durchaus ein unterschiedliches Glücksempfinden haben können?

Wissenschaftler sind sich inzwischen einig: Unterschiede in Sachen Lebenszufriedenheit stehen auch unter genetischem Einfluss. Zwillingsstudien und andere verhaltensgenetische Untersuchungen deuten darauf hin, dass jeder Mensch schon aufgrund seiner Veranlagung ein individuelles Niveau an Lebenszufriedenheit hat – eine Neigung zum Glücklich-Sein, die durch äußere Faktoren nur zum Teil verändert werden kann. Demnach wird Glück zu etwa 50 Prozent von unseren Genen bestimmt.

DNA
Etwa die Hälfte unseres Glücks wird von den Genen bestimmt, sagen Forscher. © Svisio/ thinkstock

Genetische Glücksfaktoren

Inzwischen haben Forscher sogar konkrete Genvarianten identifiziert, die für das Glücksempfinden eine Rolle spielen. Ein Beispiel für einen solchen genetischen Glücksfaktor ist das Gen für das Enzym Fettsäure-Amid-Hydrolase, kurz FAAH. „Wir haben festgestellt, dass die nationalen Anteile der subjektiv sehr glücklichen Menschen konsistent und hochgradig mit der Häufigkeit des A-Allels im FAAH-Gen korreliert sind“, berichten Michael Mikov von der Varna Universität in Rumänien und seine Kollegen.

Wie die Wissenschaftler erklären, hemmt das A-Allel des FAAH-Gens den chemischen Abbau von Anandamid. Dieser Botenstoff ist unter anderem dafür bekannt, Sinneseindrücke zu intensivieren. Es scheint daher plausibel, dass Menschen mit dieser Genvariante beispielsweise freudige Erlebnisse intensiver wahrnehmen und sich somit subjektiv glücklicher einschätzen.

Erklärung für nationale Unterschiede

Derartige Unterschiede im Erbgut könnten auch erklären, warum Deutschland trotz bester Rahmenbedingungen im internationalen Vergleich nie ganz vorne unter den Ländern mit den glücklichsten Bewohnern liegt. Denn tatsächlich ist das Glücklichmacher-Allel bei uns Mitteleuropäern weniger stark vertreten als etwa bei Nordeuropäern wie den Norwegern und Dänen – Landsleuten, die sich häufig als sehr glücklich bezeichnen.

Wie zeigt sich Glück auf neurobiologischer Ebene?

Blick ins glückliche Gehirn

Was passiert eigentlich im Gehirn, wenn wir uns glücklich fühlen? Einen entscheidenden Hinweis auf die neurobiologische Grundlage des Glücks entdeckte der US-amerikanische Psychologe James Olds bereits in den 1950er Jahren. Bei Versuchen mit Ratten stellte er damals fest, dass diese die Stimulation einer bestimmten Hirnregion ganz besonders mochten.

Gehirn
Wie zeigt sich Glück im Gehirn? © Butengultek/ istock

Als er den Nagern ermöglichte, diesen Bereich per Knopfdruck selbst zu stimulieren, geschah etwas Frappierendes: Die Tiere drückten den Knopf immer und immer wieder – und vergaßen darüber sogar, sich um grundlegende Bedürfnisse wie Durst, Hunger und Schlaf zu kümmern. Weil für sie nur noch das angenehme Gefühl zählte, brachen sie reihenweise zusammen: Olds hatte einen Teil des Belohnungssystems entdeckt.

Schlüsselstoff Dopamin

In den folgenden Jahren begannen Wissenschaftler, die Funktionsweise dieses komplexen Systems im Gehirn genauer zu erforschen. Heute wissen wir: Passiert etwas Positives, stoßen Neuronen im Mittelhirn den Botenstoff Dopamin aus. Diese als Glückshormon bekannte Substanz wirkt wiederum auf Regionen im Vorderhirn wie den Nucleus accumbens und löst dort die Freisetzung von Endorphinen und anderen Stoffen aus. Als Folge fühlen wir uns glücklich, euphorisiert und auch Schmerzen nehmen wir nur noch gedämpft wahr.

Gleichzeitig wirkt das Dopamin aber auch auf andere Strukturen – und verursacht etwas Entscheidendes: Wir merken uns das glücklich machende Ereignis. Auf diese Weise lernen wir, was uns guttut und sind motiviert, diesen Moment des Glücks zu wiederholen. Dieser Effekt ist nützlich, wenn das Glückserlebnis zum Beispiel durch eine sättigende Mahlzeit, sportliche Betätigung oder eine bestandene Prüfung hervorgerufen wurde.

Bier trinken
Wer lernt, Alkohol mit einem guten Gefühl zu assoziieren, kann leicht in die Sucht abrutschen. © ViewApart/ istock

Vom Glück zur Sucht

Doch leider lässt sich das Belohnungssystem auch durch Aktivitäten stimulieren, die weniger gut für uns sind – etwa durch Tabak-, Alkohol- oder Drogenkonsum. Der eigentlich sinnvolle Lerneffekt kann in diesen Situationen dazu führen, dass Menschen abhängig werden: Sie greifen immer wieder zu Zigarette, Weinglas oder Heroin-Spritze, weil sie diese Tätigkeiten mit einem guten Gefühl verbinden. Schon der Anblick einer anderen rauchenden Person, kann bei Rauchern das Belohnungssystem aktivieren. Glücksgefühle und Sucht, sie sind im Gehirn untrennbar miteinander verbunden.

Lässt sich Zufrieden-Sein trainieren?

Geschmiedetes Glück

„Jeder ist seines Glückes Schmied“: Der Volksmund behauptet, dass Glück nicht nur von genetischer Veranlagung und äußeren Einflüssen bestimmt wird. Stattdessen kann angeblich jeder Einzelne von uns selbst für sein Glück sorgen. Doch stimmt das wirklich? Diese Frage ist auch für Mediziner von Interesse.

Denn gäbe es Wege, Menschen dazu zu bringen, sich selbst glücklicher zu machen, würden sich damit unter anderem neue Möglichkeiten zur Prävention psychischer Erkrankungen öffnen. So gilt inzwischen als unbestritten, dass nichts besser gegen negative Folgen von Schicksalsschlägen wappnet als eine positive Lebenseinstellung. Zudem trotzen glückliche Menschen körperlichen Leiden leichter und sie haben eine höhere Lebenserwartung.

Smiley
Glücklich-Sein - kann man das üben? © Media Trading Ltd/ istock

Bewusste Alltagsgestaltung

Der Forschungszweig der positiven Psychologie hat inzwischen tatsächlich Hinweise darauf gefunden, dass Menschen Zufriedenheit wie eine Fremdsprache lernen können. Demnach sind auch von Natur aus eher griesgrämige Personen dazu in der Lage, ihr subjektives Glücksempfinden zu einem gewissen Grad zu steigern: Indem sie das Gehirn immer wieder gezielt positiven Situationen aussetzen.

Dies gelingt zum Beispiel, indem man seinen Alltag bewusst aktiv gestaltet und viel Neues ausprobiert, aber auch durch das Schaffen von Situationen, die sich relativ schnell erfolgreich abschließen lassen – zum Beispiel das Bad putzen, die Hecke schneiden oder eine Runde Joggen. Denn wer etwas gezielt und erfolgreich erledigt, der aktiviert sein Belohnungssystem und schüttet Glücksbotenstoffe aus.

Unglückliche Glücksjäger

Klar ist allerdings, dass Glücklich-Sein auch nicht erzwungen werden kann. Ironischerweise bewirkt ein übereifriges Streben nach Glück mitunter sogar genau das Gegenteil, wie Psychologen um Sam Maglio von der University of Toronto in Scarborough kürzlich festgestellt haben.

Personen, die ständig versuchen, noch glücklicher zu werden, haben im Alltag demnach häufig das Gefühl, zu wenig Zeit zu haben – und das wiederum macht sie unglücklich. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Jagd nach dem Glück bei unseren Probanden dazu führte, dass sie Zeit als rar wahrnahmen und das Gefühl hatten, nicht voranzukommen“, berichtet Maglio.

Das Glück ist schon da

Er vergleicht diese Situation mit einem Nager im Hamsterrad – und hat einen Rat an alle nach Glück Strebenden: „Es hilft, wenn man Glück nicht als Ziel betrachtet, das ständig weiterverfolgt werden muss – sondern als etwas, das schon längst um uns ist.“ So zeigte sich: Sollten die Studienteilnehmer aufschreiben, welche Dinge sie bereits heute haben und tun, die zeigen, dass sie eine glückliche Person sind, fühlten sie sich sofort besser.