Schnupfen schützt vor Grippe – und Covid-19? - Rhinoviren-Befall aktiviert antivirale Botenstoffe und erschwert Co-Infektion - scinexx.de
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Schnupfen schützt vor Grippe – und Covid-19?

Rhinoviren-Befall aktiviert antivirale Botenstoffe und erschwert Co-Infektion

Atemwegs-Viren
Wenn das Rhinovirus unsere Atemwege befällt, löst dies Abwehrreaktionen aus, die anderen Viren die Infektion erschweren. © Peterschreiber.media/ iStock

Virus als Virenschutz: Ein einfacher Schnupfen kann gegen die Influenza schützen – und vielleicht sogar vor Covid-19. Denn wenn Atemwegszellen mit Rhinoviren befallen sind, setzen sie verstärkt antivirale Botenstoffe frei. Diese wiederum erschweren es Grippeviren und anderen viralen Erregern, die Zellen zu infizieren, wie jetzt Versuche belegen. Diese Schutzwirkung des Schnupfens könnte möglicherweise sogar die Corona-Pandemie im Herbst abschwächen helfen.

Schon länger beobachten Mediziner, dass bestimmte Viren sich gegenseitig stören: Ist ihr Wirt schon mit dem einen infiziert, hat das zweite einen schwereren Stand. Eine solche virale Interferenz gibt es beispielsweise zwischen bestimmten Erkältungsviren und der Influenza. Diese Störwirkung könnte auch erklären, warum die Schweinegrippe-Pandemie im Jahr 2009 in Europa viel schwächer ausfiel als erwartet: Sie traf mit der herbstlichen Erkältungssaison zusammen.

Auffallend wenig Co-Infektionen

Ob und wie stark Schnupfenviren und Influenza sich tatsächlich gegenseitig hemmen, haben nun Anchi Wu und ihre Kolleginnen von der Yale University näher untersucht. Dafür werteten sie zunächst die medizinischen Daten von mehr als 13.000 Patienten aus, die in den Wintermonaten der letzten drei Jahre wegen Atemwegserkrankungen am Yale Hospital in New Haven behandelt worden waren – jeweils auf dem Höhepunkt der Rhinoviren- und auch der Influenza-Saison.

Das Ergebnis: „As wir uns die Daten anschauten wurde klar, dass sehr wenige Patienten beide Viren zur gleichen Zeit hatten“, sagt Wus Kollegin Ellen Foxman. Gäbe es keinerlei Interaktion zwischen den Rhino- und Influenzaviren, würde man den Modellen zufolge bei 67 der gut 13.000 Patienten einen Befall mit beiden Viren erwarten. Nachgewiesen wurden aber nur zwölf solche Co-Infektionen.

Rhinoviren-Befall verhindert Zweitinfektion

Um der Sache näher auf den Grund zu gehen, führten Wu und ihr Team zusätzlich Infektionsversuche an Zellkulturen menschlicher Atemwegszellen durch. Dafür infizierten sie diese Zellen zunächst mit dem Rhinovirus und dann drei Tage später mit einer Variante des H1N1-Grippevirus. Es zeigte sich: Im Vergleich zu nicht vorinfizierten Zellkulturen konnte sich das Influenzavirus deutlich schlechter halten und vermehren. „PCR-Tests ergaben eine mehr als 15-fache Reduktion der Influenza-Virenlast 24 und 48 Stunden nach der Infektion“, berichten die Wissenschaftlerinnen.

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Den Grund dafür enthüllte eine Analyse der Zellreaktionen: Die Infektion der Zellen mit dem Rhinovirus löste eine starke Abwehrreaktion aus, in deren Verlauf antivirale Botenstoffe wie Interferone freigesetzt wurden. Das machte es dem später eintreffenden Influenzavirus schwer, diese Zellen zu befallen. „Die antiviralen Abwehrmechanismen waren schon aktiviert, bevor das Grippevirus ankam“, sagt Foxman. Diese Schutzwirkung durch die Schnupfenviren hielt etwa fünf Tage an.

„Diese Ergebnisse liefern starke experimentelle Belege dafür, dass die von der Rhinovirus-Infektion ausgelöst Interferon-Reaktion die Atemwegs-Schleimhäute vor der Influenza-Infektion schützt“, konstatieren die Forscherinnen.

Schutz auch vor Covid-19?

Das Spannende daran: Die Forscherinnen schließen nicht aus, dass diese Schutzreaktion auch den weiteren Verlauf der Corona-Pandemie beeinflussen könnte. Denn wenn im Herbst die Schnupfensaison beginnt, könnte der gleiche Mechanismus auch dem Coronavirus SARS-CoV-2 den Befall der Atemwege erschweren. „Studien sprechen dafür, dass SARS-CoV-2 ebenfalls durch Interferone gehemmt wird – ähnlich wie Influenza- und andere Viren“, erklären Wu und ihr Team.

Ihrer Ansicht nach besteht durchaus die Möglichkeit, dass die vermehrte Infektion mit Rhinoviren die Ausbreitung von SARS-CoV-2 zumindest bremsen könnte. „Wenn die Interferenz durch das Rhinovirus im Jahr 2009 die Influenza-Pandemie in Europa stören konnte, dann könnte diese virale Interferenz – oder auch eine therapeutische Aktivierung der Interferon-Reaktion der Atemwege – das Potenzial besitzen, die aktuelle Corona-Pandemie zu unterbrechen“, konstatieren die Wissenschaftlerinnen.

Sie betonen aber auch, dass bisher unbekannt ist, ob eine solche Störwirkung zwischen Rhinoviren und SARS-CoV-2 existiert. Wu und ihre Kolleginnen haben bereits damit begonnen, dies in weiteren Laborversuchen zu erforschen. (The Lancet Microbe, 2020; doi: 10.1016/S2666-5247(20)30114-2)

Quelle: Yale University

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