Paracetamol erhöht die Risikobereitschaft - Gängiges Schmerzmittel verändert die Risikowahrnehmung und fördert riskantes Verhalten - scinexx.de
Anzeige
Anzeige

Paracetamol erhöht die Risikobereitschaft

Gängiges Schmerzmittel verändert die Risikowahrnehmung und fördert riskantes Verhalten

Paracetamol
Paracetamol ist als gängiges Schmerzmittel frei verkäuflich. © mtreasure/ iStock

Psycho-Effekt: Das Schmerzmittel Paracetamol lindert zwar körperliche Schmerzen, erhöht aber offenbar auch unsere Risikobereitschaft, wie eine Studie enthüllt. Statt Gefahren vorab abzuwägen, neigen Menschen, die die Arznei einnehmen, demnach zu vorschnellen Entscheidungen und bringen sich – und ihre Mitmenschen – leichter in Gefahr. Ursache dafür ist der Einfluss des Mittels auf die Risikowahrnehmung.

Bei Beschwerden wie Kopf- oder Rückenschmerzen greifen viele Menschen zu Schmerzmitteln wie Paracetamol oder Aspirin. Die frei verkäuflichen Medikamente lindern die Schmerzen, aber haben auch Nebenwirkungen: Eine zu häufige Einnahme kann Leber- und Nierenschäden oder Magenprobleme auslösen. Bei Paracetamol kann schon eine leichte Überdosis zu einem akuten Leberversagen führen. Außerdem erhöht sich das Risiko für einen Herzinfarkt oder eine Asthmaerkrankung.

Schmerzmittel wirkt auch auf die Psyche

Doch Paracetamol wirkt nicht nur auf den Körper: Studien belegen, dass der Wirkstoff – ein verbreitetes Schmerzmittel und Bestandteil in etwa 600 Medikamenten – auch die Emotionen von Patienten beeinflusst: Sie dämpfen beispielsweise Trauer, Freude und das Mitgefühl für andere.

Das weckte bei Alexis Keaveney von der Ohio State University und ihren Kollegen die Frage, ob Paracetamol auch die Risikobereitschaft beeinflusst. „Weil Risikoeinschätzung und Entscheidungen auf positiven und negativen Affekten basieren, ist es naheliegend, dass Paracetamol auch auf sie wirkt“, erklären die Forscher. In drei Experimenten mit je etwa 150 jungen Studenten erhielt die eine Hälfte der Teilnehmer eine handelsübliche Dosis von 1000 Milligramm Paracetamol, die andere ein Placebo-Medikament ohne Wirkstoffe. Die Einnahme erfolgte, ohne dass die Probanden wussten, um welches Mittel es sich handelte.

Ballonaufblasen als Risikotest

Mithilfe des Computerprogramms “The Balloon Analog Risk Task” (BART), das auch zur Untersuchung von Drogen- oder Alkoholeinnahmen genutzt wird, testeten die Forscher in allen drei Experimenten die Risikobereitschaft der Studienteilnehmer. Die Aufgabe dabei ist es, per Mausklick zu entscheiden, wie weit der Ballon auf dem Computerbildschirm aufgeblasen wird – mit dem Risiko, dass er platzt. Mit jedem Größenzuwachs des Ballons erhalten die Teilnehmer eine virtuelle Geldsumme. Wenn der Ballon jedoch platzt, verlieren sie alle Einnahmen.

Anzeige

Zusätzlich analysierten die Wissenschaftler in zwei der Studien die Risikowahrnehmung anhand einer Reihe von standardisierten Fragen und Entscheidungsaufgaben. Dabei sollten die Probanden verschiedene Aktivitäten nach ihrem Risiko auf einer Skala bewerten. Darunter zum Beispiel die Frage nach einem Bungee-Sprung von einer hohen Brücke oder nach einer überflüssigen Unterbrechung eines wichtigen Meetings.

Keep on Pumping – volles Risiko unter Paracetamol-Einfluss

Die Ergebnisse: Die Ballon-Experimente zeigten deutlich, dass die Einnahme von Paracetamol die Risikobereitschaft steigert. Unter Einfluss des Schmerzmittels pumpten die Probanden den Ballon durchschnittlich fast 40 Mal auf – ohne Wirkstoffe waren es nur etwa 33 Mal. Dadurch platzte er im Vergleich deutlich häufiger.

Die höhere Risikobereitschaft spiegelte sich auch in der Haltung der Probanden wider: „Diejenigen, die Paracetamol eigenommen hatten, empfanden weniger Angst und negative Emotionen, als der Ballon größer wurde und zu platzen drohte“, fasst Keaveneys Kollege Baldwin Way zusammen.

Die weiteren Experimenten ergaben, dass die Probanden unter dem Einfluss des Schmerzmittels auch riskante Aktivitäten – im Vergleich zu den anderen Teilnehmern – als weniger risikoreich einschätzten. „Paracetamol lässt die Menschen weniger negative Emotionen empfinden, wenn sie über riskante Aktivitäten nachdenken – sie haben weniger Angst“, begründet Way auch hier. Weder das Bungee-Springen noch Dunkelheit oder der Beginn einer neue Karriere schreckte die Betroffenen ab.

„Potenziell gravierende Auswirkungen auf die Gesellschaft“

Nach Ansicht der Forscher belegen ihre Ergebnisse, dass die Einnahme von Paracetamol die Risikowahrnehmung und Gemütslage beeinflussen kann. Daraus folgt, dass Patienten, die das Schmerzmittel zu sich nehmen, damit nicht nur ihre körperlichen Schmerzen lindern: Als Nebeneffekt haben sie zusätzlich eine erhöhte Risikobereitschaft und erwarten seltener Gefahren. Das führt zu unbedachten Entscheidungen – mit potenziell fatalen Folgen.

„Die Ergebnisse haben auch Bedeutung für den Alltag“, so Way. Bereits bei gewohnten Tätigkeiten – wie dem Autofahren – müssen ständig Entscheidungen getroffen werden, die zur Sicherheit im Straßenverkehr beitragen. Erhöht sich die Risikobereitschaft des Fahrers, geraten er selbst und andere Verkehrsteilnehmer eher in Gefahr. Angesichts der Tatsache, dass in den USA fast 25 Prozent der Bevölkerung wöchentlich Paracetamol zu sich nehmen, „könnte dies gravierende Auswirkungen auf die Gesellschaft haben“, warnt Way.

Der Forscher nennt ein weiteres aktuelles Problem: „Paracetamol ist ein von US-Gesundheitsbehörden empfohlenes Mittel bei COVID-19- Symptomen.“ Patienten, die diese Arznei einnehmen, könnten womöglich das Risiko einer Ansteckung schlechter einschätzen und unbedacht andere Menschen treffen – und infizieren.

Die Wissenschaftler fordern daher: „Wir müssen die Effekte von Paracetamol und anderen frei verkäuflichen Arzneimitteln hinsichtlich ihrer Risiken besser erforschen.“ (Social Cognitive and Affective Neuroscience, 2020; doi: 10.1093/scan/nsaa108)

Anzeige

In den Schlagzeilen

Diaschauen zum Thema

Dossiers zum Thema

Schmerz - Alarmstufe Rot im Nervensystem

Doping - Siege, Rekorde und Medaillen um jeden Preis?

News des Tages

Bücher zum Thema

Bittere Pillen - Nutzen und Risiken der Arzneimittel

Schmerzen verstehen - von David Butler und Lorimer G. Moseley

Schmerz - Eine Kulturgeschichte von David Le Breton

Top-Clicks der Woche

Anzeige
Anzeige