Ausbruch der Kinderlähmung versetzt EU- Gesundheitsbehörden in Alarmbereitschaft Syrien: Flüchtlinge könnten Polio einschleppen - scinexx | Das Wissensmagazin
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Ausbruch der Kinderlähmung versetzt EU- Gesundheitsbehörden in Alarmbereitschaft

Syrien: Flüchtlinge könnten Polio einschleppen

Polioviren im Elektronenmikroskop © CDC

Europa könnte eine neue Polio-Epidemie drohen, warnen deutsche Mediziner. Grund dafür ist ein Ausbruch der Kinderlähmung in Syrien. Es besteht die Gefahr dass der Erreger mit syrischen Flüchtlingen oder Touristen aus dem Nahen Osten nach Europa eingeschleppt wird. In vielen Ländern der EU wird zwar gegen Polio geimpft, der heute verwendete Impfstoff schützt aber nur teilweise. Die Forscher mahnen daher im Fachmagazin „The Lancet“ zur verstärkten Wachsamkeit.

Die Poliomyelitis ist heute bei uns fast ausgerottet. Noch vor gut 50 Jahren aber war der Anblick von Kindern, die wegen Nervenschäden nach einer Kinderlähmung an Krücken gingen, keineswegs ungewöhnlich. Seit Anfang der 1960er Jahre aber sorgen Impfprogramme dafür, dass die Infektionskrankheit in Europa kaum mehr vorkommt. Allerdings: Die anfangs gängige Schluckimpfung gegen Polio enthielt lebende Erreger und konnte in seltenen Fällen Lähmungen auslösen. Deshalb wird sie heute nicht mehr verwendet.

Schutz nur bei hoher Impfrate

„Nur noch wenige Mitgliedsländer der EU erlauben die Nutzung des oralen Impfstoffs und kein Land hat davon Vorräte“, erklären Martin Eichner von der Universität Tübingen und sein Kollege Stefan Brockmann vom Kreisgesundheitsamt Reutlingen. Stattdessen wird heute meist ein Vakzin aus deaktivierten Erregern eingesetzt. Sie schützt zwar vor dem Ausbruch der Krankheit, aber nur eingeschränkt vor einer Infektion.

Und genau hier liegt die Gefahr, wie die Forscher erklären. So lange die Krankheit so gut wie ausgerottet ist, wie in einem Großteil der EU seit 2002 der Fall, geht alles gut. Werden aber von außen Polioviren eingeschleppt, lässt sich eine Übertragung und latente Infektion der Bevölkerung nur verhindern, wenn nahezu alle geimpft sind. Dann schützt die sogenannte Herdenimmunität auch die nicht geimpften und erschwert eine Weitergabe des Erregers. Doch in einigen Regionen Europas, darunter Österreich, der Ukraine und einigen Balkanstaaten, ist die Impfrate gegen Polio dafür zu gering.

Die orale Impfung ist bei uns nicht mehr üblich, hier wird sie einem Kind in Pakistan verabreicht. © CDC

Gefahr durch Flüchtlinge und Touristen

Zurzeit fliehen aber hunderttausende von Menschen aus Syrien – und damit auch aus Gebieten, in denen die Polio wieder um sich greift. Sie suchen Asyl in benachbarten Ländern und auch in Europa und schleppen so auch die Erreger ein. Das bedeute zwar nicht, dass sofort zahlreiche Menschen an der Kinderlähmung erkranken würden, betonen die Forscher. Denn im Durchschnitt löst nur jede 200. Infektion Symptome aus. Aber es bestehe die Gefahr, dass sich die Poliomyelitis unerkannt wieder in Europa ausbreitet und bereits hunderte von Menschen infiziert sind, bevor auch nur ein einziger Fall von Kinderlähmung gemeldet wird.

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Um ein Einschleppen der Krankheit nach Europa zu verhindern, empfiehlt die Weltgesundheits-Organisation WHO die Impfung aller syrischen Flüchtlinge. Doch Eichner und Brockmann halten dies für nicht ausreichend. Denn auch in Israel sind seit Februar 2013 vermehrt Polioviren nachgewiesen worden, sowohl im Kot von symptomfreien Infizierten als auch im Abwasser. Touristen könnten sich daher auch in andern Ländern des Nahen Ostens anstecken und so ohne es zu merken den Erreger mit nach Hause bringen.

Eichner und Brockmann halten es daher für wichtig, auch in den bisher seit Jahrzehnten poliofreien Ländern Europas weiter wachsam zu bleiben. In Orten mit besonders vielen syrischen Flüchtlingen sei es ratsam, regelmäßig das Abwasser auf Polioviren hin zu untersuchen, um mögliche Infektionsherde schnell ausfindig machen zu können. Das European Center for Disease Prevention and Control (ECDC) empfiehlt zudem, dass Reisende nach Israel und in andere Länder mit Poliofällen ihre Impfung auffrischen. Auch sie rät den EU-Ländern dazu, die Überwachung zu verstärken und dafür zu sorgen, dass im Falle eines bestätigten Ausbruchs ausreichend orale Polio-Impfstoffe verfügbar sind. (The Lancet, 2013; doi:10.1016/S0140-6736(13)62220-5)

(The Lancet, 08.11.2013 – NPO)

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