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Neuro-Covid: Immunveränderungen im Nervenwasser

Patienten mit neurologischen Symptomen zeigen schwächere Immunantwort im Nervensystem

Gehirn
Eine geschwächte Immunantwort des Nervensystems könnte die Anfälligkeit mancher Covid-19-Patienten für neurologische Folgen erklären. © peterschreibermedia / iStock

Spezifisches Immunprofil: Warum hat eine Corona-Infektion nur bei manchen Patienten neurologische Folgen? Darauf könnten Forscher nun eine Antwort gefunden haben. Demnach weisen Covid-19-Patienten mit neurologischen Komplikationen im Nervenwasser veränderte und geschwächte Immunzellen auf. Das deutet auf eine geschwächte Immunantwort des Nervensystems hin – und könnte bei der Früherkennung helfen.

Viele Menschen, die am Coronavirus SARS-CoV-2 erkranken, erleben nicht nur die Auswirkungen auf die Lunge, sondern auch auf das Nervensystem. Das Virus kann über den Riechnerv ins Gehirn gelangen und dort Hirnzellen und Nerven befallen. Selbst wenn die sonstigen Symptome mild ausfallen, sind neurologische Folgen keine Seltenheit. Dazu zählen Geruchs- und Geschmacksstörungen, Hirnentzündungen und -schädigungen, die zu neurologischen und psychiatrischen Auffälligkeiten führen, sowie Schlaganfälle.

In der Fachwelt werden diese Symptome als Neuro-Covid zusammengefasst. Bislang können Ärzte und Wissenschaftler aber kaum erklären, welche Menschen unter welchen Umständen daran erkranken und warum.

Erschöpfte T-Zellen und veränderte weiße Blutkörperchen

Jetzt liefert eine Studie neue Hinweise. Forscher um Michael Heming von der Universität Münster haben das Nervenwasser von acht Patienten mit neurologischen Covid-19-Symptomen untersucht. Das Immunzellprofil der Rückenmarksflüssigkeit verglichen sie mit dem von Patienten mit anderen neurologischen Erkrankungen wie Multipler Sklerose, viraler Hirnentzündung oder nicht-entzündlich erhöhtem Hirndruck.

Das Ergebnis: Neuro-Covid-Patienten wiesen spezifische Veränderungen bei den Immunzellen im Nervenwasser auf, die sich deutlich von allen anderen untersuchten Krankheiten unterschieden. Ihre Monozyten, die einen Teil der Weißen Blutkörperchen ausmachen, waren zum Teil dedifferenziert, hatten also einen Teil ihrer typischen Eigenschaften wieder zurückgebildet.

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Die T-Zellen, die zur spezifischen Abwehr gehören, zeigten Anzeichen von „Erschöpfung“. Dieses Phänomen ist unter anderem von chronischen Erkrankungen und Krebs bekannt, wenn die T-Zellen so lange mit einem Antigen konfrontiert werden, dass ihre Reaktion nach und nach schwächer wird. Auch die Entzündungsmarker im Nervenwasser der Covid-19-Patienten waren erhöht, allerdings weniger als bei Menschen mit viraler Hirnentzündung. Das SARS-CoV-2-Virus selbst konnten die Forscher nicht im Nervenwasser nachweisen.

Abgeschwächte Immunantwort des Nervensystems

„Zusammenfassend deutet das auf eine verminderte Immunantwort im Nervensystem auf SARS-CoV-2 hin“, erklärt Hemings Kollege Gerd Meyer zu Hörste. Frühere Studien hatten zwar schon ähnliche Veränderungen im Blut von Patienten mit schweren pulmonalen Verläufen gezeigt. Die neuen Daten aus den Nervenwasser belegen nun jedoch, dass auch bei ansonsten milden Verläufen die nervenspezifische Immunantwort geschwächt sein kann.

„Das Irritierende an Covid-19 ist ja gerade, dass auch Betroffene mit ganz leichten Krankheitsverläufen zum Teil schwere neurologische Symptome entwickeln können“, kommentiert Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. Die Studie zeigt nun einen möglichen Grund dafür auf: „Unsere Daten deuten darauf hin, dass neurologische Symptome und Folgeerkrankungen somit keine reinen ‚Nebenerscheinungen‘ einer schweren pulmonalen Covid-19-Erkrankung sind, sondern eine eigenständige Entität darstellen könnten“, so Meyer zu Hörste.

Früherkennung möglich?

Die Erkenntnis, dass die Immunantwort im Nervenwasser von Neuro-Covid-Patienten abgeschwächt ist, liefert somit eine mögliche Erklärung für das Krankheitsbild. Unter Umständen könnte sie sogar bei der Früherkennung helfen: „Möglicherweise lässt sich dann nach einer Nervenwasseranalyse nach Infektion mit SARS-CoV-2 schon vorhersagen, ob der Betroffene neurologische Symptome entwickeln wird“, sagt Hemings Kollege Heinz Wiendl.

Allerdings ist die Gewinnung von Nervenwasser aus dem Rückenmark ein sehr invasiver Eingriff, der für die Patienten nicht nur unangenehm ist, sondern auch Risiken birgt. Aus eben diesem Grund konnten die Autoren auch nur Patienten in die Analyse einbeziehen, bei denen ohnehin aus medizinischen Gründen Nervenwasser entnommen werden musste. Allein zu wissenschaftlichen Zwecken wäre der Eingriff nicht zu rechtfertigen gewesen, weshalb an der Studie keine Covid-19-Patienten ohne neurologische Symptome teilnahmen.

„Unsere Erkenntnisse liefern die Grundlage, um Neuro-Covid in Zukunft besser zu verstehen und womöglich zu diagnostizieren“, schreiben die Autoren. Um die Ergebnisse zu bestätigen, sind jedoch weitere, größere Studien erforderlich. (Immunity, 2020; doi: 10.1016/j.immuni.2020.12.011)

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V.

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