Scheinmedikamente wirken selbst gegen degenerative Hirnkrankheit Placebo gegen Parkinson - scinexx | Das Wissensmagazin
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Scheinmedikamente wirken selbst gegen degenerative Hirnkrankheit

Placebo gegen Parkinson

Ein injiziertes Placebo wirkt stärker - vor allem, wenn es angeblich besonders teuer ist. © freeimages

Hohe Erwartungen: Selbst gegen schwere Krankheiten wie Parkinson wirkt der Placebo-Effekt. Dieser tritt besonders stark auf, wenn der Patient ein angeblich sehr teures Mittel erhält und viel von der Therapie erwartet, wie eine Studie im Fachmagazin „Neurology“ belegt. Ärzte sollten daher mehr auf die Erwartungen ihrer Patienten eingehen und sie mit Information und Kommunikation fördern, empfehlen Mediziner.

Medikamente können wirksam sein, selbst wenn sie gar keine Medikamente sind: Durch den Placebo-Effekt lindern sie Krankheitssymptome auch völlig ohne klinisch relevanten Wirkstoff. Vieles über diesen psychologischen Effekt ist immer noch rätselhaft. Bekannt ist jedoch, dass es auf die Präsentation ankommt: Placebos wirken stärker, wenn sie einem Patienten oder Versuchsteilnehmer mit größerem Aufwand verabreicht werden. Mit einer Spritze injizierte Placebos haben darum einen größeren Effekt als geschluckte Tabletten, und bunte Pillen wirken stärker als weiße.

Teure Injektion weckt hohe Erwartungen

Auch der angebliche Preis eines Medikaments wirkt sich darauf aus, was der Patient davon erwartet und wie es letztendlich wirkt. Diese Erwartungshaltung ist ein entscheidender Bestandteil des Placebo-Effekts – im Marketing übrigens genau wie in der Medizin. Dadurch wird der Effekt offenbar so stark, dass er selbst bei schweren Hirnkrankheiten wie Parkinson wirkt, wie Wissenschaftler um Alberto Espay von der Universität Cincinnati herausgefunden haben.

Für ihre Studie injizierten sie zwölf Parkinson-Patienten im mittleren bis fortgeschrittenen Stadium der Krankheit eine Kochsalzlösung. Der einen Hälfte der freiwilligen Studienteilnehmer teilten die Forscher mit, ihr Medikament würde 1.500 Dollar kosten. Damit weckten sie entsprechend hohe Erwartungen. Die anderen Patienten bekamen eine angeblich nur 100 Dollar teure Injektion. Weil Espay und Kollegen die freiwilligen Studienteilnehmer für ihr Experiment täuschen mussten, hatte eine Ethikkommission strenge Vorgaben gemacht, um Nachteile für die Patienten auszuschließen.

Farbe, Größe und Form des Schein-Präparats beeinflussen die Placebowirkung. Meist gilt: Je größer und farbiger, desto wirksamer. © freeimages

Nachweislich bessere motorische Fähigkeiten

Der je nach Preis unterschiedliche Placebo-Effekt trat deutlich hervor: „Obwohl beide Placebos die motorischen Funktionen verbesserten, war der Nutzen größer, wenn die Patienten zuerst das teure Scheinmedikament bekamen“, berichten die Wissenschaftler. Im Vergleich zum echten Standardwirkstoff Levadopa schnitten beide Placebos zwar schlechter ab. Die Überlegenheit von „teurem“ gegenüber „billigem“ Placebo war jedoch ähnlich groß wie die Überlegenheit von Levadopa gegenüber dem teuren Placebo.

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Die Ergebnisse belegen auch, dass sich die Patienten nicht nur besser fühlten: Die Parkinson-Symptome nahmen tatsächlich ab. Die Probanden hatten messbar bessere motorische Fähigkeiten. Mittels Kernspinresonanz angefertigte Bilder der Hirnaktivität zeigten für beide Placebo-Injektionen sogar ähnliche Effekte wie für den echten Parkinson-Wirkstoff Levadopa. Damit gebe die Studie trotz der geringen Teilnehmerzahl wichtige Resultate.

Kein Argument für teure Medikamente

Die Studie zeige deutlich, dass nicht allein Medikamente für die heilende Wirkung entscheidend seien. „Es geht hier aber nicht um billig versus teuer“, bewertet Ulrike Bingel von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie aus Essen. Wichtiger als der Preis eines Medikaments sei der Einfluss des Arztes: „Die Ergebnisse dürfen nicht fälschlich als Argument für den Einsatz teurer Medikamente interpretiert werden“, stellt die Placebo Expertin klar.

„Vielmehr ist es eine wesentliche Aufgabe für uns als Ärzte, die Erwartungen unserer Patienten an eine Therapie durch gezielte und individuell angepasste Kommunikation positiv zu beeinflussen,“ so Bingel weiter. Sie geht davon aus, dass die Schlussfolgerung der Studie nicht nur für Parkinson-Patienten gilt, sondern für andere Therapien verallgemeinert werden kann. „Bei manchen Therapien ist der Placebo-Effekt sogar noch größer als der Effekt durch das echte Medikament“, so Bingel. „Leider wird dieses große Potenzial in der klinischen Anwendung viel zu wenig beachtet.“ (Neurology, 2015; doi: 10.1212/WNL.0000000000001282)

(Deutsche Gesellschaft für Neurologie, 20.03.2015 – AKR)

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