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Nerven-Stimulation gegen Cluster-Kopfschmerz

Reizung des Okzipitalnervs mit Unterhaut-Elektroden verringert Attackenhäufigkeit

Cluster-Kopfschmerz
Cluster-Kopfschmerz ist extrem intensiv und wiederkehrend, seine Behandlung ist meist schwierig. © peterschreiber.media/ Getty images

Hoffnung gegen den hartnäckigen Kopfschmerz: Die äußere Stimulation eines Kopfnervs kann gegen, therapieresistenten Cluster-Kopfschmerz helfen, wie eine Phase-III-Studie nun nahelegt. Dabei bekamen die Patienten eine Elektrode unter die Haut implantiert, die den Okzipitalnerv im Nacken reizt. Dies verringerte die Häufigkeit der Kopfschmerz-Attacken um die Hälfte und die Intensität der Schmerzen um 30 Prozent, wie die Forscher im Fachmagazin „Lancet Neurology“ berichten.

Ähnlich wie die Migräne ist der Cluster-Kopfschmerz von wiederkehrenden, einseitigen Kopfschmerz-Attacken geprägt – teilweise mehrfach am Tag. Meist konzentrieren sich diese in der Schläfenregion und rund um das Auge und ziehen den Trigeminusnerv entlang. Bestimmte Auslöser können diese Anfälle provozieren, die Ursachen des Cluster-Kopfschmerzes sind jedoch ungeklärt. Das erschwert auch die Behandlung und Vorbeugung der sehr schmerzintensiven Attacken. Normale Schmerzmittel und selbst Opioide sind meist wirkungslos. Spezielle Migränemittel wie Triptane und die Inhalation von reinem Sauerstoff können dagegen lindernd wirken.

Nervenreizung gegen den Kopfschmerz

Eine weitere Therapiemöglichkeit haben nun Leopoldine Wilbrink von der Universität Leiden und ihre Kollegen in einer Phase-III-Studie getestet. Dabei wird ein kleiner elektrischer Impulsgeber unter die Haut implantiert, von dem aus dünne Elektroden zum Nacken, in Richtung der beiden Okzipitalnerven verlaufen. Die elektrische Reizung dieser Nerven führt zu einem Kribbeln und leichten Taubheitsgefühl und soll die Schmerzsignale im Hirnstamm hemmen. Bei therapieresistenter Migräne wird diese Okzipitalnerven-Stimulation (ONS) bereits durchgeführt.

Für die Studie erhielten 150 Patienten mit häufigen, nicht behandelbaren Cluster-Kopfschmerzen in den Niederlanden, Belgien, Deutschland und Ungarn die ONS-Elektroden eingepflanzt. Nach einer zwölfwöchigen Beobachtungsphase folgte über 24 Wochen eine ONS – in einer Gruppe mit 100 Prozent der zuvor als betäubend ermittelten Intensität, bei der anderen mit 30 Prozent. In den Wochen 25 bis 48, wurde mit individuell optimierten ONS-Dosierungen weiter stimuliert.

Attacken um die Hälfte reduziert

Das Ergebnis: Beide Stimulationsarten führten zu einer schnellen und anhaltenden Verringerung der Attackenhäufigkeit um durchschnittlich 50 Prozent. Statt anfangs rund 15 Anfälle pro Woche erlitten die Teilnehmer im Schnitt nur noch sieben, wie das Team berichtet. Parallel dazu sank auch die Schmerzintensität während der Attacken um ein Drittel. Entgegen den Erwartungen wirkte dabei die geringe Stromdosis ebenso gut wie die höhere.

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„Möglicherweise gibt es also eine gewisse Effektivitäts-Schwelle, ab der die Wirkung eintritt – und keine lineare Dosis-Wirkungs-Beziehung“, kommentiert Hans-Christoph Diener von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, der nicht an der Studie beteiligt war. Auch ein gewisser Placeboeffekt könne nicht ausgeschlossen werden, weil keine echte Placebo-Behandlung möglich ist: Bleibt die Stimulation komplett aus, merken dies die Patienten.

Alternative für medikamentenresistente Schmerzen

Nach Ansicht von Wilbrink und ihrem Team sprechen die Ergebnisse aber dafür, dass die Okzipitalnerven-Stimulation gegen therapieresistenten Cluster-Kopfschmerz helfen kann. Ähnlich wie schon bei hartnäckiger Migräne scheint die Nervenreizung die Mechanismen zu stören, die die wiederkehrenden Schmerzattacken hervorrufen. Zumindest die Teilnehmer der Studie empfanden dies als große Erleichterung: Fast alle würden die ONS anderen Betroffenen weiterempfehlen, ungefähr Dreiviertel davon sogar besonders nachdrücklich.

„Das Verfahren stellt eine mögliche Alternative für Patientinnen und Patienten mit medikamentenresistentem Cluster-Kopfschmerz dar“, erklärt Peter Berlit von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. „Dies ist auch unter dem Aspekt möglicher Nebenwirkungen der medikamentösen Therapie relevant. Die Erforschung von Stimulationstherapien bleibt ein Zukunftsfeld der neurologischen Forschung.“ (Lancet Neurology, 2021; doi: 10.1016/S1474-4422(21)00101-0)

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V.

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