Placebo-Effekt täuscht Effekt halluzinogener Rauschmittel vor Psychedelischer Rausch ohne Drogen - scinexx | Das Wissensmagazin
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Psychedelischer Rausch ohne Drogen

Placebo-Effekt täuscht Effekt halluzinogener Rauschmittel vor

Psychedelischer Rausch
Der Placebo-Effekt kann sogar einen halluzinogenen Rausch erzeugen - ganz ohne Drogen. © DenisAat/ iStock

Trip ohne Risiko: Wer einen psychedelischen Trip erleben will, braucht dafür nicht unbedingt Drogen – schon der Placebo-Effekt reicht. Das legt ein Experiment nahe, bei dem Probanden nur zum Schein halluzinogene Substanzen bekamen. Obwohl keinerlei Wirkstoff enthalten war, berichtete die Mehrheit der Teilnehmer über typische Halluzinationen und psychedelische Effekte. Die Stärke des Placebo-Effekts in diesem Kontext sei unterschätzt worden, so die Forscher.

LSD, „Magic Mushrooms“ oder andere halluzinogene Drogen wirken auf unser Gehirn und verändern Wahrnehmung, Zeitempfinden, Denken und emotionales Erleben. Dies erzeugt Halluzinationen und den Eindruck einer rauschhaften Bewusstseinserweiterung. Doch in Mikrodosierungen nutzt die moderne Medizin solche Drogen inzwischen auch, um Angststörungen und Depressionen zu behandeln.

Pseudo-Drogen auf der psychedelischen Party

Doch wie sieht es mit dem Placebo-Effekt bei solchen Drogen aus? Könnte man den gewünschten Effekt vielleicht sogar ganz ohne halluzinogene Droge erreichen? Von Medikamenten und anderen medizinischen Therapien weiß man, dass selbst wirkstofflose Scheinbehandlungen messbare Effekte erzielen können – und dies selbst wenn die Probanden wissen, dass sie ein Placebo bekommen.

Ob dies auch bei Halluzinogenen funktioniert, haben nun Jay Olson von der McGill University in Montreal und seine Kollegen getestet. Im Experiment erzählten sie ihren 33 Probanden, sie würden auf einer Art „Party zu Versuchszwecken“ einen halluzinogenen Wirkstoff ähnlich dem Psilocybin der „Magic Mushrooms“ erhalten. In Verlauf der folgenden vier Stunden seien dadurch bewusstseinsverändernde Effekte zu erwarten. In Wirklichkeit erhielten alle Teilnehmer nur ein Placebo.

im Verlauf der „Party im Dienst der Wissenschaft“ simulierten einige in die Gruppe eingeschleuste Schauspieler entsprechende Rauscheffekte. „Wir wollten so die individuelle Variation des Placebo-Effekts in einem möglichst natürlichen Umfeld ähnlich einer psychedelischen Party testen“, so die Forscher.

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Wabernde Wände und wellenartiger Rausch

Das überraschende Ergebnis: 61 Prozent der Probanden erlebten eine Art „Trip“, obwohl sie keinerlei berauschende Substanz zu sich genommen hatten. Sie berichteten unter anderem, dass sie sahen, wie sich die Wände bewegten und verformten, dass die Schwerkraft plötzlich stärker zu werden schien oder dass die psychedelischen Effekte in Wellen über sie kamen. Auch aus einem standardisierten Fragebogen zu veränderten Bewusstseinszuständen ging hervor, dass viele Teilnehmer überzeugt waren, einen psychedelischen Trip erlebt zu haben.

Nach Ansicht von Olson und seinem Team bestätigt dies, dass der Placebo-Effekt auch im Kontext von halluzinogenen und psychedelischen Drogen wirkt. Offenbar reicht schon die Annahme, man habe ein solches Rauschmittel genommen, um bei einigen Menschen entsprechende Symptome zu erzeugen. „Der Placebo-Effekt wurde in psychedelischen Studien bisher offenbar unterschätzt“, sagt Olsons Kollege Samuel Veissière.

Hilfreich auch für Therapien

Die starke Wirkung des Placebo-Effekts selbst auf Rauschzustände könnte einen sehr praktischen Nutzen haben, wie die Forscher erklären: „Angesichts der jüngsten Wiederentdeckung der psychedelischen Therapien für Störungen wie Depression und Angstzustände könnten Mediziner solche kontextuellen Faktoren nutzen, um die gewünschten Effekte mit weit geringeren Dosierungen der Wirkstoffe zu erzielen“, sagt Olson. „Das würde die Sicherheit solcher Behandlungen weiter erhöhen.“

Gleichzeitig unterstreichen die Ergebnisse aber auch, wie weitreichend und vielseitig die Wirkungen des Placebo-Effekts sind. „Unsere Studie stützt zudem die Macht der Umstände in psychedelischen Settings“, sagt Olson. Sein Kollege Veissière ergänzt: „Das könnte auch die sogenannte ‚Kontakt-Highs‘ erklären, bei denen Menschen die Effekte einer Droge einfach nur dadurch erleben, dass sie mit anderen zusammen sind, die sie genommen haben.“ (Psychopharmacology 2020; doi: 10.1007/s00213-020-05464-5)

Quelle: McGill University

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