Kurzzeitige Freisetzung von mehr als 10.000 Terabecquerel, Stufe 7 der INES-Skala Fukushima so schlimm wie Tschernobyl - scinexx | Das Wissensmagazin
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Fukushima so schlimm wie Tschernobyl

Kurzzeitige Freisetzung von mehr als 10.000 Terabecquerel, Stufe 7 der INES-Skala

INES-Skala © gemeinfrei

Die japanische Atomaufsicht hat die Katastrophe von Fukushima jetzt auf Stufe 7 der Internationalen Skala für nukleare Ereignisse (INES) hochgestuft. Damit ist die Havarie im japanischen Atomkraftwerk nun auch offiziell mindestens ebenso gravierend wie das Reaktorunglück von Tschernobyl vor fast genau 25 Jahren. Während Forderungen nach einer Ausweitung der Evakuierungszone anhalten, haben Strahlenschutzexperten der Umweltorganisation Greenpeace gesundheitsgefährdende Strahlenwerte noch 60 Kilometer vom Reaktor entfernt gemessen.

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Bisher galt das Reaktorunglück von Tschernobyl vom 26. April 1986 als der größte Atomunfall aller Zeiten. Er stand als einziger auf der Internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES) auf Stufe 7. Offiziell ist diese Stufe erreicht, wenn eine erhebliche Freisetzung von Radioaktivität in die Umwelt erfolgt, äquivalent dem Entweichen von mindestens einigen zehntausend Terabecquerel Iod-131. Außerdem, wenn eine Verseuchung und damit gesundheitliche Spätschäden über große Gebiete zu erwarten sind.

Kurzzeitig mehr als 10.000 Terabecquerel freigesetzt

Jetzt, genau einen Monat nach dem Erdbeben und Tsunami am 11. März 2011, die die Kühlung im japanischen Kraftwerk Fukushima Daiichi ausfallen ließen, gibt die japanische Atomaufsichtsbehörde erstmals auch offiziell zu, dass dort höhere Mengen an Radioaktivität ausgetreten sind. In den ersten Tagen nach Beginn der Havarie, so die Behörde, sei für mehrere Stunden die Grenze von 10.000 Terabecquerel überschritten worden. Diese Werte seien jetzt aber wieder gesunken. Wie weit, darüber herrscht allerdings noch immer Unklarheit.

Evakuierungszone um einige Orte ausgeweitet

Bisher hatte die japanische Regierung die Evakuierung nur eines 20 Kilometer Umkreises um die Reaktoren angeordnet, was international für zunehmende Kritik sorgte. Jetzt sollen auch fünf Orte innerhalb des 30 Kilometer Umkreises evakuiert werden, wobei Regierungssprecher Yukio Edano betonte, dass dies nicht sofort geschehen müsse. Messungen sollen in diesen Gebieten aber eine erhöhte Radioaktivität ergeben haben, so dass eine langfristige Gesundheitsgefährdung der Bewohner möglich sei.

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„Die Menschen in Fukushima City und in Koriyama müssen Langzeitfolgen befürchten, Kinder sind besonders gefährdet“, erklärte Thomas Breuer, Leiter des Klima- und Energiebereiches von Greenpeace Deutschland vor Ort in Tokio. „Die japanische Regierung muss endlich handeln. Es fehlen klare Informationen und ausreichende Maßnahmen, um die Bevölkerung zu schützen. Die Regierung kann nicht so tun als gehe das Leben einfach weiter.“ Seine Kollegin, die Strahlenschutzexpertin Rianne Teule ergänzt: „In Tschernobyl hat man die Gebiete geräumt, in denen die Strahlung oberhalb von fünf Millisievert pro Jahr lag. In Japan lässt man die Menschen einfach in der radioaktiven Zone ausharren.“

Gemüse und Böden verstrahlt

Strahlenschutzexperten von Greenpeace haben sogar noch rund 60 Kilometer entfernt von der Atom-Ruine Fukushima Daiichi deutlich gesundheitsgefährdende Radioaktivität im Boden festgestellt. Teams der Umweltorganisation führen seit dem 11. März an verschiedenen Orten rund um die Atomanlage Fukushima Daiichi unabhängige Strahlenmessungen durch. Die Teams entdeckten in Gemüseproben aus Gärten und in einem Supermarkt in Fukushima City, Koriyama und Minamisoma radioaktive Belastungen, die die behördlichen Grenzwerte überschritten. Mindestens eine der Proben kann aufgrund der hohen Strahlung als Atommüll bezeichnet werden. In Ortschaften wie Iitate und Namie wurden zudem derart hohe Kontaminationen gemessen, dass sie sofort evakuiert werden sollten.

Auf einem Spielplatz in Fukushima City fand das Team der unabhängigen Umweltschutzorganisation Werte von bis zu vier Mikrosievert pro Stunde, 2,8 Mikrosievert pro Stunde waren es in einem Schrein in der Stadt Koriyama. Aus einer Analyse der Bodenproben an der Kyoto-Universität geht hervor, dass 80 Prozent der Radioaktivität von Cäsium-Isotopen stammen. Die Kontamination sei so hoch, dass die maximal tolerierbare Dosis für die Bevölkerung von 1.000 Mikrosievert pro Jahr in wenigen Wochen aufgenommen würde. Cäsium 137 hat eine Halbwertzeit von rund 30 Jahren, Cäsium 134 von zwei Jahren.

Mehr Informationen finden Sie in unserem Special: „Atomunfall in Japan“.

(Greenpeace, Kyodo, dpa, 12.04.2011 – NPO)

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