Antikörper aus dem Blut geheilter Patienten können schwerkranken Covid-Patienten helfen Plasma-Transfusion gegen Covid-19? - scinexx | Das Wissensmagazin
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Plasma-Transfusion gegen Covid-19?

Antikörper aus dem Blut geheilter Patienten können schwerkranken Covid-Patienten helfen

Coronavirus und Antikörper
Wer eine Coronavirus-Infektion überstanden hat, trägt Antikörper gegen das Virus im Blut – diese können schwerkranken Covid-19-Patienten helfen, wie nun eine Pilostudie nahelegt. © koto_feja/ iStock

Hoffnung für Covid-Patienten: Antikörperreiches Blutplasma von genesenen Corona-Infizierten kann die Heilung schwerkranker Patienten beschleunigen, wie nun eine Pilotstudie aus China nahelegt. Nachdem zehn Covid-19-Patienten die Transfusion des Plasmas mit einem hohen Gehalt an neutralisierenden Antikörpern bekommen hatten, besserten sich ihre Symptome, Lungenschäden und Entzündungszeichen, wie die Forscher berichten.

Weltweit arbeiten Wissenschaftler im Eiltempo an Medikamenten und  Impfstoffen gegen das Coronavirus SARS-CoV-2. Aber auch wenn erste klinische Studien bereits laufen, werden diese Mittel für die meisten akut erkrankten Covid-Patienten zu spät kommen.

Blutplasma genesener Patienten als Antikörperquelle

Doch es gibt eine Methode, die schon vor gut einem Jahrhundert bei der Bekämpfung von Infektionskrankheiten eingesetzt wurde: die Transfusion von Blutplasma bereits gesundeter Patienten an akut Kranke. Dahinter steht die Erkenntnis, dass das menschliche Immunsystem im Verlauf einer Infektion Antikörper gegen das Virus bildet. Einige dieser Proteinmoleküle binden gezielt an bestimmte Oberflächenstrukturen des Erregers – beispielsweise das Spike-Protein von SARS-CoV-2 – und können so das Virus neutralisieren.

Im Idealfall enthält das Blutplasma von Menschen, die gerade eine Infektion hinter sich haben, besonders viel solcher neutralisierenden Antikörper. Wenn dieses Plasma dann einem akut Erkrankten übertragen wird, wirken die darin enthaltenen Antikörper auch in diesem Patienten gegen den Erreger und stärken so dessen Immunantwort. „In den letzten zwei Jahrzehnten wurde die Plasmatherapie erfolgreich und sicher gegen SARS, MERS und die H1N1-Pandemie im Jahr 2009 eingesetzt“, erklären Kai Duan vom Nationalen Forschungszentrum für Impfstoffe in Wuhan und seine Kollegen.

Rapide Besserung nach Plasma-Transfusion

Deshalb haben Duan und sein Team eine solche Plasmatransfusion nun gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 eingesetzt. Dafür entnahmen sie genesenen Covid-Patienten Blut, reinigten das Plasma und stellten sicher, dass neutralisierende Antikörper darin mindestens einen Titer von 1: 640 erreichten. Zehn Covid-19-Patienten, die wegen ihres schweren Verlaufs beatmet wurden und akut unter der virusbedingten Lungenentzündung litten, erhielten dann 200 Milliliter dieses antikörperreichen Plasmas als Transfusion.

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Das Ergebnis: „Im Verlauf von ein bis drei Tagen nach der Transfusion waren die Symptome aller zehn Patienten, vor allem Fieber, Atemnot und Brustschmerzen verschwunden oder hatten sich stark gebessert“, berichten Duan und seine Kollegen. Einige Tage nach der Plasmaübertragung besserten sich auch die in der Lunge sichtbaren Schädigungen, Entzündungsmarker nahmen ab und die Zahl der weißen Blutkörperchen stieg.

Alle zehn Patienten gerettet

Dass die Übertragung der Antikörper direkt gegen die Coronaviren wirkte, belegte ein Test auf SARS-CoV-2: Die Patienten, die zuvor positiv auf das Coronavirus getestet wurden, hatten nun keine nachweisbare Virenlast mehr. „Dies stützt die neutralisierende Wirkung der Plasmatransfusion auf das Virus“, so die Forscher. Parallel dazu besserte sich die Sauerstoffversorgung aller Patienten im Verlauf weniger Tage so weit, dass sie nicht mehr beatmet werden mussten. Die Wirkung der Plasmaübertragung war dabei umso besser, je früher nach Krankheitsbeginn sie gegeben wurde, wie die Wissenschaftler berichten.

Von den zehn behandelten Patienten konnten im Verlauf der knapp dreiwöchigen Studie drei als geheilt entlassen werden, sieben weitere hatten sich soweit stabilisiert, dass sie kurz vor der Entlassung standen, wie die Wissenschaftler berichten. Im Vergleich dazu gab es in einer Kontrollgruppe mit Patienten ähnlicher Verläufe und Vorbedingungen im Laufe der drei Wochen drei Todesfälle, sieben wurden weiterhin beatmet und nur ein Patient konnte aus dem Krankenhaus entlassen werden.

Hoffnung für Covid-Patienten?

„Diese Pilotstudie der Plasmaübertragung zeigt einen potenziellen therapeutischen Effekt und ein geringes Risiko bei der Behandlung schwerer Covid-19-Verläufe“, konstatieren Duan und seine Kollegen. Schon eine Dosis Blutplasma mit einem hohen Gehalt an neutralisierenden Antikörpern könne die Virenlast senken und das Befinden der Patienten bessern. Schwerere Nebenwirkungen gab es nach Angaben der Forscher nicht.

Voraussetzung ist aber, dass der Plasmaspender eine ausreichend hohe Dosis neutralisierende Antikörper im Blut hat, wie die Forscher betonen. Denn von Studien unter anderem während der SARS-Pandemie ist bekannt, dass die Gabe von Antikörpern auch zu einer Verschlimmerung der Infektion führen kann. In diesen Fällen hemmt die Gabe von zu wenig oder nicht optimalen Antikörpern die Immunantwort der Empfänger und fördert die Vermehrung des Virus.

Allerdings wurde eine solche Verstärkung der Infektion in unseren Patienten nicht beobachtet“, berichten Duan und seine Kollegen. Sie führen dies auf die hohen Gehalte an neutralisierenden Antikörpern im übertragenen Plasma und eine rechtzeitige Transfusion zurück.

Weitere Studien nötig

Für Covid-Patienten, die todkrank auf der Intensivstation liegen, könnte eine solche direkte Antikörper-Übertragung demnach lebensrettend sein. Allerdings ist die Datenbasis für eine solche Plasmatransfusion noch extrem dünn – mit nur zehn Patienten ist die Pilotstudie von Duan und seinem Team kaum mehr als ein erster Fingerzeig, wie auch die Forscher einräumen: „Die optimale Dosis und der richtige Behandlungszeitpunkt müssen erst noch in randomisierten klinischen Studien ermittelt werden“, betonen sie.

Hinzu kommt, dass die Patienten in dieser Pilotstudie zusätzlich verschiedene antivirale Mittel erhielten. „Es kann daher nicht ausgeschlossen werden, dass diese antiviralen Mittel zur Besserung der Patienten beigetragen haben oder es dass es einen Synergieeffekt mit der Plasmabehandlung gab“, sagen Duan und seine Kollegen. (Proceedings oft he National Academy of Sciences, 2020; doi: 10.1073/pnas.2004168117)

Quelle: PNAS

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