Einnahme von Paracetamol oder Ibuprofen in der Schwangerschaft könnte dem Kind schaden Unfruchtbar durch Schmerzmittel? - scinexx | Das Wissensmagazin
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Unfruchtbar durch Schmerzmittel?

Einnahme von Paracetamol oder Ibuprofen in der Schwangerschaft könnte dem Kind schaden

Nimmt die Mutter in der Schwangerschaft Paracetamol oder Ibuprofen, könnte dies Spätfolgen beim Kind hervorrufen. © Janulla/ thinkstock

Späte Nebenwirkung: Wenn schwangere Frauen Paracetamol oder Ibuprofen einnehmen, könnte dies langfristige Folgen für ihr Kind haben. Denn beide Schmerzmittel wirken sich offenbar negativ auf die spätere Fruchtbarkeit aus, wie Versuche mit Mäusen und Föten nahelegen. Demnach stören die Medikamente beim weiblichen Nachwuchs die Eizellentwicklung, bei männlichen Ungeborenen die Testosteronproduktion. Auch wenn die Ergebnisse erst noch bestätigt werden müssen, sollten Schwangere bei der Einnahme von Paracetamol und Ibuprofen daher äußerst vorsichtig sein.

Paracetamol und Ibuprofen gehören zu den beliebtesten frei verkäuflichen Schmerzmitteln. Doch die Medikamente sind nicht ohne: Schon bei geringer Überdosierung oder zu langer Einnahme können sie unter anderem Leber und Nieren schädigen, das Herzinfarktrisiko erhöhen oder Asthma und Allergien fördern.

Für Schwangere stellen die Medikamente eine zusätzliche Gefahr dar. So ist bekannt, dass Ibuprofen vor allem im letzten Schwangerschaftsdrittel Fehlbildungen beim Ungeborenen fördert. Aus diesem Grund darf das Mittel nur in den ersten zwei Trimestern eingenommen werden. Danach wird Frauen empfohlen, auf Paracetamol umzusteigen. Doch in letzter Zeit mehren sich die Hinweise darauf, dass auch Paracetamol mehr negative Folgen auf das Kind im Mutterleib hat als bisher angenommen – und dass Ibuprofen nicht erst in der letzten Phase der Schwangerschaft Schaden anrichten könnte.

Ibuprofen im Nabelschnurblut

Indizien dafür haben Séverine Mazaud-Guittot von der Universität Renne und ihre Kollegen bei Versuchen mit weiblichen Föten entdeckt. Sie verabreichten werdenden Müttern, die eine Abtreibung durchführen ließen, zwei bis vier Stunden vor der Operation 800 Milligramm Ibuprofen. Danach untersuchten sie, wie viel des Wirkstoffs in das Nabelschnurblut der sieben bis zwölf Wochen alten Ungeborenen gelangt war.

Das Ergebnis: „Der Fötus bekommt genauso viel von dem Schmerzmittel ab wie die Mutter“, berichtet Mazaud-Guittot. Doch welche Folgen hat das? Studien mit Mäusen legen nahe, dass Schmerzmittel sich negativ auf den Sextrieb und die Fruchtbarkeit des Nachwuchses auswirken können. Um diese mögliche Nebenwirkung weiter zu untersuchen, kultivierten die Forscher Eierstockgewebe der Föten im Labor und behandelten es mehrere Tage lang mit Ibuprofen-Konzentrationen, wie sie bei normaler Einnahme häufig im Blut von Erwachsenen zu finden sind.

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Eierstockgewebe eines Fötus, das sieben Tage lang Ibuprofen ausgesetzt war: Die dunklen Flecken sind sterbende Zellen. © Séverine Mazaud-Guittot/ INSERM

Weniger Eizellen

Es zeigte sich: Bereits nach zwei Tagen begannen die ersten Keimzellen des Gewebes abzusterben, aus denen sich später die Follikel entwickeln, in denen die Eizellen heranreifen. Nach einer Woche war die Zahl der ovarialen Keimzellen nur noch halb so groß wie bei einer Kontrollprobe, die dem Schmerzmittel nicht ausgesetzt gewesen war. Die Forscher sprechen von einem „dramatischen Verlust“.

„Weibliche Babys werden mit einer bestimmten Anzahl von Follikeln geboren – und diese Zahl bestimmt ihre Fruchtbarkeit als Erwachsene“, erklärt Mazaud-Guittot. Das bedeute, dass die Einnahme von Ibuprofen im ersten Drittel der Schwangerschaft die spätere Fruchtbarkeit ungeborener Mädchen empfindlich einschränken könnte.

Gestörter Sextrieb

Die männliche Fruchtbarkeit wird durch das Mittel womöglich ebenso in Mitleidenschaft gezogen, wie eine weitere Studie zeigt. David Møbjerg Kristensen von der Universität Kopenhagen und seine Kollegen haben zwar nicht untersucht, ob sich Ibuprofen bereits im Mutterleib negativ auswirkt. Sie fanden aber zumindest heraus, dass die Einnahme des Mittels die Reproduktionsfähigkeit junger Männer beeinflusst.

Doch ist Paracetamol nun die bessere Wahl? Nicht unbedingt. Bereits vor einigen Monaten stellte Kristensens Team bei Versuchen mit Mäusen fest, dass auch das für Schwangere vermeintlich sichere Mittel die Testosteronproduktion bei männlichen Föten stört. Als Folge war der Nachwuchs später unfähig, zu kopulieren.

„So gering dosiert wie möglich“

Nun haben die Forscher drei weitere Studien mit Nagern ausgewertet, um den Einfluss des Schmerzmittels auf die weibliche Fruchtbarkeit zu untersuchen. Die Ergebnisse legen nahe: Auch Paracetamol stört offenbar die Geschlechtsentwicklung ungeborener Mädchen. So brachten Tiere, denen Paracetamol in einer Dosierung verabreicht worden war, wie sie für schwangere Frauen empfohlen wird, Nachwuchs mit weniger Eizellen auf die Welt.

Zwar müssen all diese Ergebnisse erst noch durch weitere Studien bestätigt werden, wie die Autoren betonen. Klar scheint aber schon jetzt: Schwangere Frauen sollten bei der Einnahme von Schmerzmitteln sehr vorsichtig sein, wenn sie ihrem ungeborenen Kind nicht schaden wollen. „Wie bei jedem anderen Medikament auch gilt für die Einnahme: So kurz und so gering dosiert wie eben möglich“, konstatiert Mazaud-Guittot. (Human Reproduction, 2018; doi: 10.1093/humrep/dex383 / PNAS, 2018; doi: 10.1073/pnas.1715035115 / Endocrine Connections, 2018)

(European Society of Human Reproduction an Embryology/ PNAS/ Society for Endocrinology, 02.02.2018 – DAL)

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