Fluorchinolone werden in Deutschland trotz schwerer Nebenwirkungen oft verschrieben Riskante Antibiotika zu oft verordnet - scinexx | Das Wissensmagazin
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Fluorchinolone werden in Deutschland trotz schwerer Nebenwirkungen oft verschrieben

Riskante Antibiotika zu oft verordnet

Ciprofloxacin
Ciprofloxacin-Tabletten – sie gehören zu den Antibiotika der Fluorchinolone und können schwere Nebenwirkungen verursachen. © Shorelander / CC-by-sa 3.0

Vermeidbare Folgen: In Deutschland werden die risikoreichen Fluorchinolon-Antibiotika noch immer zu häufig verschrieben – obwohl diese Mittel schwere Nebenwirkungen haben. Dennoch haben im Jahr 2018 mehr als drei Millionen Patienten in Deutschland Ciprofloxacin und andere Fluorchinolone erhalten, wie das Wissenschaftliche Institut der AOK ermittelt hat. Dadurch erlitten mehr als 40.000 Patienten Nebenwirkungen wie eine Schädigung des Nervensystems, der Hauptschlagader oder einen Sehnenriss.

Antibiotika sind wichtige Waffen gegen bakterielle Infektionen. Aber diese Mittel sind weder harmlos noch frei von Nebenwirkungen – im Gegenteil. Gerade Ciprofloxacin und andere Antibiotika aus der Klasse der Fluorchinolone sind in den letzten Jahren zunehmend in Verruf geraten. Denn diese Wirkstoffe schädigen das Bindegewebe und können Sehnenrisse, Netzhautschäden und sogar lebensgefährliche Risse in der Aorta verursachen.

Wegen der potenziell schweren Nebenwirkungen der Fluorchinolone sollen diese Antibiotika heute nur noch in schweren Fällen oder gegen resistente Erreger eingesetzt werden. Bereits 2008 berichtete die US-Arzneimittelbehörde FDA über die Risiken dieser Wirkstoffe und auch deutschen Behörden reagierten: Von den ursprünglich 16 Mitteln dieser Antibiotikaklasse sind heute bei uns nur noch fünf auf dem Markt.

Fünf Prozent der Kassenpatienten betroffen

Doch viele Ärzte scheinen die Warnungen zu ignorieren, wie nun eine Erhebung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) enthüllt: Im Jahr 2018 wurden die umstrittenen Mittel in Deutschland noch immer 3,3 Millionen Patienten verschriebene – dies entspricht fast fünf Prozent aller Kassenpatienten. Damit gehören die Fluorchinolone in Deutschland noch immer zu den häufig verordneten Antibiotika – trotz des bekannten Risikos.

„Diese Zahlen sind besonders alarmierend, weil für viele Erkrankungen gut wirksame und risikoärmere Antibiotika zur Verfügung stehen und die Gefahren den pharmazeutischen Herstellern bereits seit Jahren bekannt sind“, sagt Helmut Schröder, stellvertretender Geschäftsführer des WIdO. Viele Mediziner scheinen diese Mittel aber dennoch weiterhin ohne große Einschränkungen einzusetzen. Besonders häufig ist dies beim Wirkstoff Ciprofloxacin der Fall der 64 Prozent der Verordnungen ausmacht.

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Leichtsinniger Einsatz

„Die hohe Zahl der Verordnungen lässt darauf schließen, dass Fluorchinolon-Antibiotika häufig nicht als Mittel der Reserve und auch nicht ausschließlich bei schwerwiegenden und lebensbedrohlichen Infektionen zum Einsatz kommen“, sagt Schröder. „Und das, obwohl Fluorchinolone weltweit als Reserve-Antibiotika gelten, also erst nach Versagen anderer Alternativen und für lebensrettende Maßnahmen zur Anwendung kommen sollten.“

Ein möglicher Grund dafür: Erst Anfang April 2019, nach dem Abschluss eines zwei Jahre dauernden europäischen Risikobewertungsverfahrens, teilte das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) mit einem sogenannten Rote-Hand-Brief mit, dass Ärzte Fluorchinolone wegen schwerer Nebenwirkungen nur noch im Einzelfall verschreiben sollen. Pharmahersteller müssen erst seitdem die potenziellen Anwendungen dieser Wirkstoffe in der Packungsbeilage massiv einschränken.

40.000 schwere Nebenwirkungen, 140 zusätzliche Todesfälle

Doch für die Patienten sind die Folgen dieser verschleppten Reaktion erheblich. Einer Hochrechnung der Forscher zufolge könnten allein im Jahr 2018 wegen der unnötigen Verordnung von Fluorchinolonen 40.000 Patienten zusätzlich unter schweren Nebenwirkungen wie einer Schädigung des Nervensystems, der Hauptschlagader oder einem Sehnenriss gelitten haben. Zudem gehen rund 140 zusätzliche Todesfälle in diesem Jahr auf das Konto dieser Antibiotika.

„In diesen Berechnungen sind eine große Anzahl von weiteren Komplikationen, zum Beispiel Hyperglykämien bei Diabetikern, das zusätzlich erhöhte Risiko bei älteren Menschen oder bei gleichzeitiger Behandlung mit Kortikosteroiden nicht berücksichtigt“, betonen die Forscher. All diese Fälle hätten durch den Einsatz anderer Antibiotika oder den Verzicht auf solche Mittel vermieden werden können.

„Viele Antibiotikapatienten in Deutschland wurden jahrelang zusätzlichen Risiken ausgesetzt, obwohl den pharmazeutischen Herstellern die besonderen Gefahren von Fluorchinolonen bereits seit vielen Jahren aus anderen Ländern bekannt waren“, sagt Schröder. Hier sei dringend bessere Aufklärung der Ärzte und auch der Patienten nötig.

Quelle: Wissenschaftliches Institut der AOK

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