Beteiligung von Stoffwechselgenen legt nahe: Anorexie ist keine rein psychische Erkrankung Magersucht liegt auch in den Genen - scinexx | Das Wissensmagazin
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Beteiligung von Stoffwechselgenen legt nahe: Anorexie ist keine rein psychische Erkrankung

Magersucht liegt auch in den Genen

Genetische Veranlagung
Gestörtes Körperbild: Anorexie hat eine starke erbliche Komponente. © Svisio/ istock

Nicht nur psychisch? Forscher haben acht Genbereiche identifiziert, die bei der Entstehung von Magersucht mitmischen. Das Interessante daran: Diese DNA-Abschnitte spielen zum Teil auch eine Rolle für den Stoffwechsel. Damit legen die Ergebnisse nahe, dass die Essstörung nicht nur auf psychischen Faktoren beruht. Stattdessen könnten metabolische Störungen ebenfalls an der Anorexie beteiligt sein, wie das Team im Fachmagazin „Nature Genetics“ berichtet.

Magersucht ist eine Essstörung, die vor allem junge Frauen betrifft. Erkrankte essen typischerweise kaum noch etwas und versuchen oft auch durch Methoden wie die Einnahme von Abführmitteln oder übertriebenen Sport eine Gewichtszunahme zu vermeiden. Dahinter steckt eine gestörte Körperwahrnehmung: Menschen mit Anorexie fühlen sich selbst dann noch zu dick, wenn sie bereits extrem abgemagert sind – und das kann tödliche Folgen haben. „Bei keiner anderen psychiatrischen Erkrankung ist die Sterblichkeitsrate so hoch wie bei Magersucht“, erklären Forscher um Hunna Watson von der University of North Carolina in Chapel Hill.

Genetische Risikofaktoren im Blick

Die Ursachen dieser gefährlichen Krankheit sind bisher erst in Teilen geklärt. Neben einer Vielzahl von äußeren Einflussfaktoren wie Stress und familiären Problemen in der frühen Kindheit scheinen auch die Gene eine Rolle zu spielen. Studien mit Familien und Zwillingen legen nahe, dass Magersucht eine erhebliche erbliche Komponente besitzt. Doch welche Gene beeinflussen die Anfälligkeit für die Erkrankung? Um dies herauszufinden, haben Watson und ihre Kollegen jetzt ins Erbgut von knapp 17.000 Anorexie-Patienten und 55.500 gesunden Kontrollpersonen geblickt.

Tatsächlich fanden die Wissenschaftler bei ihren Analysen acht auffällige DNA-Bereiche auf insgesamt sechs unterschiedlichen Chromosomen. Bestimmte Variationen an diesen Genorten scheinen mit dem Risiko für Magersucht in Verbindung zu stehen, wie sie berichten. Das Interessante daran: Bei den nun identifizierten Regionen im Genom handelt es sich um alte Bekannte – sie wurden in früheren Studien bereits mit anderen Krankheiten und biologischen Besonderheiten in Zusammenhang gebracht.

Die Rolle des Stoffwechsels

So spielt ein Teil der auffälligen DNA-Bereiche auch eine Rolle für psychiatrische Störungen wie Depressionen oder Schizophrenie. Zudem gibt es den Forschern zufolge Überschneidungen mit genetischen Faktoren, die die körperliche Aktivität beeinflussen. „Dies könnte erklären, warum Menschen mit Anorexia nervosa häufig übertrieben aktiv sind“, konstatieren sie.

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Das Spannendste aber: Die genetische Basis der Magersucht scheint zum Teil auch dieselbe zu sein wie die bestimmter Stoffwechselmerkmale. So identifizierten Watson und ihr Team Parallelen zu Eigenschaften wie dem Blutzucker, dem Fettstoffwechsel und auch Körpermaßen. „Metabolische Störungen bei Anorexie-Patienten werden häufig als Folge des Hungerns gedeutet. Doch unsere Studie zeigt, dass Unterschiede im Stoffwechsel auch zur Krankheitsentstehung beitragen könnten“, sagt Mitautor Gerome Breen vom King’s College London.

Eine metabolisch-psychiatrische Störung?

Damit legen die Ergebnisse nahe, dass Magersucht zwei wesentliche Komponenten hat: zum einen die bekannte psychische und zum anderen eine metabolische. Schon in der Vergangenheit wurde den Forschern zufolge wiederholt in Frage gestellt, ob Anorexie wirklich eine rein psychische Erkrankung ist. „Unsere Erkenntnisse sprechen für eine Rekonzeptualisierung der Anorexia nervosa als metabolisch-psychiatrische Störung“, erklären sie.

Dieser neue Blick auf die Essstörung könnte in Zukunft die Therapie erleichtern, so die Hoffnung: „Bisher galt der Fokus bei der Behandlung vor allem psychologischen Aspekten. Dass der Einfluss des Stoffwechsels unterschätzt wurde, ist womöglich mitverantwortlich für die schlechten Therapieerfolge bei Betroffenen“, sagt Watsons Kollegin Cynthia Bulik.

Neuer Ansatz für Therapien

Nach Ansicht der Wissenschaftler könnte der durch diese genetischen Faktoren gestörte Stoffwechsel unter anderem erklären, warum Patienten selbst nach zunächst erfolgreicher Gewichtszunahme durch entsprechende Therapie Probleme damit haben, langfristig ein gesundes Körpergewicht zu halten. „Auf der Suche nach neuen Behandlungsmöglichkeiten sollten künftig sowohl psychologische als auch metabolische Treiber hinter dieser potenziell tödlichen Erkrankung in Betracht gezogen werden“, schließen sie. (Nature Genetics, 2019; doi: 10.1038/s41588-019-0439-2)

Quelle: Nature Press/ King’s College London/ University of North Carolina

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