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„Super-Recogniser“ auf dem Prüfstand

Experiment klärt Besonderheiten von Menschen mit perfekter Gesichtserkennung

Gesichter
Sogenannte "Super-Recogniser" besitzen ein fast perfektes Gedächtnis für Gesichter. Aber was steckt neuropsychologisch dahinter? © Boarding1Now/ Getty images

Faszinierendes Phänomen: Einige Menschen vergessen nie ein Gesicht und erkennen diese selbst nach Jahrzehnten wieder – aber warum? Ein Experiment enthüllt, dass solche Super-Recogniser ein neues Gesicht anders visuell abtasten als normale Menschen: Sie fokussieren weniger auf die Augen, sondern durchmustern alle Gesichtspartien und speichern deren Merkmale offenbar als einzelne „Puzzleteile“ ab. Dadurch können sie selbst kleine Ausschnitte von Gesichtern noch wiedererkennen.

Schon ein Blick reicht – jedenfalls für die meisten Menschen: Dank unserer Fähigkeit zur Gesichtserkennung können wir innerhalb von Sekundenbruchteilen Bekannte, Freunde und Verwandte von Fremden unterscheiden. Unser Gehirn hat dafür sogar ein eigenes Hirnareal. Allerdings ist die Fähigkeit, sich Gesichter zu merken, nicht bei allen Menschen gleich gut: Einige sind gesichtsblind und erkennen selbst das Gesicht ihrer Eltern nicht, andere vergessen ein einmal gesehenes Gesicht nie mehr – sie sind sogenannte Super Recogniser.

Was steckt dahinter?

Doch was steckt hinter dem absoluten Gesichtsgedächtnis der Super-Recogniser? Klar scheint, dass diese Fähigkeit nichts mit Training oder einem allgemein fotografischen Gedächtnis zu tun hat: Wer sich an jedes Gesicht erinnert, kann ansonsten ein völlig durchschnittliches visuelles Gedächtnis haben. Das legt nahe, dass bei solchen Menschen nur die Zentren für die Gesichtserkennung besser oder vielleicht auch anders arbeiten als bei „normalen“ Menschen.

„Bisher ist aber unklar, wie die Verarbeitung der visuellen Informationen bei der Gesichtserkennung genau funktioniert“, erklären James Dunn von der University of New South Wales in Sydney und seine Kollegen. Eine der offenen Fragen ist dabei, ob Super-Recogniser neue Gesichter als eine Einheit – ähnlich einem Schnappschuss – wahrnehmen und sich merken oder ob sie die Merkmale einzeln analysieren und abspeichern.

Gesichter-Test mit Einschränkungen

Um das herauszufinden, stellten die Wissenschaftler 34 Super-Recogniser und 26 „normale“ Vergleichspersonen auf die Probe: Alle Testpersonen sollten sich ihnen unbekannte Gesichter merken, die sie jeweils fünf Sekunden lang gezeigt bekamen. Dabei trugen sie jedoch eine spezielle Messbrille, die je nach Versuchsdurchgang entweder den Blick auf das gesamte Gesicht freigab oder aber das Sichtfeld auf fünf bis 25 Prozent einschränkte. Dadurch mussten die Teilnehmenden die einzelnen Gesichtsbereiche nacheinander abtasten.

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„Dadurch können wir sehr genau erkennen, wohin die Testpersonen blicken, aber auch, welche visuellen Informationen sie nutzen“, erklärt Koautor Sebastien Miellet von der University of Wollongong. Denn auch für den Wiederkennungstest trugen die Testpersonen die Brillen mit verschieden starken Sehfeldbeschränkungen.

Super-Recogniser „scannen“ Gesichter anders

Die Auswertungen enthüllten: „Die Super-Recogniser schnitten in allen Durchgängen besser ab als die Vergleichspersonen – selbst, wenn nur zwölf Prozent des Gesichts auf einen Blick erkennbar waren“, berichtet Dunn. „Solche Super-Gesichtserkenner können demnach das Aussehen eines Gesichts auch aus kleinen, nacheinander angeschauten Stücken besser zusammenfügen.“ Das spreche dagegen, dass die Super-Recogniser Gesichter als holistischen Gesamteindruck wahrnehmen und abspeichern, wie zuvor teilweise vermutet.

Gleichzeitig enthüllte das Experiment, dass die Super-Recogniser ein Gesicht auch anders abtasten als Menschen mit durchschnittlicher Gesichtserkennung: Ihr Blick konzentriert sich weniger stark auf die Augenpartie, stattdessen tasten sie auch andere Teile des Gesichts intensiver ab als normalerweise üblich. „Die Zahl der Fixierungen und ihre Verteilung deuten darauf hin, dass die Super-Recogniser die Informationen effizienter aufnahmen als typische Betrachter“, erklären die Forschenden.

Unterschiede nur quantitativ?

Nach Ansicht von Dunn und seinem Team legen die Ergebnisse ihrer Experimente nahe, dass sich die ungewöhnlichen Fähigkeiten der Super-Recogniser zwar quantitativ, nicht aber qualitativ von der „normalen“ Gesichtserkennung unterscheiden. Denn ähnlich wie alle anderen Menschen auch erstellt ihr Gehirn offenbar keinen fotografischen Schnappschuss eines Gesichts, sondern merkt sich charakteristische Gesichtszüge und Merkmale. „Ihr Vorteil ist aber, dass sie die einzelnen Puzzleteile an visueller Information schnell und sehr akkurat zusammenfügen können“, erklärt Miellet.

Interessant jedoch: Die Unterschiede beim Abtasten eines Gesichts zwischen Super-Recognisern und „normalen“ Vergleichspersonen werden zwar umso deutlicher, je stärker die Super-Gesichtserkenner vom Durchschnitt abweichen. Aber auch am anderen Ende der Skala, bei Menschen mit Gesichtsblindheit, finden sich ganz ähnliche Abweichungen, wie das Team erklärt. Auch Menschen mit Prosopagnosie fokussieren weniger die Augenpartie ihrer Gegenüber und lassen ihren Blick wandern.

„Das ist eine faszinierende Erkenntnis, die darauf hindeuten könnte, dass dieses verstärkte visuelle Abtasten Menschen mit schlechter Gesichtserkennung beim Kompensieren hilft, bei den Super-Recognisern aber zu ihren überdurchschnittlichen Fähigkeiten beiträgt“, erklären Dunn und seine Kollegen. Dies liefere nun spannende Ansatzpunkte für die weitere Erforschung dieses Phänomens. (Psychological Science, 2022; doi: 10.31234/osf.io/z2k4a)

Quelle: Association for Psychological Science

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