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Wie man das Vergessen verzögert

Selektives Abrufen kurz nach dem Lernen setzt "Vergessens-Timer" zurück

Gehirn
Selektives Abrufen einiger Lerninhalte kann die Erinnerung auch beim Rest wachhalten. © Sebastian Kaulitzki/ iStock.com

Ausgetrickstes Gedächtnis: Normalerweise lässt unsere Erinnerung schon kurz nach dem Lernen stark nach. Doch wenn man einen Teil der Information eine halbe Stunde später wieder abruft, verzögert dies das Vergessen – auch der nicht ins Gedächtnis gerufenen Lerninhalte, wie ein Experiment zeigt. Dies belegt, dass das selektive Abrufen den zeitabhängigen Prozess des Vergessens für den gesamten Kontext quasi auf Null zurücksetzt. Diese Erkenntnis könnte beim Lernen helfen, aber auch bei der Befragung von Zeugen.

Unsere Erinnerungen prägen unser Fühlen, Denken und Erleben – und erst sie ermöglichen das Lernen und das Sammeln neuer Erfahrungen. Doch das Gedächtnis ist mehr als nur eine Art mentale Festplatte: Erinnern und Vergessen sind dynamische Prozesse, durch die sich auch das bereits Abgespeicherte noch verändern kann. So können neue Eindrücke das Erinnerte verstärken, ergänzen oder auch überschreiben. Gelerntes verblasst zudem mit der Zeit – es wird nach und nach vergessen.

Verblassende Erinnerungen

Aus Studien ist bekannt, dass die Gedächtnisleistung einem bestimmten zeitlichen Ablauf folgt: Schon kurz nach dem Abspeichern verblassen erste Details des Gelernten besonders schnell, später flacht sich die Vergessenskurve dann ab. Dadurch erinnern wir uns an Informationen immer schlechter, je mehr Zeit vergangen ist. Das aber kann sich ändern, wenn wir die Erinnerung zwischendurch auffrischen – beispielsweise indem wir die uns die gelernten Vokabel nochmal ins Gedächtnis rufen.

Das Abrufen der Erinnerung kann demnach das zeitabhängige Vergessen unterbrechen. „Allerdings war unklar, ob diese Unterbrechung nur kurzlebig ist oder ob sie länger anhält und quasi die Uhr des Vergessens neu startet“, erklären Karl-Heinz Bäuml und Lukas Trißl von der Universität Regensburg. Rätselhaft auch: Studien zeigen, dass das selektive Abrufen nicht nur die Erinnerungen stärkt, die man noch einmal ins Gedächtnis ruft, sondern auch andere zur gleichen Zeit gelernte Informationen.

Gedächtnistests mit Wörtern

Um zu klären, was hinter diesen Phänomen steckt, haben Bäuml und Trißl den Effekt des selektiven Abrufens genauer untersucht. Dafür lernten insgesamt gut 700 Studierende zunächst eine Liste von 15 Wörtern oder eine kurze Testpassage. Die Probanden der Kontrollgruppen wurden einige Zeit anderweitig beschäftigt, bevor sie in einem Gedächtnistest das Gelernte wiedergeben sollten. Die Abstände des Tests zum Lernzeitpunkt variierten dabei je nach Untergruppe.

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Die restlichen Teilnehmer durchliefen zwischen Lernen und Test ein selektives Abrufen: Sie sahen die Anfangsbuchstaben von zehn der 15 Wörter als Erinnerungshilfe und sollten die Wörter aus dem Gedächtnis ergänzen. Diese Aufgabe fand je nach Untergruppe 30 Minuten bis drei Stunden nach dem Lernen statt. Auch bei diesen Probanden folgte dann in unterschiedlichem Abstand der eigentliche Gedächtnistest.

ERinnern
Selektiver Gedächtnisabruf startet das zeitabhängige Vergessen neu. © Trißl und Bäuml/ PNAS, /CC-by-nc-nd 4.0

Besseres Erinnern nach Zwischenabruf

Das Ergebnis: Wie erwartet ließ die Erinnerung an das Gelernte in allen Gruppen mit der Zeit nach. Je länger Abstand zum Einprägen, desto weniger Wörter fielen den Teilnehmenden noch ein. Doch dabei gab es deutliche Unterschiede: Diejenigen, die zwischendurch einen Teil der Wörter nochmal abgerufen hatten, konnten sich besser und länger an die Informationen erinnern. „Direkt nach dem selektiven Abrufen war die Erinnerung an die abgerufenen, aber auch die nicht abgerufenen Wörter verbessert“, berichten die Forscher.

Die Gedächtnisleistung der Probanden wurde demnach durch das selektive Abrufen gestärkt und der zeitliche Verlauf des Vergessens verzögert. Dies sorgte dafür, dass die Erinnerung kurz nach dem Zwischenabrufen wieder so klar war, wie sonst nur unmittelbar nach dem Lernen. Insgesamt führte dieser „Reset“ dazu, dass die Teilnehmer auch einige Stunden später noch bessere Gedächtnisleistungen zeigten als die Kontrollgruppe.

Vergessens-Uhr zurück auf Null gestellt

„Dies demonstriert, dass das selektive Abrufen das zeitabhängige Vergessen unterbricht“, schreiben Bäuml und Trißl. „Dieser anfängliche Erinnerungs-Booster ist mehr als nur eine kurzlebige Verbesserung des Gedächtnisses – er bewirkt einen Neustart des zeitabhängigen Vergessens für diese Information.“ Indem ein Teil des Gelernten noch einmal ins Gedächtnis gerufen wird, wird die Uhr des Vergessens quasi wieder auf Null gestellt.

Nach Ansicht der Forscher stützt dies die Theorie, nach der ein wiederholtes Aufrufen Gedächtnisinhalte einfacher zugänglich macht. Die Verknüpfungen, die die Informationen ins Bewusstsein holen, werden gestärkt und dadurch findet unser Gehirn das Gespeicherte besser wieder. Letztlich ist dies genau der Effekt, durch den ständiges üben und sich Testen beispielsweise beim Vokabeln lernen hilft.

Kontext-Effekt stärkt auch nichtabgerufene Inhalte

Interessant jedoch: Das verzögerte Vergessen gilt sowohl für die selektiv abgerufenen Inhalte als auch für die restlichen, zur gleichen Zeit gelernten Informationen. Die Testpersonen konnten sich auch an die anderen, nicht noch einmal wiederholten Wörter besser und länger erinnern. Doch diese Wörter können sich nicht durch Wiederholung besser eingeprägt haben – sie wurden ja nicht wiederholt.

Was aber steckt dann dahinter? Die Forscher vermuten, dass dies mit einem zusätzlichen, umfassenderen Erinnerungseffekt zu tun hat: „Vermutlich stellt selektiver Abruf den räumlich-zeitlichen Kontext, so wie er beim Einspeichern der Informationen vorlag, im Gedächtnis wieder her“, sagt Bäuml. „Dieser reaktivierte Kontext fungiert dann als Schlüssel, um die scheinbar vergessenen Inhalte wieder zum Leben zu erwecken.“

Relevant fürs Lernen und Zeugenbefragungen

Diese Erkenntnisse erklären einige Alltagserfahrungen beim Lernen und geben gleichzeitig Hinweise darauf, wie man seinem Gedächtnis auf die Sprünge helfen kann. Demnach hilft es besonders, wenn man etwa eine halbe Stunde nach dem Lernen einen Teil der Informationen noch einmal abruft. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass man sich später auch an die dabei nicht abgerufenen Lerninhalte besser erinnert.

Relevant könnte dies auch für andere Alltagssituationen sein, beispielsweise die Befragung von Zeugen: Möglicherweise ist es sinnvoll, anfangs zunächst auf die Schnelle ein paar Erinnerungen abzufragen. Das könnte es den Zeugen erleichtern, sich später auch an Details besser zu erinnern. „Die Befunde liefern damit auch eine post-hoc Rechtfertigung für die Vorgehensweise bei manchen Befragungs- und Interviewtechniken“, so Bäuml. (Proceedings of the National Academy of Sciences, 2022; doi: 10.1073/pnas.2114377119)

Quelle: Universität Regensburg

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