Langzeitstudie liefert erneut Indizien für bleibenden Effekt von exzessivem Fernsehkonsum Zu viel TV macht Kinder später aggressiv und antisozial - scinexx | Das Wissensmagazin
Anzeige
Anzeige

Langzeitstudie liefert erneut Indizien für bleibenden Effekt von exzessivem Fernsehkonsum

Zu viel TV macht Kinder später aggressiv und antisozial

Wie schädlich ist Dauer-Fernsehen? © NSF

Hinterlässt zu viel Fernsehen bei Kindern bleibende psychische Spuren? Diese Frage wird seit Jahren heftig diskutiert. Neue Indizien für einen negativen Effekt liefert jetzt eine Studie neuseeländischer Forscher. Bei Menschen, die in ihrer Kindheit sehr viel TV schauten, fanden sie vermehrt die Neigung zu aggressivem, antisozialem Verhalten und auch mehr Straftaten – und dies auch dann, wenn Gesellschaftsschicht, Bildung und andere sozioökonomische Faktoren herausgerechnet wurden.

Wie viel Fernsehen oder Videokonsum ist gut für Kinder? Und ab wann dürfen sie überhaupt vor die Glotze? Diese Frage bewegt viele Eltern. Denn für viele von uns gehört das Fernsehen längst zum Alltag, häufig läuft das Gerät sogar einfach nebenbei, als Berieselung. Und auch auf Kinder als Zielgruppe sind die Sender bestens eingestellt, das Spektrum reicht von den Teletubbies für die Kleinsten bis zum Kinderkanal. Aber ist das auch gut? Antworten dazu gibt es ganz verschiedene. Meist wird empfohlen, Kinder unter drei Jahren noch gar nicht fernsehen zu lassen, Vier- bis Neunjährige nur rund eine Stunde pro Tag.

TV-Konsum und Werdegang über 26 Jahre verfolgt

Welche Folgen es hat, wenn auch kleinere Kinder schon mehrere Stunden täglich vor dem Fernseher sitzen, ist bisher nur in Teilen klar. Zwar haben Studien schon häufiger Hinweise darauf erbracht, dass TV-Konsum sich negativ auf das Sozialverhalten von Kindern auswirkt. Nur sehr wenige aber haben dies in Langzeitstudien untersucht. Forscher der University of Otago und der Dunedin School of Medicine in Neuseeland haben nun genau dies getan.

Für ihre Studie verfolgten sie über 26 Jahre lang den Werdegang von 1.037 Kindern, die 1972/73 im neuseeländischen Dunedin geboren worden waren. Im Alter von fünf bis 15 Jahren wurden Kinder und Eltern alle zwei Jahre darüber befragt, wie lang sie täglich vor dem Fernseher saßen. Als diese Kinder erwachsen waren, erstellten die Wissenschaftler ein psychologisches Profil der Teilnehmer und ermittelten zudem, ob und wie oft sie in kriminelle Handlungen oder Straftaten verwickelt waren. Diese Daten vergleichen sie – jeweils bei Menschen des gleichen Geschlechts, vergleichbarer Herkunft und Intelligenz – mit dem Fernsehkonsum als Kind.

Aggressiver und häufiger kriminell

Das Ergebnis: „Junge Erwachsene, die als Kinder und Jugendliche mehr Zeit mit Fernsehschauen verbracht haben, hatten häufiger eine antisoziale Persönlichkeitsstörung, waren aggressiver und mit höherer Wahrscheinlichkeit schon mindestens einmal wegen einer Straftat verurteilt worden als Personen, die als Kind weniger lange vor dem TV-Gerät saßen“, berichten Lindsay Robertson und ihre Kollegen. Die Wahrscheinlichkeit für eine kriminelle Karriere sei sogar mit jeder Stunde Fernsehkonsum mehr um 30 Prozent angestiegen. Diese Zusammenhänge stellten die Wissenschaftler sowohl bei Mädchen als auch bei Jungen fest.

Anzeige

Wie die Forscher betonen, haben sie genau geprüft, ob andere Faktoren wie Intelligenz, die Fürsorge der Eltern oder das Einkommen und der soziale Status der Familie möglicherweise die Ergebnisse verfälscht haben. Aber selbst als sie nur Teilnehmer mit jeweils dem gleichen Hintergrund verglichen, sei der Zusammenhang von antisozialem und kriminellem Verhalten zum Fernsehkonsum signifikant geblieben. Es sei auch nicht so, dass vielleicht die Kinder häufiger vor dem Fernsehen saßen, die ohnehin von Natur aus antisozialer sind, sagt Robertson. „Stattdessen ist es umgekehrt: Kinder, die viel Fernsehen geschaut haben, entwickeln später eher antisoziale Persönlichkeitszüge und Verhaltensweisen“, so die Forscherin.

Zwar kann diese Art der Beobachtungsstudien keine ursächlichen Zusammenhänge beweisen, wie auch die Forscher einräumen. Aber die Ergebnisse seien konsistent mit Hinweise aus vorhergegangenen Studien und lieferten weitere Indizien dafür, dass exzessives Fernsehen in der Kindheit bleibende Spuren im Verhalten hinterlässt. „Wir gehen nicht so weit zu sagen, dass Fernsehen an allem antisozialem Verhalten schuld ist, aber unsere Ergebnisse deuten schon darauf hin, dass ein geringerer Fernsehkonsum auch die Rate von antisozialem Verhalten in der Gesellschaft senken könnte“, erklärt Studienleiter Robert Hancox. Eltern empfehlen die Forscher daher, Kinder nicht mehr als ein bis zwei Stunden täglich TV gucken zu lassen. (Pediatrics, 2013; doi: 10.1542/peds.2012-1582)

(Pediatrics, 20.02.2013 – NPO)

Anzeige

In den Schlagzeilen

Diaschauen zum Thema

Dossiers zum Thema

Das Heureka-Prinzip - Wie funktioniert das kognitive Lernen bei Mensch und Tier?

Informationsspeicher Gehirn - Den Mechanismen des Lernens auf der Spur

Doping fürs Gehirn - Neuro-Enhancement und die Folgen

Was Hänschen nicht lernt... - Streit um die frühkindliche Bildung

News des Tages

Quark-Gluon-Plasma

Urmaterie im Miniformat erzeugt

Menschheit dreht Klima-Uhr zurück

Voyager 2 hat den interstellaren Raum erreicht

Reiches Leben im "Keller der Erde"

Asteroid Bennu hat gebundenes Wasser

Bücher zum Thema

Im Fokus: Neurowissen - Träumen, Denken, Fühlen - Rätsel Gehirn von Nadja Podbregar und Dieter Lohmann

150 psychologische Aha-Experimente - Beobachtungen zu unserem eigenen Erleben und Verhalten Von Serge Ciccotti

Zukunft Gehirn - Neue Erkenntnisse, neue Herausforderungen von Peter Gruss und Tobias Bonhoeffer (Herausgeber)

Gefühle lesen - Wie Sie Emotionen erkennen und richtig interpretieren von Paul Ekman

Top-Clicks der Woche

Anzeige
Anzeige