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Handy-App als akustische Wasserwaage

Programm macht hörbar, ob ein Bild gerade hängt oder der Tisch richtig steht

Tiltification
Die Handy-App "Tilitifaction" zeigt Schräglagen nicht nur visuell an, sondern meldet sie auch akustisch – über psychoakustische Sonifikation. © Varun Raval / Universität Bremen

Schräglagen am Ton erkennen: Eine neue Handy-App hilft dabei, Bilder gerade aufzuhängen oder die Waschmaschine waagerecht zu stellen – ohne Helfer oder Hingucken. Das kostenlose Programm nutzt die Sensoren des Smartphones, um die Neigung zu ermitteln und zeigt die Schieflage auf dem Display, aber auch über einen Ton an. Dadurch fungiert die App als akustische Wasserwaage und kann beispielsweise auch von Blinden genutzt werden.

Wer schon einmal versucht hat, ein Bild im Alleingang gerade aufzuhängen, kennt das Problem: Eigentlich benötigt man zwei Augenpaare, um die Ausrichtung solcher Objekte einzuschätzen. Ähnlich schwierig kann es sein, die Kamera für ein Foto genau waagerecht auszurichten. Eine Wasserwaage kann zwar helfen, ist aber oft umständlich zu handhaben, vor allem wenn man keine Hand frei hat und die Augen anderswo hinschauen müssen.

Handysensoren als Neigungsmesser

Abhilfe könnte hier eine akustische Wasserwaage schaffen – eine Handy-App, die mittels Tonhöhe anzeigt, ob ein Objekt gerade ist oder nicht. Entwickelt wurde die App „Tiltification“ von Studierenden am Spatial Cognition Center (BSCC) der Universität Bremen. „Die Handy-App nutzt die Sensoren, die in praktisch jedem Smartphone verbaut sind“, erklärt Projektleiter Tim Ziemer. Die Auflösung liegt dabei bei hunderten Datenpunkten je Raumdimension zu dutzenden Zeitpunkten pro Sekunde.

Um die Ausrichtung eines Bilds, Regalbretts oder anderen Objekts zu messen, reicht es, einfach das Handy darauf zu platzieren. „Man kann zum Beispiel einen Tisch horizontal ausrichten, indem man einfach das Gerät drauflegt“, sagt Ziemer. Das Programm ermittelt dann über Handy-Sensoren den Neigungswinkel des Geräts und damit auch des Tisches.

Rückmeldung über „Sonifikation“

Der Clou dabei: „Neben einer grafischen Darstellung teilt Tiltification die beiden Winkel des Handys auch per Klang mit“, sagt Ziemer. Bei waagegerechter Ausrichtung ertönt ein klarer Sinuston, bei Schräglage verändert sich die Tonlage, gleichzeitig mischen sich immer mehr Störeffekte in die akustische Rückmeldung. Auf diese Weise kann man auch ohne Hinzuschauen direkt am Ton austesten, in welche Richtung die Lage korrigiert werden muss.

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Damit funktioniert die „Tiltification“-App im Prinzip wie eine akustische Wasserwaage. Bei einer solchen Darstellung von Daten über Klänge sprechen Wissenschaftler von psychoakustischer Sonifikation. „Eine primitive Form der Sonifikation kennt man vielleicht aus dem akustischen Parkassistenten des Autos“, erklärt Ziemer. Die Einparkhilfe verrät über den Abstand der Töne, wie weit das Hindernis noch entfernt ist.

Hilfreich auch für blinde Menschen

Nach ähnlichem Prinzip funktioniert auch die akustische Wasserwaage fürs Handy. „Unser Klang kann aber deutlich mehr Informationen tragen“, sagt der Forscher. „Tiltification macht diese hochmoderne Technik nun für jeden zugänglich – in einer einfachen, aber nützlichen App.“ Gleichzeitig mache die App auch bewusst, wie präzise das menschliche Gehör Klänge analysieren kann, und umgekehrt, wie informativ Klang sein kann.

Anwendungsmöglichkeiten für die App sehen seine Schöpfer überall: Tiltification kann die herkömmliche Wasserwaage in vielen Fällen ersetzen, um zum Beispiel ein Bild an der Wand zu befestigen, Schränke geradezurücken oder dafür zu sorgen, dass die Kamera keine schiefen Bilder macht. Besonders hilfreich könnte die akustische Wasserwaage aber für die Menschen sein, die eine Sehschwäche haben oder blind sind: Sie richten sich einfach nach ihren Ohren, wenn es um die richtige Ausrichtung von Objekten geht.

Die „Tiltification“-App ist kostenlos im Apple App-Store und bei Google Play zum Download verfügbar.

Quelle: Universität Bremen

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