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Magersucht verzerrt auch unbewusstes Körperbild

Selbstbild bleibt auf dem Stand vor der Anorexie "eingefroren"

Körperbild
Magersucht ist mehr als nur ein übermäßiger Schlankheitswahn: Die unbewusste Körperwahrnehmung ist gestört. © Albina Gavrilovic/ iStock

Im Zerrspiegel: Menschen mit Magersucht haben typischerweise eine gestörte Wahrnehmung ihres Körpers. Dabei ist auch ihre unbewusstes Körperschema verzerrt und auf falschen Werten „eingefroren“, wie nun ein Experiment bestätigt. Erkrankte konnte dabei schwer einschätzen, ob sie durch eine enge Tür passen und machten sich instinktiv schmaler als nötig. Gängige Therapien berücksichtigen diese unterbewusste Fehleinschätzung bisher jedoch oft nicht, wie die Forscher erklären.

Anorexia nervosa ist eine Essstörung, bei der Erkrankte extrem wenig essen und versuchen, etwa durch die Einnahme von Abführmitteln oder übertriebenen Sport, viel Gewicht zu verlieren. Die Ursachen der im Extremfall lebensbedrohlichen Magersucht sind erst zum Teil geklärt. So könnten vorgeburtliche Einflüsse, eine genetische Veranlagung und Veränderungen im Gehirn eine Rolle spielen.

Gestörtes Körperbild

Bekannt ist zudem, dass Betroffene eine gestörte Körperwahrnehmung besitzen: Sie überschätzen die Ausmaße ihrer Körpers. „Diese Diskrepanz bezieht sich auf den bewussten Teil der Körperwahrnehmung, das Körperbild“, erklärt Seniorautor Martin Diers von der Ruhr-Universität Bochum. Verantwortlich dafür könnten eine Anomalie in den für die Körperwahrnehmung zuständigen Hirnarealen sein.

Doch neben diesem bewussten Körperbild besitzen Menschen auch ein Körperschema – das unbewusste Körpergefühl. Dieses sagt uns zum Beispiel automatisch, wo wir uns im Raum befinden und passt sich normalerweise an die aktuelle Situation an: Wir können damit beispielsweise abschätzen, wie viel breiter wir sind, wenn wir einen Rucksack oder einen sperrigen Hut tragen.

Was eine Tür verraten kann

Ob bei Patienten mit Magersucht auch dieser unbewusste Teil der Körperwahrnehmung gestört ist, haben nun Diers, Erstautorin Nina Beckmann und ihre Kollegen getestet. Um Experiment sollten 23 Menschen mit Anorexie und 23 gesunde Vergleichspersonen unter einem frei erfundenen Vorwand durch Türrahmen unterschiedlicher Breite gehen. „Die Öffnung war dabei an die Schulterbreite der Probandinnen und Probanden angepasst und variierte zwischen dem 0,9-fachen und dem 1,45-fachen dieser Breite“, so Diers.

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Die Wissenschaftler beobachteten dabei, ab welcher Türbreite sich die Teilnehmenden instinktiv seitlich drehten, bevor sie die Tür passierten. Dies ist ein Hinweis darauf, dass sie ihren unbewusst als zu breit für die Öffnung einschätzten. Im Anschluss beantworteten die Testpersonen einen Fragebogen zu ihrem Körperbild.

Experiment
Auch wenn der Türrahmen breit genug war, drehten Magersüchtige sich seitlich, um hindurchzugehen. © RUB/ Marquard

Patienten fühlen sich unbewusst breiter

Es zeigte sich: Die an Anorexie erkrankten Teilnehmer drehten ihre Schultern schon bei deutlich breiteren Türen zur Seite weg als gesunde Kontrollpersonen. „Das zeigt uns, dass sie auch unbewusst ihre Ausmaße größer einschätzen als sie wirklich sind“, folgert Beckmann. Die Tendenz zum frühen Wegdrehen ging auch mit einer negativen Einschätzung des eigenen Körpers, einer körperlichen Unsicherheit und einem geringen Selbstwertgefühl einher, wie das Forscherteam den Fragebögen entnahm.

Die Wissenschaftler schließen aus ihrem Experiment, dass bei Patienten mit Anorexie auch die unbewusste Körperwahrnehmung nicht zum realen Aussehen passt. „Ein kohärentes Körperbild erfordert die Integration vieler verschiedener Sinnesinformationen“, erklären Beckmann und ihr Team. „Bei Anorexie ist diese multisensorische Integration aber gestört.“ Dadurch bleibt das unbewusste Selbstbild der Betroffenen auf einem Stand stehen, der die Körpermaße vor Beginn der Anorexie widerspiegelt.

Therapien erfassen das Problem bisher oft nicht

Das Problem daran: Viele therapeutische Ansätze gegen Magersucht setzen nur am bewussten Selbstbild an. Das unbewusste Körperbild der Betroffenen bleibt dabei aber unverändert verzerrt. Abhilfe schaffen könnten Behandlungsformen, die aktiv die Sinneswahrnehmung des eigenen Körpers fördern. „Die Therapien sollten sich darauf konzentrieren, die eingespeicherten veralteten Körperdimensionen zu aktualisieren „, so die Forscher.

Erste Erfolge gab es bereits durch so einfache Maßnahmen wie das Tragen eines Neoprenanzugs. Der subtile Druck dieses Anzugs löste taktile Reize aus, die zu einer Änderung des unbewussten Körperbilds führten. Auch der Einsatz virtueller Realität könne helfen, die Wahrnehmung des eigenen Körpers anzupasen, so Beckmann und ihre Kollegen.
(International Journal of Eating Disorder, 2020, doi: 10.1002/eat.23451)

Quelle: Ruhr-Universität Bochum

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