Zwei Gehirnregionen arbeiten als Gegenspieler bei der Bewertung der sozialen Distanz Soziale Nähe macht großzügig - scinexx | Das Wissensmagazin
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Zwei Gehirnregionen arbeiten als Gegenspieler bei der Bewertung der sozialen Distanz

Soziale Nähe macht großzügig

Alles behalten oder teilen? Die soziale Nähe bestimmt, wie egoistisch oder großzügig wir sind. © freeimages

Je näher uns ein Mensch steht, desto großzügiger sind wir. Warum das so ist und wie unser Gehirn diese Unterscheidung trifft, haben Forscher nun aufgeklärt. Demnach sind zwei widerstreitende Hirnregionen für die Bewertung der sogenannten sozialen Distanz zuständig: Je nachdem, welcher Bereich sich durchsetzt, sind wir großzügig oder egoistisch, erklären die Forscher im Journal „Proceedings oft he National Academy of Sciences“.

Großzügigkeit ist mehr als nur selbstloses Verhalten: Die Fähigkeit, Dinge auch mit anderen zu teilen, ist eine wichtige Voraussetzung für eine funktionierende Gesellschaft. Selbstloses Verhalten gilt als wichtiges Merkmal sozialer Lebewesen wie Menschen und Menschenaffen. Aber auch in der Ökonomie kommt es darauf an, die Interessen anderer Marktteilnehmer bei Entscheidungen mit einzubeziehen. Wir verhalten uns aber nicht allen Menschen gegenüber gleich großzügig: Einer nahestehenden Person gegenüber sind wir meist freigiebiger als einem Unbekannten. Entscheidend ist ein Phänomen namens „soziale Distanz“.

Großzügig oder egoistisch?

Wissenschaftler um Tina Strombach von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (HHU) haben sich angeschaut, wie die Entscheidung zur Großzügigkeit im Gehirn abläuft und welche Rolle die soziale Distanz dabei spielt. Dazu beobachtete sie die Hirnaktivität von Testpersonen mit einem funktionellen Magnetresonanztomographen (fMRT).

Während der Untersuchung spielten die Probanden eine ökonomische Aufgabe durch: Sie konnten einen Geldbetrag entweder mit einem gedachten Spielpartner teilen, oder komplett für sich behalten – sie hatten also die Wahl, großzügig oder egoistisch zu sein. Dabei sollten sie sich einmal einen ihnen nahe stehenden Menschen als Spielpartner vorstellen, einmal einen nur entfernt bekannten. „Dabei zeigte sich, dass die Teilnehmer viel eher bereit sind, ihren Egoismus zu überwinden und zu teilen, je näher sie dem Spielpartner emotional stehen“, so Erstautorin Strombach.

Gehirnscans zeigen: Der temporoparietale Übergang im hinteren Bereich des Gehirns signalisiert Großzügigkeit. © HHU

Zwei Hirnregionen im Widerstreit

Die begleitenden Hirnscans ergaben aber noch mehr: Zwei verschiedene Bereiche im Gehirn stehen offenbar im Widerstreit zueinander. Der ventromediale präfrontale Cortex im Stirnlappen der Großhirnrinde gehört zum Belohnungssystem. Er stellt die egoistische Seite dar. Ihm gegenüber wirkt der temporoparietaler Übergang im hinteren Bereich des Gehirns. Er steht mit der Empathiefähigkeit in Verbindung und ist auch wichtig für die Unterscheidung zwischen „selbst“ und „fremd“.

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„Beide Gehirnregionen arbeiten als Gegenspieler“, erläutert Studienleiter Tobias Kalenscher von der HHU: „Sie tarieren aus, wie egoistisch oder großzügig wir uns abhängig von der sozialen Distanz verhalten.“ Bernd Weber von der Universität Bonn ergänzt: „Der temporoparietale Übergang hält die egoistischen Bestrebungen des ventromedialen präfrontalen Cortex in Schach und ermöglicht somit altruistisches Verhalten.“

Dieses Ergebnis ist sowohl für die Wirtschaftswissenschaften als auch für die Soziologie interessant: In beiden Disziplinen müssen die im menschlichen Gehirn angelegten Verhaltensmuster zur sozialen Distanz in unterschiedlichen sozialen Zusammenhängen berücksichtigt werden. (PNAS, 2015; doi: 10.1073/pnas.1414715112)

(Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, 20.01.2015 – AKR)

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