Clips lösen nachhaltiges Wohlgefühl aus und vertreiben sogar ein schlechtes Gewissen Skurril: Katzenvideos als Forschungsobjekt - scinexx | Das Wissensmagazin
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Clips lösen nachhaltiges Wohlgefühl aus und vertreiben sogar ein schlechtes Gewissen

Skurril: Katzenvideos als Forschungsobjekt

Was macht Katzenbilder und -videos so unwiderstehlich? © Mike Bridavsky/www.lilbub.com

Heute schon ein Katzenvideo angeklickt? Falls ja, sind Sie in guter Gesellschaft, denn die Katzenclips sind der absolute Renner im Internet. Warum sie geguckt werden und von wem, hat nun eine US-Forscherin untersucht – mit interessanten Ergebnissen. Die Videos tun demnach mehr als nur zu unterhalten: Sie können unsere Stimmung anhaltend positiv beeinflussen und geben sogar neuen Schwung fürs Weiterarbeiten.

Es ist ein echtes Phänomen: Allein im Jahr 2014 erhielten Katzenvideos auf Youtube fast 26 Milliarden Klicks, zwei Millionen neue Clips von den tollpatschigen, niedlichen oder skurrilen Vierbeinern wurden neu auf Youtube gepostet. „Wir alle haben schon mal ein Katzenvideo online angeschaut, aber warum so viele von uns dies tun und welchen Effekt dies hat, wurde bisher kaum empirisch untersucht“, erklärt Jessica Myrick von der Indiana University.

7.000 Katzenvideo-Gucker als Probanden

Die Forscherin hat daher nun dieses Phänomen der Populärkultur einmal genauer unter die Lupe genommen. „Einige Leute denken vielleicht, dass Katzenvideos im Netz kein ernsthaftes Forschungsthema sind“, sagt Myrick. „Aber diese Videos sind eines der populärsten Themen im Internet. Wenn wir dieses Phänomen besser verstehen wollen, kommen auch Wissenschaftler um die Katzenvideos nicht herum.“

Für ihre Studie untersuchte die Forscherin an knapp 7.000 Teilnehmern, wer Katzenvideos anschaut, warum und was dies für Effekte auf die Stimmung und Psyche hat. Dies ermittelte sie mit Hilfe von ausführlichen Fragebögen, aus denen sich der Persönlichkeitstyp der Probanden, ihre Stimmung vor und nach dem Videoschauen und ihre Motivation entnehmen ließen.

Aufschieben

Die Ergebnisse enthüllen, wann und warum so viele von uns Katzenvideos anklicken: Meist dienen sie als willkommene Abwechslung – und als Ausrede, um eine unangenehme Aufgabe noch ein bisschen länger vor sich herzuschieben. Viele Teilnehmer schauten die Clips während der Arbeitszeit oder beim Lernen, beispielsweise um ein kurzes Tief zu überwinden. Nur ein Viertel hatte dabei gezielt nach Katzenvideos gesucht, der Rest blieb hängen, weil sie auf Facebook, Youtube oder Buzzfeed zufällig auf einen solchen Clip stießen.

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Auch wer am ehesten Katzenvideos schaut, fand Myrick heraus. Denn die Studie ergab einen Zusammenhang zwischen bestimmten Persönlichkeits-Merkmalen und dem Hang zum Katzengucken. Demnach sind es besonders die eher schüchternen und verträglichen Menschen, die sich diese Videos anschauen. Ein Katzenbesitzer muss man dagegen nicht unbedingt sein: Nur rund 36 Prozent der Teilnehmer beschrieben sich selbst als „Katzenmensch“ oder besaßen einen Stubentiger.

Allein dieses Video von Katzen, die ihre Besitzer ärgern, hat mehr als vier Millionen Klicks© Tiger Productions

Nachhaltiger Positiv-Effekt

Und noch etwas zeigte sich: Die Katzenvideos lösen mehr aus als nur ein kurzes „Ach wie süß!“. Denn unabhängig von der Persönlichkeit verursachen sie beim Zuschauer ein anhaltendes Wohlgefühl und geben neue Energie, wie Myrick berichtet. Das hilft nicht nur gegen das kurze Tief zwischendurch – es macht nicht einmal schlechtes Gewissen. Denn die Aufheiterung wog bei den Studienteilnehmern sogar das Schuldgefühl auf, das normalerweise beim Aufschieben entsteht.

Zusätzlicher Positiv-Effekt: „Selbst wenn man Katzenvideos schaut, um etwas aufzuschieben oder während man eigentlich arbeite sollte – der emotionale Gewinn kann sogar dabei helfen, unangenehme Aufgaben hinterher umso energischer anzugehen“, sagt Myrick. Ihrer Ansicht nach könnten die Katzenvideos daher sogar als eine Art Therapie dienen. Zumindest bei kleinen Krisen geben sie den emotionalen Schubs, der aus dem Stimmungstief heraushilft.

Die Ergebnisse passen relativ gut zur Theorie des Mood-Management, die der US-Psychologe Dolf Zillmann vor knapp 25 Jahren entwickelte. Nach dieser wählen wir genau die Videos, Bilder oder TV-Sendungen aus, die uns entweder in eine gute Stimmung versetzen oder die unsere momentane Befindlichkeit ausgleichen. Sind wir beispielsweise eher angespannt oder unglücklich, suchen wir unwillkürlich Medieninhalte, die entspannen und lustig sind. (Computers in Human Behavior, 2015; doi: 10.1016/j.chb.2015.06.001)

(Indiana University, 18.06.2015 – NPO)

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