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Mit Mozart gegen die Epilepsie

Nur die Klaviersonate KV448 dämpft den überschießenden Signalsturm im Gehirn

Gehirn
Eine bestimmte Klaviersonate von Mozart kann offenbar epileptische Anfälle dämpfen – aber warum? © Henrik5000 / iStock

Rätselhafter Effekt: Eine bestimmte Klaviersonate von Mozart kann epileptischen Anfällen entgegenwirken – aber kein anderes Musikstück hat eine vergleichbare Wirkung. Wenn Patienten diese Sonate hören, ebben die Epilepsie-typischen EEG-Spitzen in ihrem Gehirn deutlich ab, wie Messungen enthüllen. Sie liefern zudem erste Hinweise darauf, warum nur dieses Mozartstück eine so ausgeprägt lindernde Wirkung selbst auf sonst therapieresistente Epilepsie hat.

Musik löst bei uns Menschen mehr als nur ein subjektives Wohlgefühl aus: Die heilsame Wirkung der Musik kann Schmerzen und Ängste lindern, stärkt das Immunsystem und hilft Herz und Gehirn. Sogar die Aktivität unserer Gene verändert sich zum Positiven, wenn wir beispielsweise einem Musikstück von Mozart lauschen. Widerlegt ist dagegen der vermeintliche „Mozart-Effekt“ auf den IQ: Wenn Kinder klassische Musik hören, macht sie dies später nicht schlauer.

Klaviersonate von Mozart dämpft Epilepsie – aber warum?

Doch es gibt eine heilsame Wirkung, die offenbar ausschließlich von Mozarts Musik ausgeht – und sogar nur von einem einzigen Stück: Die Sonate für zwei Klaviere in D-Dur (KV448) kann Epilepsie-Anfälle lindern. Hören Patienten diese Sonate, mildert dies ihre Krämpfe und dämpft die für den Anfall typischen Hirnstrom-Spitzen, wie EEG-Studien und Hirnscans gezeigt haben. „Es gibt in der Epilepsieforschung inzwischen anhaltende Bestätigung für diesen ‚Mozart-KV448-Effekt'“, erklären Robert Quon vom Dartmouth College in New Hampshire und seine Kollegen.

Das Merkwürdige daran: Diese Wirkung konnte bisher mit keinem anderen Musikstück repliziert werden. Es gibt zwar eine weitere Klaviersonate von Mozart mit ähnlicher, wenn auch etwas schwächerer Wirkung. Keine andere klassische oder moderne Musik scheint ähnlich gut gegen Epilepsie zu helfen. Aber warum? „Die genauen Ursache des Mozart-KV448-Effekts sind unbekannt“, so Quon und sein Team.

Verringerung der epileptischen „Spikes“ im Gehirn

Deshalb haben die Forscher nun die Chance genutzt, 16 Patienten mit Epilepsie genauer ins Gehirn zu blicken. Weil ihre Anfälle nicht auf medikamentöse Behandlungen ansprachen, waren den Patienten zur genaueren Diagnose Elektroden ins Gehirn eingesetzt worden. Dies gab den Forschern die Möglichkeit, die Gehirnströme und Hirnaktivität direkt „vor Ort“ zu erfassen, während ihre Testpersonen unterschiedlich lange Ausschnitte aus der Mozartsonate oder anderen Musikstücken hörten.

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Spikes
EEG mit Wechsel zu den typischen Spikes eines epileptischen Anfalls. © undefined/ Getty images

Die Tests bestätigten: Das Hören der Mozart-Sonate KV448 verringerte die Intensität der Epilepsie-typischen „Spikes“ in den Hirnströmen der Patienten um im Schnitt 66,5 Prozent. Auch die mit den Krampfanfällen verbundenen Symptome fielen schwächer aus, wie Quon und seine Kollegen berichten. Als wirksam erwiesen sich dabei nur Sonaten-Ausschnitte, die länger als 30 Sekunden anhielten. Kürzere Abschnitte oder andere Musik, inklusive der Lieblingsstücke der Probanden, halfen dagegen nicht.

Ohne Gamma-Frequenzen funktioniert es nicht

Keine Wirkung zeigte sich auch bei einer Version der Mozartsonate, bei der das Team die tiefen Frequenzen und vor allem den Gamma-Frequenzbereich um 40 Hertz herausgefiltert hatte. Diesem Tonbereich wird eine stimulierende Wirkung auf die Hirnaktivität nachgesagt, umgekehrt gelten Gamma-Hirnwellen als Signal für Wachheit, sind bei Epilepsiepatienten aber auch mit sich anbahnenden Anfällen verknüpft.

„Aber ungeachtet dessen belegen unsere Ergebnisse für die veränderte Sonate sowie für ähnliche und bevorzugte Musikstücke mit ähnlichen Frequenzstrukturen, dass Mozarts Komposition etwas Spezielles an sich haben muss“, schreiben die Wissenschaftler. Irgendetwas am Aufbau dieser Sonate und ihren Melodieabfolgen oder Harmonien scheint speziell auf Epilepsie zu wirken. Aber was?

Thetawellen im Frontalhirn

Um das herauszufinden, führten Quon und seine Kollegen weitere Analysen der Hirnstromdaten durch. „Als nächstes wollten wir sehen, ob wir den ‚Mozart-Effekt‘ genauer lokalisieren können“, erklären sie. Dabei zeigte sich, dass die Epilepsie-Signaturen nicht nur am Herd der Anfälle gedämpft wurden, sondern auch auf beiden Seiten des frontalen Cortex – den Teilen des Stirnhirns, die unter anderem an der Regulation emotionaler Reaktionen beteiligt sind.

Beim Hören der Mozartsonate mehrten sich in diesen Hirnarealen die langsamen Thetawellen, wie die Forschenden feststellten. Dieses Wellenmuster tritt normalerweise auf, wenn wir tiefenentspannt oder im Dämmerschlaf sind. Auffallend auch: Anders als viele andere Musikstücke ist der Anfang der Mozartsonate aus mehreren kontrastierenden musikalischen Themen mit jeweils eigenen Harmonien aufgebaut. „Es gab dabei eine signifikante Assoziation zwischen einer erhöhten frontalen Theta-Aktivität und den Übergängen zwischen diesen musikalischen Abschnitten“, berichten die Wissenschaftler.

Auf dem Weg zu einer Musiktherapie

Nach Ansicht von Quon und seinen Kollegen könnten diese Ergebnisse darauf hindeuten, dass die spezielle musikalische Struktur der Mozartsonate KV448 eine wichtige Rolle für ihre epilepsielindernde Wirkung spielt. Möglicherweise löst sie unbewusste emotionale Reaktionen aus, die dann im Frontalhirn die dämpfenden Thetawellen fördern. „Unsere Resultate sprechen in dem Falle dafür, den Mozart-KV488-Effekt weiter als nichtinvasive, nichtpharmakologische Intervention für Epilepsie zu untersuchen“, schreibt das Team.

Als nächstes wollen die Forschenden nun testen, ob sie gezielt Musikstücke produzieren können, die die wirksamen Strukturen der Mozartsonate aufweisen. Das könnte dabei helfen, die für diese Wirkung nötigen Strukturen zu identifizieren und auf dieser Basis dann eine gezieltere Musiktherapie zu entwickeln. (Scientific Reports, 2021; doi: 10.1038/s41598-021-95922-7)

Quelle: Scientific Reports

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