Vorgeburtliche Belastung mit Phtalaten erhöht das Allergierisiko bei Kindern Weichmacher können Asthma fördern - scinexx | Das Wissensmagazin
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Vorgeburtliche Belastung mit Phtalaten erhöht das Allergierisiko bei Kindern

Weichmacher können Asthma fördern

Ist die Mutter während der Schwangerschaft besonders stark durch Phthalate belastet, beeinflusst das auch die Gesundheit ihres Kindes. © janula/ thinkstock

Belastung mit Spätfolgen: Sind Kinder im Mutterleib vermehrt Weichmachern ausgesetzt, erhöht dies ihr Risiko für allergisches Asthma deutlich, wie eine Studie nun bestätigt. Der Grund dafür sind veränderte Anlagerungen am Erbgut: Sie blockieren ein Gen, das normalerweise bestimmte Zellen der Immunabwehr hemmt. Entfällt dies, ist eine überschießende Immunreaktion die Folge – eine Allergie.

Weichmacher und der Plastikzusatzstoff Bisphenol A sind in unzähligen Alltagsobjekten enthalten – von der Plastikverpackung über Spielzeug bis sogar hin zu Fastfood. Doch sie gelten als gesundheitsschädlich, weil sie hormonähnlich wirken und Übergewicht, Stoffwechselerkrankungen und Bluthochdruck fördern können. Zudem beeinträchtigen sie die Fruchtbarkeit.

„Dass Phthalate unser Hormonsystem beeinflussen und dadurch zu unerwünschten Wirkungen auf Stoffwechsel oder Fruchtbarkeit führen können, ist bekannt. Das ist aber noch nicht alles“, sagt Tobias Polte vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ). Studien wecken auch den Verdacht, dass die Weichmacher auch auf das Immunsystem wirken und dadurch das Risiko für Neurodermitis und Allergien erhöhen können.

Mehr Asthma nach vorgeburtlicher Belastung

Diesen Verdacht haben Polte und seine Kollegen nun in gleich mehreren Studien bestätigt. Der erste Beleg: Die Forscher untersuchten den Urin von Schwangeren und fahndeten darin nach Stoffwechselprodukten von Phthalaten. Einige Jahre später überprüften sie, welche der Kinder unter allergischen Asthma litten.

Das Ergebnis: „Es zeigte sich ein eindeutiger Zusammenhang zwischen erhöhten Konzentrationen des Metaboliten von Butylbenzylphthalat im Urin der Mütter und dem Vorkommen von allergischem Asthma bei den Kindern“, berichtet Koautorin Irina Lehmann vom UFZ. Allerdings: Eine solche Beobachtungstudie allein beweist noch nicht, dass auch ein ursächlicher Zusammenhang vorliegt. Es könnte sich auch um eine bloß statistische Korrelation handeln.

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Allergisches Asthma bei Kindern kann eine Folge vorgeburtlicher Belastung mit Phtalaten sein. © Nagy Bagoly /thinkstock

Wirkung noch bei den Enkeln

Um dies auszuschließen, führten die Forscher einen ergänzenden Versuch mit Mäusen durch: Trächtige Mäuseweibchen erhielten eine Weichmacherdosis, die zu vergleichbaren Konzentrationen des BBP-Abbauprodukts in ihrem Urin führte. Dann beobachteten die Wissenschaftler, ob bei ihren Nachkommen vermehrt allergisches Asthma auftrat.

Und tatsächlich: Die im Mutterleib erhöhten Phtalatwerten ausgesetzten Mäusejungen litten deutlich häufiger an allergischem Asthma als Kontrolltiere. Überraschenderweise galt dieses erhöhte Asthmarisiko sogar noch für die Enkel der belasteten Tiere. „Ist der Organismus während der frühen Entwicklungsphase Phthalaten ausgesetzt, kann das Auswirkungen auf das Krankheitsrisiko bis in die übernächste Generation haben“, so Polte.

Allergie-Hemmer blockiert

Aber warum? Um das herauszufinden, schauten sich Polte und sein Team das Erbgut der jungen Mäuse näher an. Dabei entdeckten sie auffällige epigenetische Veränderungen: Methylgruppen hatten sich an bestimmte Gene angelagert und blockierten so deren Ablesen. Entfernten die Forscher diese Anlagerungen durch eine Chemikalie, besserte sich auch das Asthma der jungen Mäuse.

Weitere Analysen ergaben, warum diese Genblockade Asthma fördert: Die epigenetischen Anlagerungen schalten ein Gen aus, das normalerweise die Aktivität der allergiefördernden T-Helfer-2-Zellen hemmt. Fehlt dieser Gegenspieler, werden diese Immunzellen überaktiv und eine Allergie ist die Folge.

Genblockade auch beim Menschen

Aber spielt dieser Mechanismus auch beim Menschen eine Rolle? Um dies zu beantworten, zogen die Forscher noch einmal ihre Mutter-Kind-Kohorte heran. Sie suchten bei den Kindern mit allergischem Asthma nach dem entsprechenden Gen und schauten nach Methylierungsgrad und Genaktivität. Und auch hier zeigte sich, dass das Gen durch Methylgruppen blockiert war und nicht abgelesen werden konnte.

„Damit konnten wir zeigen, dass offensichtlich epigenetische Veränderungen dafür verantwortlich sind, dass Kinder bei starker mütterlicher Phthalat-Belastung während Schwangerschaft und Stillzeit ein erhöhtes Risiko haben, ein allergisches Asthma zu entwickeln“, sagt Polte. Er und seine Kollegen wollen nun untersuchen, ob und wie auch andere Weichmacher auf das Epigenom und das Allergierisiko wirken. (Journal of Allergy and Clinical Immunology, 2017; doi: 10.1016/j.jaci.2017.03.017)

(Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ, 04.05.2017 – NPO)

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