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Digitales Teamwork mindert Kreativität

Persönlicher, analoger Austausch liefert mehr kreative Ideen als virtuelle Zusammenarbeit

Videokonferenz
Digitales Teamwork hat sich etabliert, ist aber für die kreative Ideenfindung offenbar wenig günstig. © fizkes / Getty images

Ideenmangel durch Zoom und Co? Das digitale Zusammenarbeiten mittels Video-Meeting geht offenbar zu Lasten der Kreativität, wie ein Experiment mit Testpersonen in fünf Ländern enthüllt. Virtuell kommunizierende Paare kamen bei den Aufgaben auf signifikant weniger kreative Ideen als Vergleichspaare, die im selben Raum zusammenarbeiteten. Eine Ursache dafür vermuten die Forschenden in der verengten visuellen und kognitiven Aufmerksamkeit durch den Bildschirmkontakt.

Die Kreativität ist eine tief in unserer Natur verwurzelte Fähigkeit – erst sie könnte den Menschen zu einer so erfolgreichen Spezies gemacht haben. Unser kreatives Denken umfasst dabei sowohl die Kombination bekannten Wissens zu neuen Lösungen als auch die Entwicklung völlig neuer Ideen abseits gängiger Lösungswege. Als besonders fruchtbar hat sich dabei schon immer das „Brainstorming“ erweisen – der kreative Gedankenaustausch zwischen mehreren Menschen.

Brainstorming
Brainstorming bringt kreative Ideen hervor. © Obradovic / Getty images

Doch diese kreative Zusammenarbeit hat sich mit der Corona-Pandemie drastisch gewandelt: Statt des persönlichen Austauschs vor Ort dominieren nun Videokonferenzen und virtuelle Formen des Teamworks. Dieser Trend zum digitalen Zusammenarbeiten wird nach Schätzungen von Experten auch über das Ende der Pandemie hinaus anhalten. Was aber macht dies mit unserer Kreativität?

Kreative Ideenfindung im Vergleichstest

Genau diese Frage haben nun Melanie Brucks von der Columbia University in New York und Jonathan Levav von der Stanford University in Kalifornien näher untersucht. Sie testeten die kreative Ideenfindung bei gut 600 Studierenden sowie knapp 1.500 Angestellten eines multinationalen Telekommunikations-Konzerns in fünf Ländern. In allen Tests sollten zufällig zusammengestellte Testpaare gemeinsam kreative Lösungen für eine Aufgabe finden.

Der Clou dabei: Die Hälfte der Testpaare arbeitete über Videokonferenzen zusammen, die andere ganz klassisch in einem persönlichen Treffen. Nach Ablauf der Testzeit werteten die Forschenden aus, wie viele Ideen die Testpaare entwickelt hatten und welche sie als besonders lohnend zur Weiterverfolgung ausgewählt hatten. Ein „verblindetes“ Bewertungsgremium stufte zudem ein, wie kreativ die Lösungen waren, ohne dass sie wussten, auf welche Weise diese entstanden waren.

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Mehr Ideen bei analogem Brainstorming

Das Ergebnis fiel überraschend eindeutig aus: Die Teams, die analog kooperierten, kamen auf signifikant mehr Ideen und entwickelten mehr als kreativ bewertete Lösungen als die nur digital kommunizierenden Zweierteams. Dies galt für die Laborexperimente mit den Studierenden genauso wie für die Angestellten der großen Firma. „Das Muster war zudem an allen fünf Standorten replizierbar“, berichten Brucks und Levav.

Nach Ansicht der Forschenden demonstriert dies, dass das bloß digitale Teamwork zumindest bei der kreativen Ideenfindung nicht mit dem persönlichen Austausch mithalten kann. „Unsere Resultate liefern Belege dafür, dass die virtuelle Interaktion die Ideenfindung eher hemmt“, schreiben die Wissenschaftler. Dies deute darauf hin, dass es einen einzigartigen kognitiven Vorteil bei der Mensch-zu-Mensch-Kollaboration gebe.

Wo liegt die Ursache?

Doch was ist der Grund für diesen Unterschied? Um herauszufinden, haben Brucks und Levav ihre Testpersonen während der analogen oder virtuellen Zusammenarbeit genau überwacht: Sie zeichneten Mimik und Blicke der Probanden auf und werteten die Art der Unterhaltung in Bezug auf Sprachmenge, Sprecherwechsel und Unterbrechungen aus. Zusätzlich überprüften sie mithilfe psychologischer Tests, ob sich das gegenseitige Vertrauen der Beteiligten in den digitalen und persönlichen Paarungen unterschied.

Es zeigte sich: Am sprachlichen Austausch oder einem mangelnden Vertrauen liegt es offenbar nicht. Dafür gab es aber signifikante Unterschiede im Blickverhalten der Testpaare: Diejenigen, die in einem Raum zusammensaßen, ließen beim Nachdenken und während des Teamworks häufiger ihre Blicke schweifen. Die über den Bildschirm kommunizierenden Paare fixierten sich hingegen häufiger gegenseitig und schauten seltener umher – ihre Aufmerksamkeit war stärker auf den Monitor fokussiert.

Verengter Fokus engt auch die Kreativität ein

Genau dieser engere visuelle Fokus könnte entscheidend sein: „Wenn die virtuelle Kommunikation die Aufmerksamkeit auf die Umgebung einschränkt, dann verengt sich auch der kognitive Fokus“, erklären Brucks und Levav. Tatsächlich legten schon frühere Studien nahe, dass gerade eine breite, umherschweifende Aufmerksamkeit die Kreativität fördert – beispielsweise beim ziellosen Umherschlendern während eines Spaziergangs.

Die Neigung, sich bei der Videokonferenz vor allem auf den Bildschirm zu konzentrieren, verhindert dieses Umherschweifen der Aufmerksamkeit – und hemmt damit offenbar auch die kreative Ideenfindung.

Das Beste zweier Welten

Immerhin ein ausgleichendes Plus gibt es beim digitalen Teamwork jedoch: Bei der Auswahl der vielversprechendsten Ideen schnitten die virtuell arbeitenden Testpaare sogar etwas besser ab als die im selben Raum sitzenden Teams. Brucks und Levav führen dies darauf zurück, dass für diesen Auswahlprozess ein engerer Fokus eher von Vorteil ist.

Um das beste beider Welten zu vereinen, könnte es nach Ansicht der Forschenden daher sinnvoll sein, digitales und analogen Teamwork miteinander zu kombinieren. Tatsächlich hat sich eine Mischung aus Homeoffice und Vor-Ort-Zusammenarbeit inzwischen in vielen Firmen etabliert. (Nature, 2022; doi: 10.1038/s41586-022-04643-y)

Quelle: Nature

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