In San Francisco haben private Fahrdienste die Verkehrslage sogar verschlimmert Mehr Staus durch Uber und Co - scinexx | Das Wissensmagazin
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In San Francisco haben private Fahrdienste die Verkehrslage sogar verschlimmert

Mehr Staus durch Uber und Co

Ridesharing
Private Fahrtvermittler wie Uber, Lyft und Co boomen – aber was bringen sie für den notorisch stockenden Stadtverkehr? © Jetcityimage/ iStock

Schlimmer statt besser: Private Fahrdienste wie Uber oder Lyft tragen offenbar wenig zur Entlastung des Stadtverkehrs bei – im Gegenteil. In San Francisco sind solche App-vermittelten Fahrten inzwischen sogar die Hauptverursacher für Staus und verstopfte Straßen, wie Forscher jetzt ermittelt haben. Autofahrer verlieren in der Stadt rund 40 Prozent mehr Zeit im Verkehr, als es ohne die rasante Zunahme von Uber und Co der Fall wäre, berichten sie im Fachmagazin „Science Advances“.

Sie sind günstig, praktisch und inzwischen fast weltweit verbreitet: Private Fahrtvermittlungen wie Uber, Lyft und Co boomen. Im Gegensatz zu Taxiunternehmen nutzen sie keine professionellen Fahrer, sondern jeder kann per App Mitfahrer akquirieren oder sich von einem privaten Autofahrer mitnehmen lassen. Theoretisch sind diese Dienste damit eine Möglichkeit, Autos besser auszunutzen und die Zahl der Einzelfahrten zu senken. Das könnte den Verkehr entlasten – so jedenfalls das Argument der Anbieter.

San Francisco als Modellbeispiel

Aber funktioniert das in der Praxis auch? Bisher sind die Daten dazu eher widersprüchlich, wie Gregory Erhardt von der University of Kentucky und seine Kollegen erklären. Denn eine Verkehrsentlastung bringen diese Fahrdienste nur dann, wenn die Mitfahrten die Nutzung des eigenen PKW ersetzen – nicht aber, wenn man sonst öffentliche Verkehrsmittel, ein Taxi oder das Fahrrad genommen hätte.

Um den Effekt von Uber und Co auf den Stadtverkehr zu untersuchen, haben Erhardt und sein Team zunächst Daten der beiden Vermittlungsdienste Uber und Lyft für die Stadt San Francisco ausgewertet. Die Fahrdienstdaten des Jahres 2016 verrieten ihnen für jeden Straßenzug der Stadt, wann und wie viele Mitfahrer aufgenommen und wieder abgesetzt wurden.

Dann nutzten die Forscher Daten der Verkehrsbehörden und ein von diesen genutztes Modell, um das Verkehrsaufkommen, Staus und andere Behinderungen nachzuvollziehen. Im letzten Schritt schließlich modifizierten sie das Modell so, dass es basierend auf allen Daten die Verkehrslage in San Francisco von 2010 bis 2016 einmal mit und einmal ohne die Fahrdienste wiedergab.

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Mehr Staus statt weniger

Das überraschende Ergebnis: Der Boom der Fahrdienste hat den Verkehr in San Francisco keineswegs entlastet. Stattdessen müssen Autofahrer inzwischen dadurch sogar mehr Verzögerungen im Stadtverkehr in Kauf nehmen, wie der Modellvergleich enthüllte. Demnach benötigten die Autofahrer im Jahr 2016 wochentags rund 62 Prozent länger für ihren Weg als noch 2010. Im Szenario ohne Uber und Co hätten sie jedoch nur 22 Prozent länger gebraucht. Besonders stark erhöhte sich das Stauaufkommen dabei abends in der Innenstadt – auch durch das Ein- und Aussteigen der Passagiere.

Die Daten enthüllten zudem, dass durch die Fahrdienste nicht weniger Autos in der Stadt unterwegs waren, sondern eher mehr: Ohne Uber und Co hätten sich die Fahrstunden aller Autos in San Francisco in den gut fünf Jahren um zwölf Prozent erhöht, mit den Fahrdiensten stieg die Nutzungsdauer um 30 Prozent, wie die Forscher berichten. Auch die Fahrzeugmenge in der Stadt sei durch Uber und Co nicht gesunken. Als Anreiz, auf ein eigenes Auto zu verzichten, funktionierten die Fahrdienste zumindest in San Francisco demnach nicht.

Staubringer statt Problemlöser

Insgesamt ist damit der Effekt von Uber und Co auf den Stadtverkehr eher negativ: „Fahrdienste sind der größte Beitrag zum wachsenden Stauproblem in San Francisco“, so Erhardt und sein Team. „Ihr Effekt übersteigt selbst die kombinierte Wirkung von Bevölkerungswachstum, steigenden Beschäftigungszahlen und Netzwerkveränderungen.“ Entgegen den Argumenten der Betreiber ersparen die meisten Fahrten von Uber und Co zudem keine Einzelfahrten oder Privatautos, sondern bringen sogar zusätzliche Autos auf die Straßen der Stadt.

Zwar stammen diese Daten nur aus San Francisco und gelten damit sicher nicht für alle Städte weltweit. Doch bei ähnlichen Ballungsräumen mit großer Dichte und relativ gut ausgebauten Vekehrssystemen könnten die Auswirkungen ähnlich sein. „Unsere Ergebnisse stimmen mit denen einer aktuellen Studie in New York überein, die ebenfalls eine Zunahme der Staus und Fahrtverzögerungen durch die Fahrdienste feststellte“, berichten die Forscher.

Wichtig für künftige Verkehrskonzepte

Nach Ansicht von Erhardt und seinen Kollegen sollten solche negativen Folgen von Uber und Co auch von Verkehrsplanern und kommunalen Entscheidern berücksichtigt werden – unter anderem wenn es um die Regulierung solcher Fahrvermittlungsdienste geht. „Unsere Ergebnisse liefern Einblicke in die zu erwartenden Veränderungen in Großstädten, wenn solche Fahrdienste weiterwachsen“, so die Forscher. „Das kann helfen, informierte Entscheidungen darüber zu treffen, wie die Fahrdienste in das existierende Verkehrssystem integriert werden können.“ (Science Advances, 2019: doi: 10.1126/sciadv.aau2670)

Quelle: Science Advances

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